Stand: 02.09.2019 10:20 Uhr

Glasner: Für den Erfolg reißt er Mauern ein

von Andreas Bellinger, NDR.de
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Oliver Glasner ist seit diesem Sommer Trainer beim VfL Wolfsburg.

Ein bisschen anders tickt er schon, der Oliver Glasner aus Österreich. Den Spielern des VfL Wolfsburg will der neue Trainer auf Augenhöhe begegnen, überzeugen, statt von oben herab zu regieren. Und das im persönlichen Gespräch, nicht via Textnachrichten. Old school, nennt er das selbst - mit vollster Überzeugung. Der 45-Jährige ist im besten Sinne ein Fußball-Lehrer, dem der Blick über den Tellerrand die "wirklich wichtigen Dinge des Lebens" immer dann offenbare, "wenn ich merke, dass ich unzufrieden bin und zu nörgeln beginne". Das Heimspiel gegen Aufsteiger Paderborn hatte dieses Potenzial, als beim 1:1 nicht nur der Vereins-Startrekord misslang, sondern sich in Xaver Schlager (Knöchelbruch) und Keeper Koen Casteels (Haarriss im Wadenbein) zudem zwei Spieler schwer verletzten.

Oliver Glasner im Sportclub

Glasner: "Versuche, über den Tellerrand zu blicken"

Sportclub -

Oliver Glasner ist seit diesem Sommer Trainer des Bundesligisten VfL Wolfsburg. Der Österreicher im Sportclub über seine Ziele mit den "Wölfen", den Saisonauftakt und das Wichtigste im Leben.

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Vertrauen statt schlaflose Nächte

"Das ist extrem bitter für die Spieler. Da leiden wir alle mit", sagt Glasner, der diese Momente eines Sportlebens zur Genüge kennt, musste er seine Spielerkarriere doch nach einem lebensbedrohlichen Zwischenfall vor acht Jahren beenden. "Fußball ist meine Riesenleidenschaft", bekennt er im NDR Sportclub. "Trotzdem ist es nicht das Einzige." Gesundheit und Familie stünden an erster Stelle. Erst dann komme mit einigem Abstand der Fußball. "Jetzt müssten eben andere in die Bresche springen", sagt Glasner ("Schlaflose Nächste habe ich nicht"), weitere Transfers seien nicht geplant.

Geheimtipp aus Österreich

Der (letztlich missglückte) Traumstart hätte bei seinem Debüt im Studio des NDR natürlich bestens ins Bild gepasst. Doch auch so kann sich Glasner über eine gelungene Premiere in der Fußball-Bundesliga freuen. Der VfL ist noch ungeschlagen. Die Zweifel an dem vielerorts unbekannten Österreicher, dessen Meriten als Vizemeister mit dem Linzer ASK vor der Saison nicht jedem Fußballfan präsent waren, sind jedenfalls schon nach drei Spieltagen im deutschen Oberhaus zerstoben. Wie es scheint, hat der Geheimtipp den langen Schatten seines Vorgängers Bruno Labbadia, der sich nach Platz sechs und offenkundigen Meinungsverschiedenheiten mit VfL-Sportgeschäftsführer Jörg Schmadtke verabschiedet hat, hinter sich gelassen.

Die "Wölfe" parieren

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Oliver Glasners Art kommt bei den VfL-Profis gut an.

Der Prozess ist gestartet - Traumstart hin oder her. "Die Spieler haben es uns relativ leicht gemacht, dass wir uns auch hier austoben können", sagt Glasner im Sportclub. Authentisch will er sein und geradlinig. Respekt und Vertrauen sind seine Maximen im Umgang mit seinen Spielern, denen er - wann immer möglich - auch in privaten Dingen zur Seite stehen will. "In der Kabine darf es auch locker zugehen. Auf dem Platz habe ich aber klare Vorstellungen." Die "Wölfe" parieren, harmonieren mit dem Trainer, der Offensive fordert und Fehler ausdrücklich verzeiht. "Den Gegner früh stören, unter Druck setzen und weit vom Tor weghalten", beschreibt er seine Philosophie: "Das Wichtigste ist mir, dass alle von der ersten bis zur letzten Sekunde daran glauben, gewinnen zu können."

Zwischen Leben und Tod

Seine eigene Karriere als Profi hätte Glasner um ein Haar nicht überlebt. Im August 2011, wenige Wochen nach dem zweiten Gewinn des Pokalwettbewerbs, kam für ihn das Aus als Spieler des SV Ried. Blutüberströmt war er nach einem Zusammenprall in der Partie gegen Rapid Wien vom Platz geführt worden. Diagnose: Cut über dem Auge und eine leichte Gehirnerschütterung. Doch es war viel schlimmer, es ging um Leben und Tod, wie sich Tage später im Vorfeld der Europa-League-Qualifikation bei Brøndby Kopenhagen zeigen sollte. Team-Manager Rudi Zauner fand Glasner in seinem Hotelzimmer. Blutung zwischen Gehirn und harter Hirnhaut - Subduralhämatom. Notoperation. Ein Schock "vor allem für die Familie", so der dreifache Vater, dessen jüngstes Kind damals ein Jahr alt war.

Erfolg im Fußball und beim Studium

"Die Kopfbälle im Abschlusstraining haben mir vielleicht das Leben gerettet. Sonst wäre die Blutung womöglich im Schlaf aufgetreten - es hätte zu spät sein können", wird Glasner in der "Wolfsburger Allgemeinen" zitiert.

Glück im Unglück - und die Schilderung der dramatischen Situation spiegelt seine sachliche und bisweilen emotionslos erscheinende Art wider. So ist er eben, ein bisschen anders. "Manche meinen, ich stehe belanglos herum, dabei beobachte ich sehr viel", sagt Glasner. Während des Spiels ist das anders, da könne er sehr emotional werden: "Abseits des Platzes bin ich der eher ruhige, sachliche und bodenständige Typ." Der nie abhängig vom Fußball sein wollte - und schon während der Karriere ein Wirtschaftsstudium an der Fern-Uni in Hagen abgeschlossen hat. "Er ist immer zu uns gekommen, hat gefragt, wie die Abrechnungen funktionieren oder wie eine Bilanz aufgebaut ist", erzählt Xandi Mitterhofer, die Buchhalterin des SV Ried, dem Sportclub.

Vizemeisterschaft als Referenz

Glasner blieb dem Fußball dennoch treu, ging als Sportlicher Koordinator zu RB Salzburg und wurde kurz darauf Co-Trainer von Roger Schmidt, der später in die Bundesliga nach Leverkusen wechselte. Glasner indes kehrte als Trainer zum SV Ried zurückt. Die Mannschaft vertraute ihm trotz Startschwierigkeiten. "Er wusste genau, wie er jeden packen kann und packen muss. Man konnte aber auch sehr bald sehen, dass er eine größere Trainerkarriere vor sich hat", erzählt der Rieder Spieler Marcel Ziegl. 2015 ging Glasner als Cheftrainer und Sportdirektor nach Linz, stieg mit dem LASK in die österreichische Bundesliga auf und wurde nach Platz vier in der vorigen Saison schließlich Vizemeister.

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Für die Bundesliga sei er nicht gut genug gewesen, meint Glasner: "Umso schöner, dass ich jetzt den VfL Wolfsburg trainieren darf." In Wahrheit sei er schon in Ried "der heimliche Trainer gewesen", erinnert sich Zauner derweil: "Er hat die Spieler am Platz eingeteilt, sodass sie genau gewusst haben, was sie zu tun haben." Mitunter sei es aber auch ziemlich laut in der Kabine geworden, wenn es nicht so gelaufen ist, wie er wollte. "Da ist schon manchmal eine Kiste geflogen.“ Beim VfL hat Glasner, wie es heißt, sogar eine Mauer im Büro der Trainer einreißen lassen - damit er und seine Kollegen beisammen arbeiten können. "Ich glaube, er wird in Wolfsburg erfolgreich sein", sagt Zauner - und fügt schelmisch grinsend hinzu: "Irgendwann wird er über Bayern München nach Ried zurückkommen."

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Sportclub | 01.09.2019 | 22:55 Uhr