Stand: 30.03.2020 09:17 Uhr

VfB Lübeck: Aufstieg durch Coronavirus in Gefahr

von Christian Görtzen, NDR.de

Zwölf Jahre sind es nun schon. Zwölf lange, triste Jahre, in denen die älteren Fans des VfB Lübeck von den Erinnerungen an erfolgreichere Zeiten des schleswig-holsteinischen Fußballclubs zehren mussten und die jüngeren Anhänger ihre Lieblinge nur in Punktspielen der viertklassigen Regionalliga Nord oder eine Saison lang (2013/2014) gar nur in der fünftklassigen Schleswig-Holstein-Liga zu sehen bekamen. Wie gut tat es da, dass sich ihr VfB am 29. Februar beim amtierenden Meister VfL Wolfsburg II mit 2:1 durchsetzte und am großen Konkurrenten vorbeizog, auf den ersten Tabellenplatz.

Timing für Sprung nach oben schien perfekt

Dieser Erfolg nährte die Hoffnung, die Vierte Liga endlich nach oben hin verlassen zu können. Dafür musste der Spitzenplatz bis zum Ende verteidigt werden. Nicht ganz einfach, aber machbar, glaubten sie in Lübeck. Es lockte auch ein schöner Nebeneffekt: Durch einen Aufstieg könnte der tabellarische Rückstand auf den Rivalen Holstein Kiel (Zweite Liga), mit dem der VfB einst in der Dritten Liga lange Jahre auf Augenhöhe war, endlich wieder etwas verkürzt werden. Und überhaupt, das Timing für den ersehnten Sprung nach oben schien perfekt: Anders als in der vergangenen Saison würde der Nord-Meister in dieser Serie direkt aufsteigen.

Coronavirus droht VfB-Plan zu durchkreuzen

Mit einem Gegner hatten die Lübecker aber auch am 29. Februar, am Tag ihres Erfolges in Wolfsburg, nicht gerechnet: dem Coronavirus. Einen Monat später ist es mehr als fraglich, ob Trainer Rolf Landerl und sein Team ihren langgehegten Plan zur Vollendung werden bringen können. Der Spielbetrieb ruht. Neun Partien stehen für Lübeck in der Regionalliga noch aus. Der Vorsprung auf den Zweiten Wolfsburg II beträgt bei einer schon mehr absolvierten Begegnung fünf Punkte.

Säule Ticketverkauf weggebrochen

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Es droht ein Abbruch der Saison und dann womöglich eine Annullierung des Wettbewerbes, also eine Serie ohne Auf- und Absteiger. Aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht setzt das Virus dem VfB Lübeck, dessen Heimspiele in dieser Saison durchschnittlich 3.123 Zuschauer verfolgten, gehörig zu. "In der Regionalliga finanziert man sich letztendlich über zwei Säulen: Das sind die Sponsoren und das ist das Ticketing. Wenn wir nicht spielen, verkaufen wir keine Tickets und haben keine Einnahmen", sagte Florian Möller, Leiter der VfB-Geschäftsstelle, dem NDR. Die Fans unterstützen ihren Verein, der im März seinen Mitarbeitern das normale Gehalt ausgezahlt hat. Die Nachfrage nach Merchandising-Artikeln stieg zuletzt stark an.

"Würden 120.000 Euro fehlen - mindestens"

Fehlende Einnahmen aus dem Ticketverkauf kann dieser Boom aber sicherlich nicht auffangen. Für den Fall, dass die Liga die Saison über "Geisterspiele" beendet, stellte Möller folgende Kalkulation auf: "Wenn man das mal hochrechnet auf die letzten fünf Spiele: Wenn die ohne Zuschauer stattfinden würden, dann ist das ein Betrag von 120.000 Euro, der uns sicherlich fehlen wird. Tendenz eher steigend, sollten wir bis zum Ende um den Aufstieg mitspielen."

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Der VfB, der für die kommende Spielzeit bereits den langjährigen Braunschweiger Mirko Boland verpflichtet hat, empfängt noch den BSV Rehden, Hamburger SV II, Eintracht Norderstedt, TSV Havelse und am letzten Spieltag vor womöglich vollem Haus die SV Drochtersen/Assel.

Sollte die Saison tatsächlich noch zu Ende gebracht werden, dies aber nur durch "Geisterspiele", so würden sie beim VfB Lübeck den wirtschaftlichen Verlust aber wohl nicht allzu laut beklagen - wenn denn zugleich der Aufstieg glücken sollte. So ungewiss die Situation derzeit ist: Die Hoffnung, dass es weitergeht, eint sie an der Trave. Es ist schließlich die beste Chance seit zwölf Jahren, und die würden sie wahnsinnig gerne nutzen - wie auch immer.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 29.03.2020 | 19:30 Uhr