Rafael van der Vaart, früherer Profi des Hamburger SV © IMAGO / Pro Shots

Van der Vaart in Esbjerg: "Kleiner Engel" zwischen Bengeln

Stand: 13.08.2021 14:12 Uhr

Als Spieler verzauberte Rafael van der Vaart Fußball-Fans in den ganz großen Arenen, bekam den Spitznamen "kleiner Engel". Bei seinen ersten Schritten im Trainergeschäft ist für den früheren HSV-Profi alles eine Nummer kleiner - und verrückter.

Es lässt sich fraglos ruhig und richtig schön leben in Esbjerg. Im Vergleich zu den pulsierenden europäischen Metropolen Madrid, Hamburg, Amsterdam oder London, in denen van der Vaart früher seinem Beruf als Fußballer nachging, geht es in der rund 72.000 Einwohner zählenden dänischen Hafenstadt beschaulich zu. Seit einigen Jahren hat der frühere niederländische Nationalspieler hier im Südwesten Jütlands gemeinsam mit seiner Freundin Estavana Polman, einer Handballspielerin, der gemeinsamen Tochter und Sohn Damian, der aus der Ehe mit Sylvie Meis stammt, seine Zelte aufgeschlagen.

Van der Vaart verdiente sich nach seinem Karriere-Ende 2018 im Trikot von Esbjerg fB ein paar Euro als TV-Experte hinzu und versucht sich regelmäßig als Dartsspieler. Man könnte also, ohne es spitzfindig zu meinen, sagen, der einstige Publikumsliebling beim HSV (von 2005 bis 2008 und 2012 bis 2015) führt ein stressfreies Lebens als Privatier.

Ehemaliger HSV-Star betritt Höhle der Löwen

Doch damit es nun vorbei - und zwar gewollt. Denn der frühere Edeltechniker hat sich in die Höhle des Löwen gewagt. Oder genau genommen: in die Kabine von Esbjerg fB. Seit Dienstag ist der 38-Jährige Assistenzcoach beim Zweitligisten, der am vergangenen Wochenende bei Lyngby BK mit 0:5 unter die Räder kam und nach drei Partien nur ein Pünktchen auf der Habenseite hat. So weit, so schlecht - zumindest aus Sicht der Esbjerg forenede Boldklubber, wie der Verein voll ausgeschrieben heißt. Denn der miese sportliche Saisonbeginn hätte vermutlich nicht dafür gesorgt, dass der fünfmalige dänische Meister überregional für großes mediales Aufsehen sorgt.

Spielerrevolte gegen Coach Hyballa

Trainer Peter Hyballa © IMAGO / Ritzau Scanpix
Peter Hyballa trat nach einer Spielerrevolte als Esbjerg-Coach zurück.

Und auch die Verpflichtung des durch seine Ehe mit Sylvie Meis sowie seiner anschließenden Liaison mit Sabia Boulahrouz beim Boulevard sehr beliebten van der Vaart war nicht der Grund. Vielmehr produzierte Esbjerg fB Schlagzeilen wegen einer in dieser Form im Profifußball selten zuvor dagewesenen Spielerrevolte. Vor gut einem Monat hatten 21 Profis in einem offenen Brief dem deutschen Coach Peter Hyballa vorgeworfen, nicht die fachlichen und menschlichen Qualitäten zu haben, um die Mannschaft zu führen.

Seine harten Trainingsmethoden hätten zu Verletzungen geführt. Zudem hätten sie tägliche Drohungen über Entlassungen, Spott, sexistische und erniedrigende Bemerkungen sowie Mobbing erlebt, das weit über die ohnehin weiten Grenzen der Fußballwelt hinausgehe.

Van der Vaart nach 48 Stunden mit neuem Chef

Das Bemerkenswerte an der Geschichte: Die US-Investoren, die den Club zu Jahresbeginn erworben hatten, sprachen dem beim kickenden Personal offenbar nur bedingt beliebten Übungsleiter das Vertrauen aus. Weltenbummler Hyballa, der seine Visitenkarte als Fußballlehrer auch schon in Polen, den Niederlanden, der Slowakei, in Österreich, Namibia und Deutschland abgegeben hatte, arbeitete vorerst weiter, als sei nichts gewesen. Als am vergangenen Dienstag van der Vaart als zusätzlicher Co-Trainer des 45-Jährigen vorgestellt wurde, deutete noch nichts darauf hin, dass Hyballa die Flinte kurz darauf ins Korn schmeißen würde. Doch nur 48 Stunden später trat der Coach zurück.

Ex-St.-Pauli-Coach Vrabec folgt auf Hyballa

Grund seien Verleumdungen und eine Hetzjagd von Boulevardmedien und der einflussreichen Spielergewerkschaft. Auch seine Familie sei betroffen gewesen, sagte Hyballa. "Das kann ich nicht akzeptieren." Ein Nachfolger war schnell gefunden. In Roland Vrabec verpflichtete Esbjerg einen ähnlich rastlosen Übungsleiter, wie es Hyballa ist. Der 47-Jährige war nach seinem Rauswurf 2013 beim FC St. Pauli unter anderem in Luxemburg und der Schweiz tätig.

Van der Vaart, der mit Hyballa freundschaftlich verbunden ist, muss also gleich einmal austesten, ob er mit seinem neuen Chef auf einer Wellenlänge liegt. An seiner Entscheidung, sein Leben als Privatier zu beenden oder zumindest zu unterbrechen, hat der 38-Jährige aber keine Zweifel. "Ich bin ein echter Fußballfanatiker, deshalb ist es der logische Schritt, mich einzubringen und mit meiner Erfahrung dazu beizutragen, dass wir uns weiterentwickeln", sagte der Co-Trainer-Novize.

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 13.08.2021 | 10:25 Uhr

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