Stand: 16.10.2017 09:20 Uhr

Unterschätztes Risiko: Kopfverletzungen im Sport

von Andreas Bellinger und Inka Blumensaat
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Wolfsburgs Keeper Koen Casteels trifft Christian Gentner mit dem Knie im Gesicht.

Diesmal gab es kein Pardon: Als der Wolfsburger Keeper Koen Casteels im September seinen Gegenspieler Christian Gentner mit dem Knie erwischte und mit einer schweren Gehirnerschütterung und mehreren Brüchen im Gesicht niederstreckte, kam niemand auf die Idee, den Stuttgarter Fußballer weiterspielen zu lassen. Doch das ist bei Kopfverletzungen nicht die Regel, wie zum Beispiel der Fall Christoph Kramer im WM-Finale gegen Argentinien (1:0) nachdrücklich gezeigt hat. Und deshalb mag es manchem womöglich absurd vorkommen, aber die Schwere der Verletzung hat Gentner vielleicht vor schlimmen Spätschäden bewahrt.

Während für den Mittelfeldspieler des Bundesliga-Aufsteigers das Spiel abrupt beendet war, spielen viele seiner Kollegen trotz Concussion (Gehirnerschütterung) weiter. Weil eine schnelle und zuverlässige Diagnose auf dem Spielfeld kaum möglich ist, setzen sie sich großen Gefahren aus. Eine in Osnabrück entwickelte 3D-Brille könnte dies ändern. Mittels Hochgeschwindigkeitskameras können mögliche Gehirnerschütterungen anhand der Augen-Reaktionen identifiziert werden.

Krank im Kopf

Eine in der vergangenen Woche veröffentlichte Studie der International Federation of Professional Footballers (FIFPro) mit Sitz in den Niederlanden hat gezeigt, dass Gehirnerschütterungen bei Leistungssportlern als Spätfolgen unter anderem Depressionen, Schlafstörungen und Angstzustände hervorrufen können. Vier oder fünf Kopfverletzungen während der Karriere erhöhen das Risiko um 50 Prozent. Ein Team um den Chefmediziner der Spielergewerkschaft, Vincent Gouttebarge, hat die Daten von 576 früheren Fußball-, Eishockey- und Rugbyspielern aus acht Nationen ausgewertet, die bei der Befragung unter 50 Jahre alt waren. Sportler mit sechs oder mehr Gehirnerschütterungen hatten sogar ein zwei- bis fünfmal so hohes Risiko, psychische Probleme zu bekommen.

Tödliche Gefahr

"Wenn ich sehe, dass der Mannschaftsarzt unter Druck am Spielfeldrand eine vernünftige Diagnose stellen soll, dann funktioniert das eben nicht", sagt Helge Riepenhof dem NDR Sportclub. Der Chefarzt für Sportmedizin und Rehabilitation am BG Klinikum in Hamburg hat maßgeblich an der Entwicklung der Diagnose-Brille mitgewirkt. Den Druck, den Riepenhof meint, erzeugen meist die Trainer, die ihre Spieler entgegen aller Warnungen weiterspielen lassen wollen. "Das sind die ersten Dinge, die sich jetzt ändern müssen", sagt Riepenhof. Das Dilemma kennt er nur zu gut aus der Zeit als verantwortlicher Mediziner in England und bei der AS Rom in Italiens Seria A. Die Gesundheit der Spieler gehe aber vor, zumal dramatische Fälle bekannt seien, bei denen eine zweite Gehirnerschütterung zum Tod geführt hat. 

Im Trance über das Feld geirrt

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Christoph Kramer spielte im WM-Finale 2014 schwer getroffen weiter - und konnte sich später an nichts erinnern.

Nationalspieler Kramer hatte im Juli 2014 in Rio de Janeiro Glück, dass nicht Schlimmeres passiert ist. Obwohl er nach kurzer Behandlung noch ein paar Minuten durchhielt, in denen er zuweilen wie in Trance über das Feld irrte. So wie Augsburgs Ja-Cheol Koo, der vor gut drei Wochen im Spiel beim VfB Stuttgart (0:0) schwer getroffen weiterspielte - trotz massiver Probleme. Die Partie war nicht unterbrochen worden, obwohl das Regelwerk des Weltfußball-Verbandes FIFA dies bei Kopfverletzungen vorsieht. "Ein Paradebeispiel dafür, wie es nicht laufen sollte und wie der Spieler gefährdet wird", sagt Riepenhofs Hamburger Klinikkollege, Neurotraumatologie-Chefarzt Andreas Gonschorek.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 15.10.2017 | 23:10 Uhr

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