Tabea Kemme spendet für Ghana: "Ein Projekt, das zündet"

Stand: 22.03.2021 10:26 Uhr

Die frühere Fußball-Nationalspielerin Tabea Kemme aus Stade ist nach Afrika geflogen, besuchte zwei Projekte von "Common Goal" und erlebte hautnah, was ein Prozent ihres Gehalts bewirken kann.

von Andreas Bellinger

Der kleine Steppke in seinem gelben Trikot lachte und hielt ihre Hand, wo immer sie auch hinging. Er war glücklich - und diese "Happiness", wie Tabea Kemme es bei ihrem Besuch im Sportclub des NDR nennt, ging ihr nachhaltig zu Herzen. "Es hat mich total mitgenommen, unter diesen Bedingungen so glückliche Kinder zu sehen." Dieses Gefühl des Glücks hat die frühere Fußball-Nationalspielerin mitgebracht aus Ghana, wo sie zwei Wochen lang Projekte der Initiative "Common Goal" besucht hat. "Ich fühle mich noch immer, als würde ich strahlen."

"Nordisches Küstenkind" am Golf von Guinea

Die 29-Jährige, die ihre Karriere nach einer schlimmen Knieverletzung und bald einjährigen Reha im vorigen Jahr beenden musste, wollte einfach sehen, was mit ihrem gespendeten Geld geschieht. Auch andere Kollegen wie Babett Peter, Mats Hummels oder Timo Werner sowie Coaches und Fans engagieren sich wie die auf einem Bauernhof bei Stade aufgewachsene Kemme bei "Common Goal" und geben ein Prozent ihres Gehalts oder mehr für soziale Projekte in aller Herren Länder.

Nach einigem Hin und Her wegen der Einschränkungen in der Corona-Pandemie besuchte die Kommissarin, die inzwischen Polizei-Nachwuchs ausbildet, kurzerhand den westafrikanischen Staat am Golf von Guinea, den sie "als nordisches Küstenkind und weil ich den Kontinent wenig kannte" ausgewählt hat.

Projekte selbst auswählen

Die ehemalige Fußballerin, die in ihrer Zeit von 2006 bis 2018 bei Turbine Potsdam viermal Deutsche Meisterin geworden ist und demnächst als Präsidentin des Vereins kandidieren will, steht voll hinter dem Gedanken der vom spanischen Fußballstar Juan Mata mitgegründeten Organisation. "Ich konnte mich zwischen 127 Ländern entscheiden", erzählt sie und verschweigt dabei, dass sie neben den regelmäßigen Spenden unter anderem auch mehrere Medaillen zugunsten von "Common Goal" versteigert hat, die sie von ihren 47 Länderspielen (sechs Tore) mitgebracht hat. Die Initiative arbeitet mit gemeinnützigen Organisationen in den betreffenden Ländern zusammen. Und das Beste ist: "Ich kann selber entscheiden, welches Projekt das Geld kriegen soll."

Kemme: "Stehe total dahinter"

Man müsse sich nur damit befassen. Und das wiederum kann, so Kemme, ein Grund dafür sein, dass der Zuspruch insbesondere im Männerfußball eher noch ausbaufähig ist. "An die Athleten überhaupt ranzukommen, ist schon schwierig", sagt sie. Geschweige denn, an deren Entourage vorbei direkt Kontakt mit ihnen aufzunehmen: Hey, habt ihr nicht auch Lust mitzumachen? Warum die Aktion zuweilen als moderne Form des Ablasshandels kritisiert wird oder als Mittel, ein schlechtes Gewissen zu beruhigen, kann Kemme nicht nachempfinden. "Ich persönlich fühle mich da überhaupt nicht angesprochen. Ich stehe total dahinter."

Was ihre Spende bewirkt

Dass sie es ehrlich meint, mag der kleine Steppke in seinem gelben Trikot wohl gespürt haben. "Right to Dream" heißt die Akademie vier Stunden von der Hauptstadt Accra entfernt, die Kemme mit ihrer guten Freundin und früheren Mitspielerin Josephine Henning besuchte. Der Fußballstützpunkt erinnert an die Sportschule, in der die Champions-League- und Olympiasiegerin in Potsdam selbst großgeworden ist. Fußball und Schulunterricht stehen auf dem Stundenplan. Ein Mädchenteam mit 16 Spielerinnen gibt es auch. "Play Soccer Ghana" ist eine Art Jugendclub in Cape Coast. "Den Kindern ermöglichst du das hier durch deine Spende", sagte der Manager. Ein schöner Moment für die Ex-Fußballerin, die ihre Karriere beim FC Arsenal in London hat ausklingen lassen.

"Diese Erfahrungen tragen mich"

Aber bei aller Gastfreundschaft gab es auch schwierige Momente. Die Hilflosigkeit angesichts der kaputten Dächer und fehlenden Möbel in der Schule. Oder die Müllhalden am Wegesrand, im denen Kinder barfuß nach Verwertbarem suchen. "Das war krass", sagt Tabea Kemme - und denkt lieber wieder an die tollen Menschen in Ghana und den fünfjährigen Steppke, der sie in seinem gelben Trikot von der Studiowand im Sportclub aus anlächelt. "Diese Erfahrungen tragen mich weiterhin. Es ist ein Projekt, das zündet."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 21.03.2021 | 22:50 Uhr

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