Stand: 12.09.2020 00:01 Uhr

Todesfelde im Pokalfieber: "Gibt nichts Geileres"

Der SV Todesfelde jubelt mit dem Pokal. © imago images / Holsteinoffice
Der SV Todesfelde will auch gegen den VfL Osnabrück überraschen.

Im schleswig-holsteinischen Dorf Todesfelde geht es beschaulich zu. 1.086 Einwohner, eine Bäckerei, ein griechisches Restaurant mit dem wenig hellenischen Namen "Zur Eiche", ein Schlachter, ein Blumenladen. Doch heute um 15.30 Uhr (in der Konferenz im Audiolivestream bei NDR.de) wird Ausnahmezustand herrschen, denn dann holt der SV Todesfelde zum großen Schlag im DFB-Pokal aus. Gegner des Oberliga-Meisters, Pokalsiegers und Hallenmasters-Gewinners von Schleswig-Holstein ist Zweitligist VfL Osnabrück. "Da geht die Post ab", prognostiziert Bürgermeister Karl-Heinz Ziegenbein: "Wenn wir weiterkommen, kriegen wir uns nicht mehr ein."

Kapitän Sixtus: "Wir glauben an uns"

Sogar Ministerpräsident Daniel Günther lässt sich die Reise in die Provinz nicht nehmen. Dass der große Coup gelingen kann, davon ist der Amateurclub überzeugt. "Wir werden keinen Zentimeter unseres Platzes hergeben. Nicht viele werden uns den Sieg zutrauen. Aber wir glauben an uns und wissen um unsere Stärken", sagte Mannschaftskapitän Luca Sixtus dem NDR: "Die Mannschaft ist super drauf, die Jungs sind heiß auf dieses Spiel. Es gibt einfach nichts Geileres."

Heimrecht erbittert verteidigt

Todesfelde ist so etwas wie die Trutzburg im deutschen Fußball. Von 19 Amateurvereinen in der ersten Pokalrunde haben elf ihr Heimrecht getauscht. Der SV Todesfelde, der eigentlich in diesem Sommer hätte aufsteigen dürfen, aber wegen des aufwendigen Stadionumbaus verzichtete, hat als einziger Oberligist das Heimrecht im Sportpark erbittert verteidigt. 87 Seiten stark waren die DFB-Auflagen für die Partie. "Beim ersten Anblick hätten wir am liebsten hingeschmissen", gesteht Clubchef Holger Böhm. "Aber unsere Leute haben sich den Arsch aufgerissen für dieses Spiel. Ich bin stolz wie Bolle auf das, was wir geschafft haben."

Geld ist nicht alles

Das Projekt "Jahrhundertspiel" kostet eine Kleinigkeit. Rund 40.000 Euro musste der Verein aus dem Kreis Segeberg berappen für all die Baumaßnahmen, Hygieneauflagen, Forderungen für die TV-Übertragung und Sicherheitsvorkehrungen.

Zum Glück hat Sponsor Bernd Jorkisch, Holz-Großhändler und Honorarkonsul von Finnland, einen Narren am SVT gefressen. "Ich bin emotional ordentlich berührt", so der einstige Todesfelder Spieler: "Wir haben sofort gesagt: Das Spiel bleibt hier. Wir erfüllen alle Forderungen, koste es, was es wolle." Jorkisch sieht das Heimspiel als Dankeschön für Team und Verein. "Klar, wirtschaftlich ist das unklug. Hätten wir Osnabrück das Heimrecht abgetreten, hätten wir wohl 20.000 Euro von ihnen gekriegt." Aber Geld, so der Sponsor, sei nicht alles. Es geht um "das größte Spiel in der Geschichte des Vereins" und um die Ehre. "Die Fans hätten uns aus dem Stadion gejagt, wenn wir gesagt hätten, wir sparen Geld und haben weniger Arbeit", ist Team-Manager Timo Gothmann überzeugt.

"Ein Ritterschlag für Todesfelde"

500 Zuschauer dürfen heute in den Sportpark, rund 7.000 Kartenwünsche gab es für das 1.500 Plätze bietende Stadion. Gothmann ist dennoch heilfroh, dass der Club die Auflagen erfüllen konnte. Der Team-Manager hatte in den vergangenen Wochen viel zu tun, wühlte sich durch zwei große Aktenordner mit Durchführungsbestimmungen. Er absolvierte eine Schulung für den Online-Ticketverkauf, so viel Neuland, so viel zu tun, doch es lohnt sich, davon sind sie alle überzeugt in Todesfelde. "Vermutlich ist es auf lange Zeit einmalig, dass wir so etwas hier im Stadion haben, und das wollten wir auch hier spielen", betonte Gothmann. Und auch Böhm ist Feuer und Flamme: "Das Spiel ist ein Ritterschlag für Todesfelde. Uns kannte doch keiner. Jetzt kennt uns halb Deutschland."

Große Überraschungen im DFB-Pokal

In den vergangenen zehn Jahren überstanden 27 Amateurclubs die erste Pokalrunde. Darunter waren vier aus dem Norden:

2010/2011: SC Victoria Hamburg - Rot-Weiß Oberhausen 1:0
2011/2012: Holstein Kiel - Energie Cottbus 3:0
2012/2013: TSV Havelse - 1. FC Nürnberg 3:2 n.V.
2018/2019: SC Weiche Flensburg - VfL Bochum 1:0

Nur Holstein Kiel überstand dann auch die zweite Runde - und zog sogar sensationell bis ins Viertelfinale ein, in dem gegen Borussia Dortmund (0:4) Endstation war.

Kapitän Sixtus ist überzeugt: "Von diesem Tag werden wir noch unseren Enkelkindern erzählen." Die Euphorie will der Fünftligist heute in einen Sieg ummünzen und das Pokalmärchen fortschreiben. "Auch gegen Osnabrück sind wir nicht chancenlos. Wir wollen hier zu Hause eine Runde weiterkommen", unterstrich Gothmann. Falls die Überraschung gelingt, sei ein weiteres Heimspiel kurz vor Weihnachten allerdings ausgeschlossen, so der Team-Manager: "Das wäre hier nicht mehr machbar. Da braucht man eine Rasenheizung und Flutlicht. Sollten wir weiterkommen, müssten wir uns nach einem anderen Stadion umgucken."

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 11.09.2020 | 11:25 Uhr

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