Stand: 18.05.2014 19:07 Uhr

Das Wunder von Fürth: HSV bleibt erstklassig

von Ines Bellinger, NDR.de
Pierre-Michel Lasogga jubelt in Fürth - ohne seine Tore wäre der HSV abgestiegen.

Die Bundesliga-Uhr im Hamburger Volkspark läuft auch nach der 51. Saison in der Beletage des deutschen Fußballs weiter. Der HSV hat sich am Strohhalm Relegation festgeklammert und im Schicksalsspiel um den Klassenerhalt die größte Pleite der Vereinsgeschichte abgewendet. Nach einer beispiellos schlechten Saison verhinderten die "Rothosen“ mit einer 1:1 (1:0)-Zitterpartie bei Zweitligist Greuther Fürth am Sonntag den GAU für das Gründungsmitglied der Bundesliga. Nach dem 0:0 im Hinspiel hatte Pierre-Michel Lasogga (14.) den HSV im Ronhof in Führung gebracht. Doch nach dem Ausgleich durch Stephan Fürstner (59.) mussten die Hamburger, die erschreckende physische Defizite offenbarten, noch gut eine halbe Stunde bangen. Mit den Spielern zitterten 2.000 mitgereiste Fans und etwa 18.000 Zuschauer beim Public Viewing im Volkspark - und wie den Profis fiel ihnen nach dem Abpfiff eine Zentnerlast von den Schultern. "Niemals Zweite Liga", sangen sie hier wie dort, und hier wie dort flossen Tränen der Erleichterung.

Kreuzer und Slomka im Glück - Westermann "selbstmordgefährdet"

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Erlösung nach dem Schlusspfiff bei Mirko Slomka und Oliver Kreuzer.

"Es war eine schwere Geburt", sagte HSV-Sportchef Oliver Kreuzer im Ersten. "Mit Glück und Geschick haben wir es über die Zeit gebracht." Heiko Westermann wirkte noch Minuten nach dem Schlusspfiff konsterniert. "Wir haben eine schlechte Saison gespielt und Glück gehabt, dass wir in der Liga geblieben sind", sagte der Routinier, den in den vergangenen Tagen rätselhafte Schwächeanfälle geplagt hatten. "Ich kann so eine Saison nicht nochmal mitmachen, dann bin ich selbstmordgefährdet." Lasogga, der nach dem Schlusspfiff noch mit einer unsportlichen Jubel-Arie vor der Fürther Bank für Unfrieden gesorgt hatte, sprach von einem "Psychospiel". Mirko Slomka, der als Trainer seit 13 Monaten ohne Auswärtssieg ist, wollte schnell einen Haken hinter die verkorkste Serie machen: "Wir haben unser ganzes Glück aufgebraucht. Davon können wir in der nächsten Saison nichts mehr benutzen." Zu Tode betrübt waren die "Kleeblätter", die leidenschaftlich um den direkten Wiederaufstieg gekämpft hatten: "Ich denke, dass wir in beiden Spielen die bessere Mannschaft waren", sagte Fürths Torhüter Wolfgang Hesl, ein früherer Hamburger.

Adler reist trotz Bandscheibenvorfalls an

Slomka hatte in dem Nervenspiel auf Erfahrung gesetzt und in Westermann und Marcell Jansen zwei sehr erfahrene und zuletzt nicht in der Startelf berücksichtigte Profis auf den Platz beordert. Tolgay Arslan spielte statt Robert Tesche mit Milan Badelj im defensiven Mittelfeld. "Wir haben hier die klar besser besetzte Mannschaft auf dem Platz, und zwar auf jeder Position", sagte der verletzte Stammtorwart René Adler, der trotz eines Bandscheibenvorfalls die Reise nach Fürth angetreten hatte und seinen Teamkollegen zumindest moralisch Beistand leistete.

Lasogga-Kopfball bringt die Führung

Tatsächlich demonstrierten die HSV-Spieler ihre auf dem Papier vorhandene Überlegenheit diesmal auch auf dem Platz - zumindest in der Anfangsphase. Die Fürther, die den Favoriten in Hamburg phasenweise noch an die Wand gespielt hatten, wirkten vor eigenem Publikum im Ronhof wie gelähmt. Ihr Torjäger Ilir Azemi kam zunächst kaum zum Zug. Beim HSV dagegen ging Slomkas Kalkül mit dem sehr offensiv eingestellten Jansen auf. Der wegen seiner langwierigen Knöchelverletzung aus dem WM-Kader gestrichene Linksfuß wirbelte die Abwehr der "Kleeblätter" im Zusammenspiel mit Lasogga in der Anfangsphase einige Mal gehörig durcheinander. Kurz vor dem Führungstor hatte Jansen schon das 1:0 auf dem Fuß, als er nach einem Pfostentreffer von Hakan Calhanoglu zum Nachschuss kam, doch der Fürther Torhüter Hesl wehrte den Ball ab. Die darauf folgende Ecke schlug HSV-Kapitän Rafael van der Vaart dann so platziert in den Strafraum, dass Lasogga keine Mühe hatte, sie ins rechte obere Eck zu drücken. Es war das 14. Saisontor des Mittelstürmers - elf davon hat er auswärts erzielt.

Djourou mit Gehirnerschütterung raus

SpVgg Greuther Fürth - Hamburger SV 1:1 (0:1)

Tore: 0:1 Lasogga (14.), 1:1 Fürstner (59.)
Zuschauer: 18.000 (ausverkauft)
Fürth: Hesl - Brosinski, Mavraj, Röcker, Baba - Fürstner, Sparv (78. Sukalo) - Stieber, Weilandt - Djurdjic (72. Füllkrug), Azemi
Hamburg: Drobny - Diekmeier, Djourou (30. Mancienne), Westermann, Jiracek - Arslan (64. Rincon), Badelj - Calhanoglu, van der Vaart (75. Tesche), Jansen - Lasogga

Auf den perfekten Auftakt folgte eine Schrecksekunde für den HSV, als Johan Djourou nach einem Kopfballduell mit Azemi k.o. ging. Der Innenverteidiger musste mit einer Trage vom Platz gebracht werden, eine Halskrause um den offensichtlich lädierten Nacken. Gehirnerschütterung lautete die erste Diagnose. Für Djourou kam Michael Mancienne in die Partie, die die Fürther nun etwas offener gestalten konnten. Zunächst hatte Lasogga noch die Möglichkeit zum 2:0, als er eine Hackenablage von Jansen dem Fürther Keeper direkt in die Arme schoss (35.). Fünf Minuten später tauchte Azemi das erste Mal gefährlich vor dem HSV-Tor auf, sein Schlenzer trudelte aber am langen Pfosten vorbei.

Fürstner gelingt der Ausgleich

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Der Fürther Stephan Fürstner (r.) erzielt das 1:1.

Wenige Minuten nach Wiederbeginn hätte Lasogga den Deckel drauf machen können. Calhanoglu servierte ihm einen Freistoß von der rechten Seite passgenau auf den Kopf, doch Lasoggas Aufsetzer lenkte Hesl mit einem Reflex um den Pfosten (52.). Vorteil HSV - mit diesem angenehmen Gefühl machten es sich die Hamburger in der Folgezeit allzu gemütlich. Oder zeigte sich nach nicht einmal einer Stunde schon wieder die mangelnde Physis der HSV-Profis? Zitternde Knie bekamen sie spätestens nach dem Ausgleich der Fürther. Fürstner überwand Jaroslav Drobny nach einem feinen Pass von Zoltan Stieber zum 1:1 (59.). In der Sturm- und Drangphase, die nun folgte, rannten die Fürther ihre Gegenspieler in Grund und Boden. Mit viel Glück und einem erneut gut aufgelegten Drobny überstand die kopflose HSV-Abwehr diesen Angriffswirbel. Die Messe war gelesen, als Azemi nach einem neuerlichen Blackout von Westermann den Ball in bester Position vor dem HSV-Tor vertändelte (88.) und Goran Sukalo knapp über das HSV-Tor köpfte (90.). Dieses Mal war niemand schlechter als der HSV - aber auch niemand besser.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 18.05.2014 | 22:30 Uhr

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