"Liebevoll chaotisch" statt Dynamit-Fußballer - Der Düneberger SV

Stand: 28.03.2021 13:37 Uhr

1919 von Mitarbeitern einer Sprengstoff-Fabrik gegründet, nannten sich die Spieler vom Düneberger SV bis in die 50er-Jahre "Dynamit-Fußballer". Heute nennt der Vorstand seinen Klub "liebevoll chaotisch".

von Philipp Eggers

Die Tasten seiner Tastatur klackern. Karsten Wachowitz hat zu tun. Dass draußen die Vögel zwitschern, dafür hat er gerade keine Zeit. Er ist Vorstandsvorsitzender des Düneberger SV aus Geesthacht (Kreis Herzogtum Lauenburg) und trotz Corona-Pause dabei, Sponsoren für seinen Verein zu suchen. Noch wichtiger ist ihm aber, seinen Verein interessant zu machen - für die Zeit nach der Pandemie. Wichtig im Kampf um neue Mitglieder, sagt er, wird der Markenkern der Vereine sein. Oder das Vereinsherz, wie er es nennt: "Ich glaube, ein Verein ohne Herz hat keine Chance zu existieren. Und gerade während Corona, man sagt es so oft: Das Brennglas wurde noch mal drüber gelegt und das kann man hier auch bestätigen. Es fordert die Vereine auf, zu überlegen und drüber nachzudenken, wofür man eigentlich steht. Also was ist der Kern des Vereins? Warum machen Sportler in diesem Verein Sport? Und wir nennen uns selber immer liebevoll chaotisch."

Vereinsgründung nach dem ersten Weltkrieg

Eine schwarz-weiße Ansichtskarte des Ortsteil Dünebergs aus der Vogelperspektive. © Heimatbund und Geschichtsverein Bezirksgruppe Geesthacht e.V.
Eine alte Ansichtskarte des Ortsteils Düneberg, im Hintergrund ist die Fabrik zu sehen. Hier arbeiteten die "Dynamit-Fußballer".

Was Karsten Wachowitz heute liebevoll chaotisch nennt, fing 1919 an. Mitarbeiter einer Dynamit-Fabrik gründeten damals, direkt nach dem Ersten Weltkrieg, den Fußballverein. Ab 1865 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges produzierten sie in der von Alfred Nobel erbauten Fabrik Sprengstoffe - jahrelang arbeiteten sie dabei mit der Düneberger Pulverfabrik zusammen Viele der bis zu 20.000 Mitarbeiter lebten in einer Arbeitersiedlung - nur knapp einen Kilometer vom heutigen Vereinsgelände entfernt.

Direkt in dieser Siedlung trifft Karsten Wachowitz sich mit Helmut Knust vom Geschichtsverein Geesthacht. Der erklärt ihm: "Nach dem Ersten Weltkrieg ist man freier geworden, man hat Vereine gegründet und hatte mehr Freizeit. Durch die Modernisierung der Fabriken. Früher, wenn die Fabriken modernisiert waren, hat nur eine Seite verdient, und zwar die Beherrschende. Aber nachher haben auch die Arbeiter davon profitiert und hatten mehr Freizeit. Und da entstanden die ersten, der erste Turnerbund, und hier eben auch in Düneberg auch Turnerbund und so weiter und daraus entstand dann später die Fußballabteilung."

Die Dynamit-Fußballer

Bis in die 50er-Jahre nennen sich die Spieler der ersten Mannschaft stolz "Dynamit-Fußballer". Das sei damals normal gewesen, die Sprache, auch im Sport war in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg noch sehr martialisch. Heute sei es aber nahezu undenkbar, einem Spieler den Spitznamen "Bomber der Nation" zu verpassen – oder sich "Dynamitfußballer" zu nennen, so Karsten Wachowitz: "Die Arbeitertugenden pflegen wir ja und nehmen sie auch ins Tagesgeschäft mit auf. Aber das Wort Dynamit eigentlich weniger. Wenn man mit den martialischen Worten heute spielt, muss man bisschen aufpassen. Also wir versuchen das schon zu übersetzen in die heutige Sprache. Aber Granatenfußball und Bombentore - es ist ein bisschen schwierig, das in eine Genetik des Vereins mit reinzunehmen."

Corona macht die Zukunftsplanung schwierig

Karsten Wachowitz, Präsident des Düneberger SV, sitzt in einem Büro vor einem Monitor. © NDR
Karsten Wachowitz will seinen Verein für die Zeit nach der Pandemie fit machen.

Im modernen Fußball - auch im Amateurbereich - haben sich die Anf orderungen verändert, sagt Karsten Wachowitz. Viele kleine Vereine haben Probleme, Ehrenamtler für sich zu gewinnen. Durch die lange Corona-Pause fehlt außerdem der Nachwuchs. Karsten Wachowitz sagt: "Gerade im Fußball ist ja ein ganzer Jahrgang verloren gegangen. Weil wir letztes Jahr keine G-Jugend, also die ganz Kleinen gewinnen haben können. Es geht wirklich darum, das jetzt wieder attraktiv zu machen. Da sind wir auch gefordert. Und es gibt auch schon Besprechungen, coronagemäß, wie wir das auch machen wollen." - "Und als liebevoll chaotischer Verein geht das besser als als Dynamit-Fußballer?" - "Ich glaube schon, weil mehr Herzblut in liebevoll ist als Krach in Dynamit."

Die Tradition und die Herkunft des Düneberger SV wollen er und die rund 800 Mitglieder weiter pflegen, sagt Karsten Wachowitz. Der Blick in die Vergangenheit sei zwar schön - wichtiger aber ist ihm, den Verein für die Zukunft aufzustellen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 28.03.2021 | 19:30 Uhr

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