Stand: 23.03.2020 10:02 Uhr

Kurzarbeit statt Pleite - Hilfe für die Dritte Liga?

von Andreas Bellinger, NDR.de

Das Trainingsgelände verwaist, das Stadion verlassen und auch in der Geschäftsstelle und dem Fanshop des SV Meppen gähnende Leere. "Corona-Schlaf". Was so harmlos klingt, ist Ausdruck der Pandemie durch das Sars-CoV-2-Virus, das weltweit Menschenleben kostet - und auch den Sport im Emsland in seinen Grundfesten erschüttert. Die dritte Fußball-Liga macht Zwangspause, bis mindestens 30. April. In Meppen, Braunschweig oder Rostock ist Kurzarbeit angesagt. Gut die Hälfte der Drittligisten hat sich dieser im deutschen Sport bisher außergewöhnlichen Maßnahme angeschlossen. Die Nöte scheinen groß, die meisten Clubs mit ihrem (finanziellen) Latein am Ende zu sein. "Hilfe vom DFB ist nicht zwingend zu erwarten", sagt Meppens Geschäftsführer Ronald Maul im Sportclub des NDR. "Jeder Verein muss sich deshalb selber helfen."

Trainer Neidhardt: "Kurzarbeit ist alternativlos"

Ohne Erlöse aus den Heimspielen und vor allem aus dem Topf der Fernsehverträge ist der Etat auch für den Tabellenvierten nicht zu halten. Elf Spieltage vor dem Ende der Saison wollten die Meppener eigentlich angreifen im Kampf um den Zweitliga-Aufstieg.

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Doch nun macht wie in der Bundesliga auch bei den unterklassigen Clubs das Wort vom Überlebenskampf die Runde, obwohl sich diese Begrifflichkeit angesichts der vielen Corona-Toten eigentlich verbieten sollte. Doch angesichts leerer Kassen wächst stetig die Angst, die laufenden Kosten nicht mehr stemmen zu können. "Der Verein hat uns die Situation so erklärt, dass die Kurzarbeit alternativlos ist. Der nächste Schritt wäre die Insolvenz", sagt Meppens Trainer Christian Neidhardt, der nicht gezögert hat, wie seine Spieler und alle anderen Beschäftigten des Vereins dem Antrag bei der Agentur für Arbeit zuzustimmen. Maul: "Ein exzellent positives Zeichen, dass alle den Weg mitgehen."

Präzedenzfall wirft Fragen auf

"Die Einschränkungen sind quasi bei hundert Prozent", sagt Neidhardt. Tatsächlich ist der Verein nicht nur im Krisenmodus, sondern mehr oder minder zur sportlichen Untätigkeit verdammt. Selbst Pläne für das "private" Training hat der Coach seinen Spielern wegen der geltenden Bestimmungen für Kurzarbeit nicht mitgegeben. Ein juristisch durchaus umstrittenes Prozedere, das es im Sport so noch nie gegeben hat.

Entlastung für die Vereine

Wie aber verfahren, wenn Sportlern von behördlicher Seite eine Spiel- und Mannschaftstrainingspause verordnet wird? Ein Präzedenzfall. Alles ist gesperrt, nichts ist im und neben dem Stadion möglich. "Aber ich gehe davon aus, dass jeder Profi genug ist und weiß, was er in den nächsten zwei, drei oder auch vier Wochen mit seinem Körper am besten anstellen sollte", so der einstige Nationalspieler Maul (zwei Einsätze). Noch will er daran glauben, dass die Saison im Mai und Juni an elf Spieltagen zu Ende gebracht werden kann. Er muss daran glauben: Am 30. Juni laufen elf Spielerverträge aus.

Maximal 67 Prozent vom Netto

Bis es wieder losgeht (wenn es denn wieder losgeht), soll Kurzarbeit auch anderswo in der Dritten Liga ein probates Mittel sein.

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"Unsere Spieler werden sich individuell fit halten", sagt Eintracht Braunschweigs Sportdirektor Peter Vollmann. "Wir haben schließlich eine gesellschaftliche Verantwortung, wollen mit gutem Beispiel vorangehen und die mögliche Verbreitung des Virus unterbinden, die innerhalb einer Mannschaft natürlich viel wahrscheinlicher ist." Maximal 67 Prozent des entgangenen Nettogehalts stehen den Spielern als Kurzarbeitergeld zu. Wenn sie ein Kind haben, sonst sind es nur 60 Prozent. Als Höchstbetrag werden 6.900 Euro (West) beziehungsweise 6.450 Euro (Ost) gezahlt. Die Vereine dürfen Zuschüsse beisteuern.

Auch der Fußball muss sich fügen

"Man darf bei allem natürlich nicht vergessen", sagt Maul, "dass Fußball nicht das Wichtigste ist." Als kleinen Ausweg aus der finanziellen Misere nennt der 47-Jährige die sogenannten "Geisterspiele". Die Idee vom Fußball ohne Zuschauer will er nicht völlig aufgegeben. So wie Rostocks Vorstandschef Robert Marien: "Wir müssen uns aber auch vorstellen, was eine Nichtbeendigung der Saison bedeuten würde. Dieses Szenario sehe ich, stand heute, deutlich schlimmer." Es ist eine Diskussion, deren Rahmenbedingungen ohnehin andere festlegen, wie Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntag klarstellte. Das Sagen haben Bund, Länder und Kommunen sowie deren Experten, die ein geregeltes Saisonfinale vielfach für eher unwahrscheinlich halten. Auch der Fußball muss sich fügen.

Kein Fußball mehr in diesem Jahr?

Dass in diesem Jahr überhaupt noch Fußball gespielt wird, schließt Jonas Schmidt-Chanasit weitestgehend aus.

"Davon muss man sich wohl verabschieden", sagt der Virologe vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. "Wir sehen ja, wie die Situation in Europa ist und was uns noch bevorsteht." Zumindest die Chance auf "Geisterspiele" von September an sieht sein Kollege Alexander Kekulé aus Halle-Wittenberg. Schmidt-Chanasit lehnt auch "Geisterspiele" ab. Es wäre das falsche Zeichen, sagt er. "Spaßveranstaltungen" dieser Art dürften erst ganz zum Schluss kommen.

Angesichts ungelöster Fragen nach möglichen Regressforderungen der Sponsoren und Zuschauer mit Saisonkarten, ausstehenden Zahlungen der TV-Anbieter oder vom Verein nicht zu bedienenden Forderungen, mag Maul im Sportclub offenbar noch gar nicht recht an die Konsequenzen denken, sollte gar nicht mehr gespielt werden können in dieser Saison. "Es ist für keinen Verein aktuell planbar. Alles ist unklar und ich glaube, dass sich aktuell keiner, egal ob in der ersten, zweiten oder dritten Liga, damit wirklich beschäftigen möchte."

Neidhardt: Ohne Training wird es nicht funktionieren

Meppens Trainer Neidhardt sieht die Dinge nüchtern. "Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass man morgen sagt, es läuft alles tutti und wir können wieder anfangen. Für mich ist unvorstellbar, wie das möglich sein soll." Ohne ordentliches Training sieht der 51-Jährige große Gefahren auf seine Jungs zukommen. Schließlich würden in der Zwangspause Muskeln, Kondition und allgemeine Fitness schwinden. "Wir reden immer davon, dass Gesundheit das Wichtigste ist. Wenn aber Ende April oder Anfang Mai wieder gespielt werden sollte - und die Jungs waren nicht auf dem Platz, weil alle Sportanlagen gesperrt sind, dann wird das nicht funktionieren."

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Sportclub | 22.03.2020 | 22:30 Uhr