Impfpass-Affäre bei Werder: "Klare Indizien", schlimmer Imageschaden

Stand: 21.11.2021 11:24 Uhr

Der Verdacht, der Impfpass von Werder Bremens Ex-Trainer Markus Anfang könnte gefälscht sein, sendet ein verheerendes Signal. Der Staatsanwalt stellt eine schnelle Klärung in Aussicht. Die Spur bei der Suche nach einem neuen Coach führt zu Ole Werner.

von Andreas Bellinger

Als wäre der Bundesliga-Abstieg nicht schon schlimm genug gewesen. Nach Jahren des auch international gewachsenen Renommees ist Werder Bremen auf dem besten Weg, innerhalb nur weniger Monate sein Image nachhaltig zu ramponieren. Egal wie die Impfpass-Affäre um den demissionierten Trainer ausgehen wird, der Schaden ist jetzt schon gravierend - für den angeschlagenen Verein und für den Profifußball insgesamt, der sich so gern als gesellschaftliches Vorbild inszeniert.

Dass er diesem Anspruch nicht gerecht wird, zeigt auch der Fall des Impfskeptikers Joshua Kimmich. Prominente Beispiele, die kontraproduktiv wirken in Zeiten, in denen die Corona-Zahlen schwindelerregende Höhen erreichen und darum gerungen wird, die vierte Corona-Welle unter anderem mit nachdrücklichen Impf-Appellen zu brechen.

Fischer: "Schlimm, schlimmer, Werder"

Beim Fußball-Zweitligisten ist man sich dieser Wirkung bewusst. "Bundesweit ist das Thema Impfpassfälschung dadurch in den Vordergrund gestellt worden, auch in Verbindung mit unserem Verein", sagte Werders Finanz-Geschäftsführer Klaus Filbry im Gespräch mit dem NDR. "Schlimm, schlimmer, Werder", schimpfte derweil der Ehrenpräsident der Grün-Weißen, Klaus-Dieter Fischer. Als der langjährige Präsident von Anfangs Rücktritt erfahren habe, sei ihm fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen.

Polizei im Weserstadion

Alle Versuche, die Anzeige des Gesundheitsamtes gegen Anfang wegen des Verdachts, seinen Impfausweis gefälscht zu haben, und die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft als nicht gravierend darzustellen, waren schon am Freitagabend einigermaßen obsolet geworden.

Nach Filbrys Schilderung sei die Polizei ins Weserstadion gekommen und habe "klare Indizien einer Impfpass-Fälschung vorgelegt". Anfang sei wie sein Co-Trainer Florian Junge, gegen den ebenfalls ermittelt wird, gebeten worden, ins Stadion zu kommen und sein Impfzertifikat abzugeben.

Trennung am Spieltag, um für Ruhe zu sorgen

Danach hätten beide Sport-Geschäftsführer Frank Baumann um die Auflösung ihrer Verträge gebeten, so Filbry. Sie kamen damit möglicherweise einer Kündigung und arbeitsrechtlichen Maßnahmen zuvor, die Werder durchaus in Betracht gezogen habe.

"Der Vorwurf, der im Raum steht, ist wirklich massiv und das hat eine Dimension angenommen, wo wir als Verein überlegt haben, was die richtige Entscheidung ist", sagte Baumann im vereinseigenen TV-Kanal. Am Spieltag zurückzutreten sei zwar sehr ungewöhnlich, so der Manager. "Trotzdem ist es die richtige Entscheidung, um auch kurzfristig eine gewisse Ruhe reinzubekommen."

Filbry: "Akte Markus Anfang für Werder geschlossen"

Durch die sofortige Vertragsauflösung sei die "Akte Markus Anfang für Werder geschlossen", so Filbry. Der vagen Hoffnung, dass die Affäre den Verein nun nicht mehr belasten wird, dürfte sich bei genauerer Betrachtung aber niemand ernsthaft hingeben. Zu gravierend sind die Vorwürfe, die - sollten sie sich erhärten - für mehr stehen als die mutmaßliche Dummheit eines Fußball-Cheftrainers, den Baumann als "wichtigsten Mitarbeiter des Vereins" bezeichnete.

Nach den Irritationen um Nationalspieler Kimmich, der sich wegen angeblich fehlender Langzeitstudien nicht impfen ließ, nun möglicherweise sogar ein Impfbetrüger, dem nach Auskunft der Bremer Staatsanwaltschaft eine Strafe von bis zu einem Jahr Gefängnis drohen könnte? Natürlich gilt die Unschuldsvermutung, aber die Indizien scheinen nach den Aussagen der Club-Verantwortlichen erdrückend zu sein. Staatsanwalt Frank Passade: "Inwieweit der Impfausweis tatsächlich falsch ist, werden wir zeitnah klären können."

Team zeigt im Chaos Stärke

Und wie hat die Mannschaft die sich überschlagenden Ereignisse wenige Stunden vor dem Heimspiel gegen Schalke 04 verkraftet? Co-Trainer Danjiel Zenkovic strahlte rund um die Partie Gelassenheit aus, fand, unterstützt von U19-Chefcoach Christian Brand offenbar den richtigen Ton. "Wir haben uns an den Rat unseres Mentaltrainers erinnert: Im Chaos musst du die Ruhe bewahren." Tatsächlich hatten die kampfstarken Grün-Weißen im Duell der Traditionsvereine mehr vom Spiel, hätten vielleicht sogar gewinnen können, wenn sie bisweilen weniger schlampig agiert hätten.

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Am Ende kam es wie so oft in dieser Spielzeit. Simon Terodde entwischte seinem "Schatten" Ömer Toprak in der 82. Minute ein einziges Mal und brachte die "Knappen" mit seinem 154. Zweitliga-Tor, mit dem er nun der neue alleinige Rekordhalter ist, auf die Siegerstraße. Ein schmeichelhafter Elfmeter, der von Niclas Füllkrug in der neunten Minute der Nachspielzeit verwandelt wurde, sicherte den gebeutelten Bremern noch das 1:1.

Die Forderung von Altpräsident Fischer, "nicht mehr vom Aufbruch zu sprechen, sondern den Aufstieg als das klare Ziel für diese Saison auszugeben", dürfte dennoch übertrieben sein. "Da muss endlich mal wieder Zug reinkommen in diesen Verein", polterte Fischer im Gespräch mit Radio Bremen. "Wir vergammeln. Werder ist eine graue Maus geworden. Das ist unfassbar."

Heiße Spur zu Ole Werner?

Dass der nächste Trainer nun quasi wieder von vorn anfangen muss, macht es nicht besser. Baumann kündigte an, schnellstmöglich einen neuen Coach zu präsentieren, der "eine klare Handschrift hat, eine offensive Spielidee und zudem junge Spieler entwickeln kann". Eine heiße Spur könnte zu Ole Werner führen. Der 33-Jährige aus Preetz in Schleswig-Holstein galt schon im Sommer als Wunschkandidat an der Weser und dürfte mit seiner stoischen Art zu Werder passen. Am nächsten Sonnabend (20.30 Uhr) spielen die Bremer bei Holstein Kiel, wo Werner im September aus freien Stücken seinen Hut genommen hat.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 21.11.2021 | 22:50 Uhr

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