Stand: 18.09.2019 08:52 Uhr

HSV-Ikone Dörfel: Der Mann mit den vielen Gesichtern

Blickt auf ein bewegtes Leben zurück: Gert "Charly" Dörfel.

Gert "Charly" Dörfel war 13 Jahre lang beim HSV der kongeniale Angriffspartner von Uwe Seeler. Doch der Linksaußen fühlte sich nicht nur auf der Fußballbühne wohl. Er versuchte sich auch als Sänger und trat als Clown auf.

Flanke Dörfel, Kopfball Seeler - Tor! Wenn Uwe Seeler wieder einmal per Stirn erfolgreich war, ging sein erster Dank regelmäßig an Gert "Charly" Dörfel. Denn ohne die präzisen Hereingaben des Linksaußen hätte der Ehrenspielführer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wohl weit weniger als 137 Bundesligatore für den Hamburger SV erzielt. "Das, was Charly als Linksaußen geleistet hat, das habe ich noch nicht wieder gesehen", sagte Seeler dem NDR Fernsehen über seinen früheren Tor-Butler, der heute seinen 80. Geburtstag feiert. Der Jubilar selbst hat eine erstaunlich simple Erklärung für das kongeniale Zusammenspiel mit "Uns Uwe": "Ich habe den 'Dicken' beim Flanken schon gerochen."

"Er ist sich immer treu geblieben"

Den Ruhm Seelers erreichte der nie um einen kessen Spruch verlegene Dörfel zwar nicht. Dafür zählt der gebürtige Hamburger fraglos zu den schillerndsten Persönlichkeiten der deutschen Fußball-Geschichte. Denn Dörfel, der seinen Spitznamen in Anlehnung an die Comic-Figur "Charlie Brown" erhielt, kickte nicht nur formidabel. Er verdingte sich auch als Sänger, trat gelegentlich als Clown auf und war der erste bekennende Toupet-Träger der Bundesliga. "Für mich war er immer der größte Spaßvogel", sagte sein früherer Mitspieler Harry Bähre über den Mann mit den vielen Gesichtern: "Und ich glaube schon, dass er sich damit auch ein bisschen im Weg gestanden hat. Aber er ist sich immer treu geblieben."

Nur elf Nationalmannschafts-Einsätze

Insbesondere bei den früheren Bundestrainern Sepp Herberger und Helmut Schön verbaute sich der nicht immer asketische Dörfel durch seinen Lebenswandel und sein forsches Auftreten wohl ein besseres Standing. Der 1965 von der französischen Sportfachzeitung "L'Équipe" zum besten Linksaußen Europas gekürte HSV-Profi kam so lediglich auf elf Nationalmannschafts-Einsätze (sieben Tore). Dass er nicht beidfüßig war und mit seinem rechten Bein "nur stehen konnte", wie frühere Mitspieler mit einem Augenzwinkern berichteten, kam erschwerend für Dörfel hinzu. Die gestrengen DFB-Trainer und der Lebemann, dessen Verschleiß an Frauen und teuren Autos hoch war, das passte nicht zusammen.

Meister und Pokalsieger mit dem HSV

Dörfels Karriere in Zahlen

  • 11 Länderspiele (7 Tore)
  • 3 Amateur-Länderspiele (1 Tor)
  • 1 U23-Länderspiel
  • 224 Bundesligaspiele (58 Tore)
  • 100 Oberligaspiele (49 Tore)
  • 18 Regionalligaspiele (3 Tore)
  • rund 750 Spiele für den HSV
  • Deutscher Meister 1960 (HSV)
  • Pokalsieger 1963 (HSV)
  • Norddeutscher Meister 1960-1963 (HSV)
  • Länderpokalsieger 1959
  • Finalist Europapokal der Cupsieger 1968 (HSV - AC Mailand 0:2)
  • Erster Bundesligtorschütze des HSV (am 1. Spieltag der Bundesliga am 24. August 1963 (Preußen Münster - HSV 1:1)
  • Erster dreifacher Bundesligatorschütze (am 31. August 1963 beim 4:2 des HSV über den 1. FC Saarbrücken)
  • Letztes Bundesligaspiel: 11. November 1971

Auf Vereinsebene hinterließ der "Popstar des deutschen Fußballs" ("Hamburger Abendblatt") hingegen bleibende Spuren. Meister (1960) und Pokalsieger (1963) wurde Dörfel mit seinem HSV, für den er in 224 Bundesliga-Partien 58 Treffer erzielte. Er war der erste Bundesliga-Torschütze des Traditionsclubs und der erste Profi, der in Deutschlands höchster Spielklasse einen Dreierpack schnürte. Zudem beansprucht der heute 80-Jährige für sich, dass er und nicht Manfred Kaltz der wahre Erfinder der "Bananenflanke" ist: "Das ist auch nachvollziehbar, weil ich ja der Ältere war." Wie dem auch sei: Dörfel gehört wie besagter Kaltz zu den Ikonen des heutigen Zweitligisten, auch wenn sein Abschied vom HSV 1972 nicht geräuschlos verlief.

Nach einem Disput mit dem damaligen Coach Klaus Ochs ergriff der Angreifer die Flucht und setzte seine Karriere im fernen Südafrika fort. "Herr Dörfel darf das HSV-eigene Sportplatzgelände am Rothenbaum nicht mehr betreten", teilte das Präsidium des Clubs daraufhin mit. Ein Abschiedsspiel blieb Dörfel verwehrt. Nach weiteren Intermezzi in Kanada und beim Hamburger Club Barmbek-Uhlenhorst beendete er 1974 seine Laufbahn.

"Glücklich über das, was ich gemacht habe"

Dörfel, der aus einer Fußball-Dynastie entstammt - Vater Friedo und Bruder Bernd trugen das DFB-Trikot, Onkel Richard war einst HSV-Ehrenspielführer - ist heute mit seiner Karriere im Reinen, obgleich er mit ein wenig mehr Disziplin wohl noch mehr hätte erreichen können. "Ich bin glücklich über das, was ich gemacht habe. Ich bin ja auch in tolle Mannschaften reingeraten. Es ist ähnlich wie ein Traum, der wahr geworden ist", sagte der Jubilar, dem vor einigen Wochen eine besondere Ehrung zuteil wurde. Anlässlich seines 80. Geburtstag wurde der Fußballplatz des Kreisligisten FC Viktoria Harburg im Beisein von zahlreichen einstigen Fußball-Größen des HSV in Charly-Dörfel-Platz umbenannt.

Musiklieber bringt eigene Single heraus

Dörfel saß dabei neben Seeler ("Er ist mein großes Vorbild") auf einem Sofa. Auf eine Gesangseinlage verzichtete der Musikliebhaber ("Das ist meine große Leidenschaft") allerdings.

Dabei hätte der eine oder andere anwesende Fan oder Ex-Mitspieler gewiss gerne noch einmal seine 1965 veröffentlichten Titel "Das kann ich dir nicht verzeih'n" und "Erst ein Kuss" unplugged von Dörfel gehört. Aber mit seiner "Scheibe" hat der einstige Kult-Kicker bis heute keinen Frieden geschlossen. "Das war damals Schmusekram, man hätte Frecheres machen sollen", kritisierte Dörfel die Plattenfirma: "Ich wurde verkorkst und verhunzt. Man hat mich da auf eine Schiene gebracht: 'Jetzt fängt der auch noch an zu singen'."

"Ich hatte eine Eunuchen-Stimme"

In die Fernsehsendung "Schlagerparade" schaffte es Dörfel dennoch mit seinen Songs und erhielt anschließend jede Menge Post. "Ich habe da einige Briefe bekommen, da stand Clara Dörfel. Die dachten, ich wäre eine 'Olle'", berichtete der große Elvis-Presley-Fan. Dass er dem "King" gesanglich nicht das Wasser reichen konnte, gesteht sich die HSV-Legende freimütig ein: "Ich hatte eine Eunuchen-Stimme."

  • Die lustigsten Sprüche und Anekdoten von und über Charly Dörfel

    ... über die Begegnung mit einem alten Bekannten:
    "Letztens hatte ich eine sehr schöne Begegnung in der Seevetaler Einkaufspassage. Da spricht mich plötzlich ein Mann in meinem Alter an und sagt: 'Mensch, Charly! Schön, dass ich dich treffe! Ich wollte mich die ganzen Jahre bei dir bedanken.' Ich schau ihn an und merke, dass er ein ehemaliger Mitspieler von SV Polizei Hamburg ist. Wir lachen und ich frage: 'Wieso denn bedanken?' Er antwortet: 'Wir haben damals vom HSV 3.000 Mark für dich bekommen. Mit dem Geld haben wir den besten Kegelabend gemacht, den ich je erlebt habe.'"

  • Die lustigsten Sprüche und Anekdoten von und über Charly Dörfel

    ... über seine Lust auf Länderspiele:
    "Ich glaube, ich bin der einzige Spieler auf der Welt, der zwei Länderspiele abgesagt hat, weil er keine Lust hatte und lieber arbeiten wollte."

  • Die lustigsten Sprüche und Anekdoten von und über Charly Dörfel

    ... über seine Zuneigung zu Frauen:
    "Andere liefen seit Babytagen mit Lollis 'rum, wir Dörfels liefen seit der Geburt mit einem Ball durch die Gegend. Doch es gab nicht nur Fußball. Es gab die Musik, und es gab die Frauen. Ich war bekanntlich kein Kussverächter."

  • Die lustigsten Sprüche und Anekdoten von und über Charly Dörfel

    ... über seine Prioritäten im Leben:
    "Fußball war für mich immer die schönste Nebensache der Welt."

  • Die lustigsten Sprüche und Anekdoten von und über Charly Dörfel

    ... über seine Rolle als Mannschaftsclown:
    "Einmal waren wir mit dem HSV unterwegs. In dem Hotel, in dem wir übernachteten, fand eine Hochzeitsfeier statt. Die ganze Mannschaft hing auf der Empore und guckte der Gesellschaft von oben zu. Weil es spät war, hatten wir Schlafanzüge an, ab zehn Uhr war ja Nachtruhe angesagt. Ich habe mit meinen Mitspielern um je 20 Mark gewettet, dass ich die Braut in meinem Aufzug zu einem Ehrentanz auffordere. Alle sagten: Das traust du dich nicht. Hab ich aber und war um 200 Mark reicher."

  • Die lustigsten Sprüche und Anekdoten von und über Charly Dörfel

    ... über seine Begegnung mit Fußballidol Pelé:
    "Ich war schnell und wendig. Und ich konnte mich sehr gut von hinten heranschleichen, so wie eine Katze, und dem Gegner den Ball vom Fuß stiebitzen. Das habe ich auch mal mit Pelé gemacht - und ihn dabei umgehauen. Dann lag er da, die Spieler protestierten - und ich massierte derweil Pelés Oberschenkel."

  • Die lustigsten Sprüche und Anekdoten von und über Charly Dörfel

    ... über seine Abneigung gegen Hitze:
    "Ich konnte bei hohen Temperaturen nicht spielen. 1960 trafen wir im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft auf den 1. FC Köln und es war unfassbar heiß. Ich stellte mich während des Spiels in den Schatten eines Flutlichtmastes, um der Hitze zu entkommen."

  • Die lustigsten Sprüche und Anekdoten von und über Charly Dörfel

    ... über seine Suche eines Bekannten im Publikum:
    "Es gab etwa dieses eine Spiel am Rothenbaum, bei dem ein guter Freund von mir zu Gast war und ich vor dem Spiel mit ihm scherzte: 'Ich finde dich im Publikum.' Während des Spiels schaute ich ständig auf die Zuschauerränge, konnte ihn aber nicht finden. Kurz vor der Halbzeit sah ich ihn dann doch. Ich bin also auf die Tribüne, habe ihm inmitten der johlenden Fans die Hand geschüttelt und gerufen: 'Ich habe ihn gefunden!' Ihm war das ziemlich unangenehm."

  • Die lustigsten Sprüche und Anekdoten von und über Charly Dörfel

    ... über sein schwieriges Verhältnis zum ehemaligen Bundestrainer Helmut Schön:
    "Schön kam etwa einmal während der Halbzeitpause eines HSV-Freundschaftsspiels zu mir und fragte: 'Na Charly, wie sind Sie in Form?' Da hab ich zu ihm gesagt: 'Herr Schön, ganz gut, aber ich habe da auf dem Nebenplatz einen Außenstürmer gesehen, der ist echt super.' Da hat Schön bedröppelt dreingeschaut. Ironie mochte der gar nicht."

  • Die lustigsten Sprüche und Anekdoten von und über Charly Dörfel

    ... über sein letztes Gespräch mit Schön:
    "Eines Tages rief Schön in der Geschäftsstelle am Rothenbaum an. Wir saßen nicht weit des Empfangs und aßen zu Mittag. Da die Zentrale nicht besetzt war, eilte ich zum klingelnden Telefon. Am Ende meldete sich der Bundestrainer: 'Hallo, hier Helmut Schön, ich möchte mit Trainer Gawliczek sprechen!' - Ich antwortete in einer Art Computerstimme: 'Hier ist die telefonische Zeitansage, beim nächsten Ton ist es 17:25 Uhr - tut - tuuut.'"

  • Die lustigsten Sprüche und Anekdoten von und über Charly Dörfel

    ... über seinen Sturmpartner Uwe Seeler:
    "Ich kann voller Stolz sagen, dass ich diesem Fußballhalbgott 13 Jahre lang gegen den Kopf schießen durfte. Er soll froh sein, dass er davon keinen Dachschaden bekommen hat."

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Erst Paradiesvogel, dann Ordnungshüter

Weil er auch sein Talent als Clown - Dörfel trat unter anderem einmal im weltberühmten Zirkus Krone auf - realistisch einschätzte, entschied er sich nach seinem Karriere-Ende für einen grundsoliden Berufsweg. Dörfel, der knapp 22.000 Schallplatten in seinem Eigenheim im niedersächsischen Meckelfeld verstaut hat, arbeitete als Vollstreckungsbeamter für das Hamburger Wirtschafts- und Ordnungsamt. Seine Aufgabe war es, nach widerrechtlich entsorgten Autos zu fahnden. Das schien so gar nicht zu dem Paradiesvogel aus vorigen Fußball-Zeiten zu passen.

Doch der Mann mit den vielen Gesichtern und Talenten meisterte auch diese Herausforderung. 22 Jahre lang war für die Behörde tätig, bevor er seinen Ruhestand antrat. Inzwischen ist Dörfel gesundheitlich angeschlagen. Seinen Humor hat der 80-Jährige aber trotzdem nicht verloren: "Ich habe Pflegestufe 3, sieben Stents, aber vor dem Fernseher sitze ich wie ein Weltmeister."

Weitere Informationen

Dörfel: Erster bekennender Toupet-Träger

HSV-Unikum Charly Dörfel ist der erste bekennende Toupet-Träger der Bundesliga. "Dafür gab's damals einen Zweijahresvertrag, der mit 20.000 Mark dotiert war", sagte der "Flankengott". mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 18.09.2019 | 19:30 Uhr