Meppens Spieler bejubeln einen Treffer. © IMAGO / Werner Scholz

Datencheck: Darum ist Meppen das Überraschungsteam der Dritten Liga

Stand: 15.01.2022 10:26 Uhr

Der sportlich abgestiegene SV Meppen durfte im vergangenen Sommer Fußball-Drittligist bleiben, weil der KFC Uerdingen keine Lizenz bekam. Ein halbes Jahr später grüßen die Emsländer vom dritten Tabellenplatz. Die Datenanalyse zeigt, warum der Außenseiter das Überraschungsteam der Liga ist.

von Matthias Heidrich

"36 Punkte am 20. Spieltag, das ist einfach der Wahnsinn, sensationell", sagte Trainer Rico Schmitt nach dem 4:1-Heimsieg zum Jahresabschluss gegen Halle und hatte dabei auch den vergangenen Sommer im Hinterkopf. "Im Mai standen wir weinend am Zaun. Das war eine sehr dramatische Situation, weil wir nicht wussten, wie es weitergeht."

Es ging weiter - und wie! Schmitt, der Ende April 2021 nach der Beurlaubung von Torsten Frings den Trainerposten beim SVM übernahm, hat den Meppenern für die Saison 2021/2022 einen auf das vorhandene Spielermaterial perfekt abgestimmten Plan verpasst.

Rico Schmitt auf den Spuren von José Mourinho

Dabei ist der SV Meppen gemessen am "Performance-Score", der die aktuelle Spielstärke der Teams beschreibt, mit 47,11 eigentlich nur Drittliga-Mittelmaß - Rang zwölf, der Ligaschnitt liegt bei 47,34.

Die Meppener spielen also besser, als es ihr Potenzial eigentlich hergibt. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Art und Weise, wie sie spielen. Die GSN-Datenanalyse, die in ihren Berechnungsmodellen auch auf künstliche Intelligenz zurückgreift, zeigt, dass Schmitts bevorzugtes taktisches 4-2-3-1-System perfekt zu den Emsländern passt.

Hinzu kommt eine Spielidee, mit der SVM-Coach Schmitt (mit einem GSN-Index von 60,98 ein potenzieller Bundesligatrainer) ein bisschen auf den Spuren von José Mourinho wandelt. Der Provokateur aus Portugal trieb seine Art der Spielverweigerungstaktik 2010 mit Inter Mailand auf die Erfolgs-Spitze, entnervte und schlug in der Champions League den großen FC Barcelona und im Finale auch Bayern München.

Ballbesitz? Nein, danke!

Meppen ist nicht Mailand, aber der Ansatz ist ähnlich: Ballbesitz? Nein, danke! Im Schnitt haben die Niedersachsen nur 22,36 Minuten pro Spiel das Leder (im Ligavergleich Platz 16). Beim Pressing, also dem entscheidenden Mittel, um das Spielgerät zu bekommen, hält sich der Tabellendritte auffallend zurück. 15,65 Pressing-Aktionen pro Partie sind der zweitniedrigste Wert der Dritten Liga. Lediglich der kommende Gegner Kaiserslautern (14,55) investiert noch weniger in diesem Bereich. Darüber hinaus sind nur 40,89 Prozent der Meppener Pressing-Versuche erfolgreich (wieder Platz 19).

Meppen macht es Mourinho-like: Es zieht sich zurück, zwingt die Gegner in der eigenen Hälfte in den Nahkampf, wo es sich wohlfühlt, um dann mit dem (ungeliebten) Ball am Fuß so direkt wie möglich den Weg zum gegnerischen Tor zu suchen.

Das ist konsequent, denn in den direkten Duellen hat Meppen seine Stärken, führt mit 170,25 Zweikämpfen pro Spiel die viertmeisten und gewinnt 84,70 davon (Rang sieben). Die zweitmeisten Tacklings (33,90), die sechstmeisten Fouls (13,4) und die zweitmeisten Gelben Karten (2,8): Aggressiv überleben, anstatt in Schönheit sterben, lautet das Meppener Motto.

Alles oder nichts, aber auf direktem Weg

In der Offensivbewegung ist das vertikale Spiel der SVM-Trumpf. Der Anteil von Pässen über 40 Meter ist hoch beim Schmitt-Team, liegt im Schnitt bei 15,59 pro Spiel (Rang vier, Ligaschnitt bei 14,09). Dazu passt, dass Meppen die zweitmeisten Angriffe der Liga per Konter fährt (18,20, nur Zwickau mit 18,35 hat mehr). Aus dem Positionsspiel heraus kreiert der SVM nur 55,50 Angriffe (Platz 19, nur Havelse mit 54,7 hat weniger). Weiteres Indiz für die erfolgreiche Maßgabe "Alles oder nichts, aber auf direktem Weg" sind 4,55 angekommene Schlüsselpässe pro 90 Minuten. Hier ist in der Dritten Liga nur Tabellenführer Magdeburg mit 5,3 besser.

Effizienz aus dem Emsland

Auf dieser Spielgrundlage aufbauend schaffen es die Meppener, auch ohne viel Ballbesitz effizient zu sein. 44 Mal pro Partie dringen die Emsländer ins gegnerische letzte Drittel ein (nur Osnabrück mit 50,37 ist zielstrebiger) und erarbeiten sich stattliche 7,30 Torchancen (lediglich Magdeburg schafft mit 7,75 mehr). Der SVM weiß, wo das Tor steht, bringt 45,15 Prozent seiner Schüsse aufs gegnerische Gehäuse - das ist Ligaspitze.

Im Fahrwasser von Offensiv-Tanker Tankulic

Hauptverantwortlich für die Meppener Abschlussstärke ist Luka Tankulic. Mit elf Saisontoren ist der 30-Jährige zusammen mit Gustaf Nilsson (Wehen Wiesbaden) und Michael Eberwein (Halle) der treffsicherste Torjäger der Liga.

VIDEO: "Lucky Luka" in Aktion: Alle elf Saisontore von Meppens Tankulic (1 Min)

Ein "Performance-Score" von 52,67 weist "Lucky Luka", der schneller schießt als sein Schatten, als den aktuell besten offensiven Mittelfeldspieler der Liga aus. Gemessen an Tankulic' möglichem GSN-Index von 56,71 würde es für den torgefährlichen Spielmacher auch locker für die Zweite Liga reichen.

"Träumen gehört auch dazu. Aber wir bleiben bei uns und rattern weiter." SVM-Trainer Rico Schmitt

Für den SV Meppen insgesamt auch? 1,41 "Expected points" pro Partie spuckt die Datenanalyse bei den Norddeutschen aus, tatsächlich holen sie im Schnitt aktuell sogar 1,80 Punkte pro Spiel. Wie schon beim eingangs aufgeführten "Performance-Score" agiert die Schmitt-Mannschaft auch hier viel besser, als die Datenlage es vermuten lässt.

Halten die Meppener mit ihren speziellen Methoden dieses Niveau, könnte das Überraschungsteam der Liga am Ende sogar aufsteigen.

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