Stand: 14.03.2019 12:00 Uhr

VfL-Coach Thioune: "Setze mir nach oben keine Grenzen"

Trainer Daniel Thioune vom VfL Osnabrück hat in dieser Saison gut lachen.

Daniel Thioune hat den Fußball-Drittligisten VfL Osnabrück in Windeseile von der grauen Maus zum lila-weißen Aufstiegskandidaten gemacht. Der 44-Jährige bekam trotz schwacher Debütsaison das Vertrauen geschenkt - und zahlt jetzt zurück. Die Niedersachsen sind das Maß der Dinge in der Dritten Liga und könnten nach acht Jahren wieder in die Zweite Liga zurückkehren. Das kommende Spiel gegen Carl Zeiss Jena am Sonnabend (14 Uhr) überträgt der Sportclub live im TV und im NDR Livecenter. Im Interview spricht Thioune darüber, was ihn antreibt, das Geheimnis des Erfolgs und ganz besondere VfL-Momente.

Herr Thioune, war es rückblickend ein Segen für den VfL, dass Ihr erstes Jahr als Trainer der Profis nicht wie gewünscht verlaufen ist?

Daniel Thioune: Das ist eine gute Frage (denkt nach). Auf jeden Fall habe ich in meiner ersten Saison gleich die ganze Brandbreite des Geschäfts kennenlernen dürfen und musste einige Widerstände aus dem Weg räumen. Die Erfahrungen hätte ich nicht unbedingt machen müssen, ich möchte sie aber jetzt auch nicht missen.

Weitere Informationen

Tabellenführer Osnabrück: Torlos, aber nicht punktlos

Der VfL Osnabrück hat die Drittliga-Tabellenführung mit einem 0:0 verteidigt. Überzeugen konnten die Lila-Weißen dabei allerdings nicht. mehr

Sie betonen immer wieder, dass Sie sich nicht sagen lassen wollen, das Sie etwas nicht können. Platz 17 der Abschlusstabelle und die zwölf sieglosen Partien zum Saisonende dürften Sie angestachelt haben.

Thioune: Das sowieso. Wenn man als Fußballlehrer im Profifußball anfängt, hat man genau einen Schuss. Der muss sitzen. Wir haben meine ersten vier Spiele allesamt verloren, aber offenbar habe ich innerhalb des Clubs durch meine Arbeit überzeugt. Allen anderen habe ich es zeigen wollen. Und ich denke, dass sich die Qualität meiner Arbeit jetzt auch in den Ergebnissen widerspiegelt.

In dieser Saison ist es deutlich einfacher, die Niederlagen zu zählen. Bisher gab es nur drei. Wie ist solch eine Entwicklung möglich?

Thioune: Wir hatten durch die vielen auslaufenden Verträge die Chance, den Kader stark zu verändern. Und dann ging es darum, die Leute vom VfL zu begeistern. Bei uns ist ganz wichtig, dass nicht derjenige Schuld hat, der den Ball verloren hat, sondern der, der nicht versucht hat, ihn wiederzuholen. Das haben die Spieler verinnerlicht.

Und die rasante Entwicklung von der grauen Maus zum lila-weißen Tabellenführer haben Sie mit Sportdirektor Benjamin Schmedes vor der Saison so ausgeheckt? Oder müssen auch Sie sich ab und an kneifen?

Bild vergrößern
Arbeiten erfolgreich zusammen: Daniel Thioune (l.) und Sportdirektor Benjamin Schmedes.

Thioune: Kneifen muss ich mich höchstens, dass wir das so schnell auf den Weg gebracht haben. Aber ich war davon überzeugt, dass wir mit meiner Idee vom Spiel mit und gegen den Ball Erfolg haben würden. Am Anfang war auch eine Portion Glück dabei, als wir späte Siegtore geschossen haben. Aber wenn man nach 28 Spieltagen ganz oben steht, hat das mit Glück überhaupt nichts mehr zu tun. Wir haben mit Unnachgiebigkeit und Gier ein Selbstverständnis entwickelt. Die Köpfe gehen nach Rückschlägen nicht nach unten. Wir sind in einen Flow reingerutscht.

Dabei hatten nicht wenige erwartet, dass der VfL im Sommer einen neuen Trainer verpflichten würde. Sie auch?

Thioune: Das ist schwierig zu sagen. Dass sich der VfL nach zwölf Spielen ohne Sieg von seinem Trainer trennt, wäre nur realistisch gewesen. Aber Benjamin Schmedes war ganz nah dran und ist offenbar zum Schluss gekommen, dass ich nicht verantwortlich war für das schlechte Abschneiden, sondern vielleicht mit dem Klassenerhalt noch das Beste aus der Situation gemacht habe. Er hat meine Qualität gesehen und hatte das Vertrauen, dass sich die bei einem veränderten Kader auch in Ergebnissen zeigen würde.

Vielen Spielern in Ihrem Kader fehlt das große Ausrufezeichen in ihrer Karriere. Haben Sie das bei den Transfers besonders im Auge gehabt?

Thioune: Das war zumindest eine Maßgabe. Bei uns ist niemand zufrieden mit dem Ist-Zustand. Die Leute um mich herum sind Ende 20, der Sportdirektor ist der jüngste der Liga. Wir haben Spieler gesucht, die sich mit unserem großen Ziel identifizieren. Der Aufstieg könnte der große Moment für die Spieler sein.

Und wie ist es mit Ihnen, hatten Sie so einen großen Moment mit dem VfL?

Thioune: Als Osnabrücker Junge beim VfL einen Profivertrag zu unterschreiben, war schon besonders. Genauso, dass mir neulich VfL-Legende Paul Linz nach einer Pressekonferenz sein Trikot geschenkt hat. Beim Aufstieg 2000 war ich ab dem 23. Spieltag verletzt und habe am 34. keine Rolle gespielt. Vielleicht fehlt auch mir noch dieses eine Detail, um die Lücke zu schließen.

Weitere Informationen

Ergebnisse und Tabelle 3. Liga

Ergebnisse, Tabellenstände und die Spieltage im Überblick. mehr

Das passiert dann am 18. Mai, wenn Sie auf dem Rathausplatz den Aufstieg in die Zweite Liga feiern?

Thioune: Derlei Fragen bekomme ich ja häufig gestellt. Aber fest steht bisher nur, dass unser Kapitän Marc Heider am 18. Mai seinen Geburtstag feiert (schmunzelt). Wir hätten natürlich nichts dagegen, wenn die Party ein bisschen größer ausfällt. Aber wir tun gut daran, in Anbetracht von Rang 17 letztes Jahr weiter demütig zu sein. Natürlich wollen wir jetzt auch vollenden, aber wenn wir immer nur an den 18. Mai denken, verlieren wir die kommenden zehn Spiele aus dem Blickfeld.

Sie arbeiten seit bald sechs Jahren wieder in Osnabrück, wo Sie einst Ihre Profikarriere gestartet haben, wo Ihre Familie lebt, wo Ihre Kinder zur Schule gehen. Christian Streich hat es kürzlich als Privileg bezeichnet, in seiner Heimatstadt Freiburg Profi-Trainer sein zu dürfen. Wie empfinden Sie das?

Thioune: Ich kenne den Club als Fan und Zuschauer, als Spieler und Jugendtrainer. Dass ich in Osnabrück jetzt bei den Profis am Spielfeldrand stehen darf, als Kopf dieser Mannschaft - das ist auf jeden Fall eine privilegierte Position. Aber ich habe noch Ziele und Träume.

Aus Ihrer Spielerkarriere haben Sie nach eigener Aussage nicht alles herausgeholt, weil Sie Osnabrück zu spät verlassen haben. Wird also der Tag kommen, an dem Sie dem Club als Trainer den Rücken kehren müssen?

Thioune: Ich könnte mir gut vorstellen, der Christian Streich oder Thomas Schaaf von Osnabrück zu werden. Als Kind der Stadt habe ich eine hohe Identifikation mit dem Club. Und ich muss meine volle Energie in das Hier und Jetzt investieren. Es kann sein, dass irgendwann die Erfolge ausbleiben und ich hier nicht mehr gewollt bin. Ich bin nicht mit dem VfL verheiratet - und setze mir nach oben keine Grenzen. Ich habe als Spieler den richtigen Moment verpasst, weil ich nicht fokussiert war. Das wird mir, glaube ich, nicht noch mal passieren.

Das Interview führte Florian Neuhauss, NDR.de

VfL Osnabrück: Kader für die Saison 2018/2019

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 16.03.2019 | 14:00 Uhr

Mehr Sport

01:36
Hamburg Journal