Stand: 12.05.2020 10:36 Uhr

Corona: Bundesliga-Training aus dem Bauch heraus

Trainer Florian Kohfeldt von Werder Bremen © picture alliance/dpa Foto: Soeren Stache
Werder Bremens Florian Kohfeldt muss sich wie seine Trainerkollegen in Corona-Zeiten umstellen.

Dass seine Empathie in Zeiten der Corona-Pandemie der strikten Abstandsregel zum Opfer fällt, darunter leidet Florian Kohfeldt am meisten. "Körperliche Nähe ist im Normalfall durchaus ein Teil meines Coachings", räumt der Trainer von Fußball-Bundesligist Werder Bremen unumwunden ein. Doch nun ist alles anders. Wie der Coach der abstiegsbedrohten Hanseaten müssen auch seine 35 Kollegen vor der Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Ersten und Zweiten Liga am Wochenende improvisieren, ausprobieren und ungewöhnliche Maßnahmen ergreifen.

VfL-Coach Glasner: "Natürlich kein Idealszenario"

Das Fiebermessen vor Betreten des Trainingsgeländes, die Abstandsregeln, die kürzeren Meetings mit dem Trainerstab - das alles könne mit der Zeit vor Corona nicht verglichen werden, erklärte Kohfeldt.

"Natürlich ist es nicht das Idealszenario, das wir uns alle wünschen", sagte Wolfsburgs Trainer Oliver Glasner dem NDR Sportclub: "Auf der anderen Seite ist es aber unter all den schlechten Möglichkeiten die beste."

Gewöhnungsbedürftig wie das mittlerweile abgehakte Training in Kleingruppen und Betreuer mit Mundschutz ist auch die strenge Quarantäne der Teams spätestens eine Woche vor dem ersten Ligaauftritt. Im Hotel dürfe die Mannschaft beispielsweise nicht gemeinsam am Buffet essen, berichtete Glasner, "die Jungs werden die meiste Zeit auf ihren Zimmern verbringen". Ohnehin wird alles anders sein: Ohne die eigene Familie um sich zu wissen, werde die Zeit in der Isolation zu einer zusätzlichen Herausforderung, erklärte Matthias Herzog. Der Motivationstrainer sprach im NDR Sportclub von einer "kompletten Überforderung" der Spieler.

Vorbereitung im Express-Modus

Haben die Clubs im Sommer eine lange Vorbereitungszeit, gibt es nun ein Express-Programm. "Wir müssen versuchen, der Situation angepasst diese Situation zu meistern. Von Normalität kann keine Rede sein", erklärte HSV-Coach Dieter Hecking. "Was uns am meisten fehlt, sind Testspiele." Das sei der größte Unterschied zu den normalen Vorbereitungen, sagte Glasner. "Wir müssen das simulieren in einem internen elf gegen elf." Mentalcoach Herzog erwartet von den Profis angesichts der durchbrochenen Routine ohnehin nur "60 bis 70 Prozent der Leistungsfähigkeit".

Besondere Verhaltensregeln auch am Spielfeldrand

Auch das Verhalten während des Spiels wird anders sein. Bei Auswechslungen darf nicht abgeklatscht werden, auf der Ersatzbank muss jeder eine Maske tragen. Immerhin: "Der Trainer darf den Nasen-Mund-Schutz zum Rufen von Anweisungen abnehmen, sofern er einen Mindestabstand von 1,50 m von allen anderen Personen einhält", heißt es im Verhaltenskatalog der Deutschen Fußball Liga (DFL). "Das wird für alle erst mal alles neu sein. Ich werde mich einfach darauf einlassen", sagte Glasner, der es so machen will wie vorher auch: "Ich werde nicht quer über den Platz schreien, sondern dem Spieler, der sich gerade in der Nähe befindet, die Anweisung geben, damit der das dann weiter transportieren kann." Zeichensprache oder Geheimcodes seien nicht vereinbart.

Kohfeldt: "Unkonventionell aus dem Bauch heraus denken"

Trotz aller Widrigkeiten freut sich Werder-Trainer Kohfeldt auf den Neustart am kommenden Wochenende. "Auf das Spiel selber natürlich. Denn das verändert sich nicht. Du spielst elf gegen elf, du darfst alles auf dem Platz machen wie sonst auch", sagte der 37-Jährige. "Wenn in den Kern des Fußballs eingegriffen worden wäre, etwa durch ein Verbot von Zweikämpfen, wäre die Freude deutlich geringer."

Kohfeldt will "unkonventionell aus dem Bauch heraus denken" und eine gewisse Demut an den Tag legen: "Schließlich hat keiner von uns diese beispiellose Situation schon einmal erlebt."

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