Stand: 18.03.2019 12:05 Uhr

Carsten Linke: Hannover 96 braucht mehr Demokratie

von Andreas Bellinger, NDR.de

Ex-Profi Carsten Linke kandidiert am kommenden Sonnabend bei der Mitgliederversammlung von Hannover 96 für den Aufsichtsrat. Das Kontrollgremium beruft einen neuen e.V.-Präsidenten. Martin Kind tritt in dieser Funktion ab, bleibt aber mächtigster Mann der ausgegliederten Fußballabteilung. Linke kritisiert den Führungsstil des Clubchefs und will mehr Demokratie bei 96.

Jetzt kann wohl nur noch himmlischer Beistand helfen. Hannover 96 ist nach dem 1:3 beim FC Augsburg kaum noch zu retten und muss sich acht Spieltage vor dem Ende der Saison mehr denn je mit dem erneuten Gang in die Zweite Liga anfreunden. Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es zwar. Aber selbst der frühere 96-Profi Carsten Linke, den die Fans noch immer "Fußballgott" rufen, glaubt nicht mehr so recht an die Wende beim Tabellenvorletzten. "Die Situation ist natürlich bedrohlich", sagt der 53-Jährige im Sportclub und müht sich, einen Hauch von Zuversicht zu verbreiten: "In den letzten beiden Spielen hat die Mannschaft zum Kampf gefunden. Die Frage ist nur: Kommt das noch rechtzeitig?" Das nächste Abstiegsduell steigt in zwei Wochen in eigener Arena gegen den gleichfalls schwächelnden FC Schalke 04.

"Man hätte noch zwei, drei gute Spieler dazuholen müssen"

Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, die den Absturz der Niedersachsen nicht nur auf dem Fußballplatz erklären. Die Ursachen der sportlichen Talfahrt hat Linke, der einstige Defensivallrounder, der in seiner Zeit bei den "Roten" (1995 - 2003) von der Regionalliga bis in die Bundesliga aufgestiegen ist und nach dem Ende seiner Karriere vier Jahre im Management des Clubs arbeitete, schon vor der Saison benannt: "Dass Salif Sané in der Abwehr nur schwer zu ersetzen sein wird, habe ich damals schon gesagt. Und das zeigt sich nahezu jede Woche." Und: "Ich glaube, man hätte noch zwei, drei gute Spieler dazuholen müssen."

Aufsichtsrats-Wahl mit Zündstoff

Linke legt nicht nur den Finger in die 96-Wunden, sondern will auch selbst wieder gestalten. Der Sporttherapeut im Klinikum Wahrendorff kandidiert am kommenden Sonnabend bei der Mitgliederversammlung für den (ehrenamtlichen) Aufsichtsrat des zerstrittenen e.V. aus der niedersächsischen Landeshauptstadt. Für Zündstoff ist gesorgt, obwohl Linke betont: "Wir treten an für den Verein. Wir werden in die Kommanditgesellschaft auf Aktien nicht reinregieren. Dazu braucht es Professionalität." Für die ausgegliederte Fußballabteilung sei das Management mit dem Geschäftsführer zuständig, sagt Linke. Und der will der umstrittene Martin Kind bleiben, der die Mitglieder des Traditionsclubs in ein Pro-Kind- und ein Contra-Kind-Lager gespalten hat.

"Pro Verein 1896" setzt auf Kind-Kritiker Kramer

Als Präsident kandidiert der mächtige Unternehmer aus Großburgwedel nach fast 20 Jahren "fantastischer Arbeit" (Linke) nicht wieder. Als Kandidaten für die Nachfolge hat die Club-Opposition Sebastian Kramer ernannt. Dies gab die Interessengemeinschaft "Pro Verein 1896" am Sonntag bekannt. Der 42-Jährige sitzt derzeit im Aufsichtsrat und gilt als Kind-Kritiker. Wie es heißt, kann sich Kramer der Unterstützung Linkes gewiss sein, wenn dieser in den fünfköpfigen Aufsichtsrat gewählt wird, der wiederum den neuen Präsidenten beruft. Ambitionen, über den Umweg Aufsichtsrat selbst Präsident zu werden, wie es jüngst Marcell Jansen beim Hamburger SV geschafft hat, hegt Linke eigenen Aussagen zufolge nicht. Wohl aber dürfte er das Ziel verfolgen, über den Aufsichtsrat Einfluss auf die ausgegliederte Profifußball-Abteilung zu nehmen.

"Pokalheld" Surmann kandidiert

Das gilt auch für den anderen früheren 96-Profi, Karsten Surmann, der gleichfalls einer der insgesamt elf Kandidaten für die fünf Plätze im Aufsichtsrat ist. "Wir werden nicht gegen die Kapitalseite handeln", sagt der noch heute als Pokalheld gefeierte Kapitän der Cupsieger-Mannschaft von 1992. Surmann, der Betreiber einer Fußball-Schule ist, wird dem Kind-freundlichen Lager zugerechnet, kritisiert die vom (Noch-)Präsidenten maßgeblich mit zu verantwortende Außendarstellung des Vereins aber schonungslos: "Die geht eigentlich gar nicht." Linke hat sich vor allen Dingen mehr Demokratie und Information auf die Fahne geschrieben: "Wir möchten, dass die Geschäfte transparent und für die Mitglieder einsehbar sind."

Linke kritisiert Vereinsführung um Kind

"Die demokratischen Mittel im Verein Hannover 96 sind anscheinend außer Kraft gesetzt", hatte Linke dem NDR schon vor Wochen gesagt. "Da ist ein Mitgliederbeschluss, den es seit 2017 gibt, der besagt, dass die Zahlen, die bei der DFL eingereicht werden, erst den Mitgliedern zur Beschlussvorlage vorgelegt werden müssen." Kind betrachte dies offenbar nur als Empfehlung. Wie die Stimmensammlung für eine außerordentliche Mitgliederversammlung, die einfach ignoriert worden sei. "Ein Verein ist ein demokratisches Gebilde", sagt Linke. "Und wenn diese Demokratie nicht gelebt wird, und das wird sie nicht bei Hannover 96, dann stimmt etwas nicht."

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Sportclub | 17.03.2019 | 23:00 Uhr

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