Stand: 18.12.2018 08:47 Uhr

Linke: Demokratie bei 96 ist außer Kraft gesetzt

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Trug in 214 Spielen das 96-Trikot: "Fußballgott" Carsten Linke.

Carsten Linke hat zwischen 1995 und 2003 mehr als 200 Pflichtspiele für Hannover 96 bestritten. Der Defensivallrounder war wegen seiner Einsatzbereitschaft Publikumsliebling und wurde von den Fans nur "Fußballgott" gerufen. Nach seiner aktiven Karriere blieb er dem Club bis 2007 im Management erhalten. Trotz der damaligen Trennung ist der 53-Jährige ein "Roter" durch und durch. Im NDR Interview äußert er sich zur sportlichen Situation des Bundesliga-Schlusslichts und kritisiert dabei auch die Vereinsführung.

Herr Linke, Sie waren am Sonnabend beim 0:4 gegen Bayern München im Stadion. Wie bewerten Sie die sportliche Situation bei Hannover 96?

Carsten Linke: Die sportliche Situation ist natürlich dramatisch. Es macht zumindest nachdenklich, dass die Mannschaft gegen Bayern München nicht mutiger nach vorne gespielt hat. Man zieht sich im Moment zurück und verschiebt im Raum, aber man agiert nicht gegen den Ball, man attackiert den Gegner nicht. Man kann gegen Bayern München verlieren, aber nicht auf diese Art und Weise. Ein bisschen mehr Kampf hätten sich die Zuschauer sicher schon gewünscht. Aber die Partie ist schon wieder Vergangenheit, jetzt muss sich die Mannschaft auf das nächste Spiel am Mittwoch (20.30 Uhr, im Livecenter bei NDR.de, d.Red.) in Freiburg vorbereiten. Das wird sehr, sehr wichtig. Wenn man da punktet und anschließend zu Hause gegen Düsseldorf gewinnt, kann man sehr positiv in die Rückrunde gehen. Weil es dann mit vielleicht auch neuem Spielermaterial die Möglichkeit gibt, noch mal anzugreifen.

Reicht die Qualität im 96-Kader nicht aus?

Linke: Ich denke, man ist gut beraten, wenn man sich im Winter noch in der Breite verstärkt. Auch wenn ich weiß, dass ein Wintertransfer immer mit Schwierigkeiten einhergeht: Die neuen Spieler müssten sofort fit sein, da sein - und diejenigen, die aktuell spielen, geben die Vereine meistens nicht ab. Insofern ist es eine schwierige Aufgabe für Horst Heldt, aber er hat ja schon bewiesen, dass er den einen oder anderen guten Transfer machen kann.

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Linke: Ich habe vor der Saison gesagt, dass Salif Sané in der Abwehr nur schwer zu ersetzen ist, das zeigt sich nun eigentlich nahezu jede Woche. Und auch in der Offensive hat man mit Felix Klaus und Martin Harnik Spieler abgegeben, die immer für Tore gut waren und auch Bundesliga-Erfahrung haben. Das fehlt der Mannschaft jetzt ein bisschen. Außerdem hatte ich schon vor der Saison gewarnt, dass sich das irgendwann auf die Mannschaft auswirken kann, wenn man die Probleme außerhalb des Sportplatzes nicht in den Griff bekommt. Im Vorjahr ließ sich das durch den guten sportlichen Start kompensieren. Jetzt hingegen scheint es schon hinderlich zu sein, dass drumherum so viel diskutiert wird. Man muss auf den Platz gehen und frei im Kopf sein - und das kann man unter solchen Umständen nicht. Die Spieler lesen ja schließlich auch Zeitung oder sehen die Plakate im Stadion.

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Linke: Das ist eine absolut korrekte Aktion. Die demokratischen Mittel im Verein Hannover 96 sind anscheinend außer Kraft gesetzt. Da ist ein Mitgliederbeschluss, den es seit 2017 gibt, der besagt, dass die Zahlen, die bei der DFL eingereicht werden, erst den Mitgliedern zur Beschlussvorlage vorgelegt werden müssen. Dann gibt es die Stimmensammlung für eine außerordentliche Mitgliederversammlung, die einfach ignoriert wird. Die Fünf-Prozent-Klausel für eine Minderheitenregelung ist ja nicht irgendeine Regelung, sondern sie ist im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert und ich denke, man sollte diese Dinge ernst nehmen. Und man sollte sie nicht nur auf die Fans in der Kurve schieben. Auch, wenn man durch den Businessbereich im Stadion geht, findet man mittlerweile sehr viele, die mit der Situation unzufrieden sind und eine schnelle Lösung befürworten.

Ist die sportliche Krise also hausgemacht?

Linke: Ja, durchaus. Die Entscheidungen fallen aus meiner Sicht nicht immer nur für Hannover 96, sondern für die eine oder andere Partei. Wenn es um die Mannschaft und den Erfolg gehen würde, müsste man die Mitgliederversammlung Anfang Januar machen, damit die Mannschaft anschließend unbeschwert in die Runde gehen kann - dann mit den Voraussetzungen, wie sie nach der Mitgliederversammlung geschaffen wurden. Dadurch, dass man das aber auf den 23. März hinauszögert, sind schon wieder vier, fünf Spiele absolviert, in denen diese Unruhe im Verein auf die Mannschaft übertragen wird. Es ist sehr schwer für André Breitenreiter und Horst Heldt, da eine vernünftige Vorbereitung zu machen und die Köpfe der Spieler freizubekommen.

Was muss denn passieren, damit es besser wird?

Linke: Sportlich denke ich, dass André Breitenreiter die Mannschaft in der Vorbereitung wieder hinbekommen wird, und wir mit zwei, drei Verstärkungen sicherlich den Klassenerhalt erreichen. Davon bin ich überzeugt. Drumherum muss man generell schauen, mit welcher Ausrichtung der Verein weitergeht. Ich glaube mittlerweile, dass ein großer Teil der Mitglieder diese 50+1-Regel erhalten will. Und ich glaube auch, dass ein Großteil der Mitglieder mit Martin Kind weiter zusammen in die Zukunft gehen will. Man muss sehen, wie das miteinander kompatibel ist. Martin Kind hat hier fantastische Arbeit geleistet, das steht außer Frage. Trotzdem glaube ich, sollte er mehr auf die Mitglieder und die Beschlüsse hören. Denn er ist letztlich auch Präsident eines eingetragenen Vereins - und die Migliederversammlung ist das Höchste, was wir in diesem Verein haben.

Ist André Breitenreiter noch der richtige Trainer?

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Trainer André Breitenreiter hat trotz der sportlichen Krise das Vertrauen der Clubführung.

Linke: Ich habe weiterhin volles Vertrauen zu André Breitenreiter, weil ich aufgrund der Zeit, die er jetzt bei uns ist, selten einen Trainer gesehen habe, der sich taktisch so gut auf den Gegner einstellt und auch während des Spiels immer wieder versucht, durch taktische Umstellung Sachen gut zu machen. Wenn ich die Spiele sehe und auch seine Ein- und Auswechslungen, hat das für mich immer Hand und Fuß. Das war nicht bei allen Vorgängern der Fall. Aber bei ihm finde ich mich wieder. Seine Idee vom Fußball ist die richtige. Jetzt müssen wir nur die richtige Mischung zwischen Kampf und Fußballspiel finden. Ich glaube, 96 sollte im Moment mehr auf Kampf setzen, so wie es in Düsseldorf und Freiburg der Fall ist. Ohne die Basics im Fußball werden wir nicht erfolgreich sein.

Wie weh tut der Blick auf die Tabelle?

Linke: Das ist natürlich nicht angenehm, aber es ist nur eine Momentaufnahme. Wir sind ja auch nicht alleine da unten: Es sind vier Mannschaften, die relativ eng beieinander sind, und jetzt ist das Ziel, der Oberste von den Vieren zu werden.

Sie glauben also an den Turnaround?

Linke: Ja, natürlich. Wir sind "Rote", bei uns ist das Glas immer halbvoll, niemals halbleer.

Das Interview führte Alexander Kobs, NDR Fernsehen

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