Stand: 19.05.2019 13:20 Uhr

Bruno Labbadia: Großer Abgang eines Unterschätzten

von Hanno Bode, NDR.de
Bruno Labbadia (M.) verabschiedete sich nach dem Augsburg-Spiel minutenlang von den Wolfsburger Fans.

Bruno Labbadia wurde vor knapp eineinhalb Jahren nicht mit offenen Armen beim VfL Wolfsburg empfangen. Doch der Coach hatte trotz einiger Widrigkeiten großen Erfolg. Nun verlässt der 53-Jährige den Werksclub als gefeierter Held.

Ein paar Minuten vor dem Anpfiff der Bundesliga-Partie gegen den FC Augsburg nahmen die Verantwortlichen des VfL Wolfsburg die für letzte Saison-Heimspiele obligatorischen Verabschiedungen der Spieler und Mitarbeiter vor, die den Club verlassen werden. Bruno Labbadia stand zunächst ein wenig abseits derer, die da ein riesiges Erinnerungsfoto und ein paar weiße Sportschuhe als Dankeschön für das Geleistete geschenkt bekamen. Dann legte Stadionsprecher Georg Poetzsch noch ein bisschen mehr Kraft in seine Stimme als zuvor und sagte: "Last but not least kommen wir zu dem Mann, der da war, als es uns richtig schlecht ging, und der dafür gesorgt hat, dass es uns heute richtig gut geht: Wir sagen 'Danke" zu unserem Cheftrainer Bruno Labbadia." Poetzsch' letzte Worte waren schon kaum mehr zu verstehen. Sie gingen im donnernden Applaus sowie "Bruno, Bruno"-Sprechchören von den Rängen unter.

Wie ein Märchen aus Tausendundeine Nacht

Die "Wölfe"-Fans bereiteten dem 53 Jahre alten Fußballlehrer damit am Sonnabendnachmittag bereits einen triumphalen Abschied, bevor dessen Team mit einem 8:1-Kantersieg gegen die bayerischen Schwaben für den "krönenden Abschluss" (Labbadia) der Saison sorgte. Zweimal hatte der VfL den Klassenerhalt in den vergangenen beiden Jahren erst über die Relegation schaffte - jetzt geht's direkt in die Europa League. Der Coach, der zu Beginn seiner Amtszeit Ende Februar 2018 noch von Teilen des Anhangs verhöhnt wurde: "Wir steigen ab, wir kommen nie wieder - wir haben Bruno Labbadia", verlässt die Autostadt als gefeierter Held und Publikumsliebling. Eine Geschichte, so schön und irgendwie unglaublich wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

"Nehme unheimlich viel mit"

"Ich glaube, dass kann man sich gar nicht erträumen, dass man ein Finale so hinlegt. Aber das passt einfach zu der Saison und zur Mannschaft. Und ganz ehrlich: Heute lassen wir die Sau raus", sagte Labbadia nach seinem erfolgreichen Ausstand als Wolfsburg-Trainer mit dem höchsten Sieg der Vereinsgeschichte. In diesen Momenten wirkte der frühere Stürmer schon wieder sehr aufgeräumt. Wenige Minuten zuvor hatte er sich noch sichtlich berührt winkend und klatschend vom "Wölfe"-Anhang verabschiedet, der ihn ein weiteres Mal an diesem Nachmittag frenetisch feierte. "Ich habe unglaubliche Zuneigung von den Menschen bekommen in den letzten Wochen, da nehme ich unheimlich viel mit. Ich bin sehr glücklich, dass ich die Station haben konnte", sagte der 53-Jährige. Bereits im Vorfeld des Augsburg-Spiels seien viele Menschen auf ihn zugekommen, "mit einer Art, die hammermäßig war".

Der Kampf gegen den falschen Ruf

Der vor knapp eineinhalb Jahren als Nachfolger des zurückgetretenen Martin Schmidt verpflichtete Übungsleiter hat indes beim Autoclub nicht sein Meisterstück als Trainer abgeliefert. Das war ihm 2015 in seiner zweiten Amtszeit beim HSV gelungen, als er fünf Spieltage vor dem Saisonende eine völlig verunsicherte Mannschaft über die Relegation noch zum Klassenerhalt führte. Hernach lag ihm nahezu eine ganze Stadt zu Füßen. Labbbadia wurde als "Hamburger des Jahres" geehrt. Ruhm aber ist bekanntlich vergänglich. Rund ein Jahr später wurde der Trainer nach einem schwachen Saisonstart entlassen. Labbadia haftete der Ruf an, ein "Feuerwehrmann" zu sein. Aber eben kein Entwickler. Beim VfL stellte der 53-Jährige nun eindrucksvoll unter Beweis, dass er beides kann. "Er hat die Mannschaft fit gemacht, sie einen tollen Fußball spielen lassen. Wir sind wirklich sehr froh über die Entwicklung", lobte "Wölfe"-Sportdirektor Marcel Schäfer den scheidenden Coach im Interview mit dem NDR Hörfunk.

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Schwierige Zusammenarbeit mit Schmadtke

So sehr der Abschied vom VfL Labbadia am Sonnabend auch sichtlich schmerzte, er war für ihn offenbar alternativlos. Das Verhältnis zwischen dem emotionalen Trainer und dem oft unterkühlt daherkommenden Sport-Geschäftsführer Jörg Schmadtke galt seit Monaten als belastet. Da mussten zwei Charaktere im Sinne des Autoclubs miteinander klarkommen, die nicht so richtig zueinander passten. Und so hatte der Trainer bereits vor Wochen für sich entschieden, die Niedersachsen am Saisonende zu verlassen. Sein Vertrag läuft ohnehin aus. Und ob Schmadtke dem Coach trotz dessen erfolgreicher Arbeit ein neues Arbeitspapier vorgelegt hätte, ist zumindest fraglich. So ist diese Trennung für manch Außenstehenden zwar gewiss unverständlich, aber allemal konsequent. Denn dass Labbadia und Schmadtke nicht mehr als ein professionelles Verhältnis pflegten, wurde bei der Verabschiedung deutlich. Gequält lächelnd gab es ein kurzes Shakehands zwischen beiden - mehr nicht.

Zukunft noch ungewiss

Labbadias Nachfolger ist in dem Österreicher Oliver Glasner (kommt vom Linzer ASK) längst gefunden. Der bisherige Wolfsburg-Trainer hat derweil noch keine neue Aufgabe. Zwei Angebote habe er bereits abgelehnt, so der Coach. Er kündigte an, zunächst in seine Wahlheimat Hamburg zurückzukehren, habe sich aber mit dem HSV (zumindest noch) nicht befasst. Er tendiere zu einer Beschäftigung im Ausland. Bruno Labbadia wirkt gelassen, ist mit sich und dem VfL Wolfsburg im Reinen: "Ich werde es genießen, diese Mannschaft nächste Saison vor dem Fernseher in Europa zu sehen. Ich freu' mich drauf."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 19.05.2019 | 22:30 Uhr

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