VIDEO: Sportclub Story: Keine zweite Chance - Ist der Umgang mit Dopingsündern unfair? (29 Min)

(K)eine zweite Chance - Wie gehen wir mit Doping im Sport um?

Stand: 02.12.2020 10:00 Uhr

Die Sportgeschichte ist voll von Dopingsündern. Allerdings fällt der Umgang mit ihnen Publikum, Medien und auch dem Sport selbst schwer. Haben Doper eine zweite Chance verdient und welche Rolle spielt das System Spitzensport bei der Antwort?

von Matthias Heidrich und Hendrik Maaßen

Nina Kraft bekam keine zweite Chance. Die Triathletin aus Braunschweig gewann 2004 den legendären Ironman auf Hawaii, als erste Deutsche. Kurz darauf wurde sie des Epo-Dopings überführt. Danach machte Kraft etwas, das nur wenige Dopingsünder tun: Sie gab ihren Fehltritt sofort zu, nahm die alleinige Schuld auf sich und zeigte Reue. Doch die Triathlon-Szene wollte ihr nicht verzeihen - sie sich selbst am allerwenigsten. Am 16. August 2020 starb Nina Kraft an Depressionen leidend.

Nina Kraft: Persona non grata der Triathlon-Szene

"Nina Kraft hat vor dem Hintergrund, was das Sportsystem erwartet, eigentlich alles richtig gemacht", sagt der Sportsoziologe Dr. Felix Kühnle von der Universität Göttingen. "Durch die Übernahme der Alleinschuld, die Bereitschaft, sich zu läutern und auch dadurch, dass man keine Mitwisser und Unterstützer nennt, ist der Weg zurück in den Sport eigentlich schon vorbereitet."

In der Triathlon-Szene, die ihre Dopingsünder ächtet wie keine zweite Sportart, galt Kraft fortan trotzdem als Persona non grata. Eine zweite Chance? Undenkbar. "In ihrem besonderen Fall hat sie nicht nur gegen Regeln verstoßen. Sie hat auch den Mythos von heroischen Leistungen auf Hawaii, die von sauberen, natürlichen Körpern erbracht werden, beschmutzt", sagt Kühnle.

Jörg Jaksche, der Doping-Kronzeuge

Für den ehemaligen Radprofi Jörg Jaksche, der im Zuge der Operation Puerto um den spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes als Betrüger aufflog, kommt der Glaube an die ursprünglichen Werte des Sports reichlich naiv daher.

"Man muss grundsätzlich davon wegkommen, dass der Sport von ethisch reiner Moral ist. Es ist halt ein knallhartes Business." Ex-Radprofi Jörg Jaksche

"Das ist ein Berufsleben von vierzig auf zehn Jahre zusammengestampft", erklärt Jaksche. "Die meisten haben danach keine berufliche Ausbildung und müssen halt versuchen, so viel Geld wie möglich zu verdienen."

"Wäre wahrscheinlich klüger gewesen, die Klappe zu halten"

Jaksche entschied sich auszupacken, wurde der erste Kronzeuge im Doping-verseuchten Radsport. Er tat quasi Buße, in dem er aufklärte anstatt wie so viele andere Doper zu schweigen. Geholfen hat es ihm nicht. "Es wäre wahrscheinlich klüger gewesen, die Klappe zu halten." Hat er eine zweite Chance bekommen? "Im Radsport? Natürlich nicht", sagt Jaksche und lacht. "Das habe ich aber auch nicht erwartet."

Dopen wollte er eigentlich nie, sah aber schon früh keine Alternative. Mit 19 Jahren wurde Jaksche Profi. Er habe sich seinen Lebenstraum erfüllt, sei im ersten halben Jahr aber die ganze Zeit abgehängt worden, erzählt der 44-Jährige. "Dann kommt irgendwann der Teammanager und sagt zu dir: 'Du bist sicherlich sehr talentiert, aber bei uns läuft das ein bisschen anders. Wir können dir da helfen'", erinnert er sich. "Der Arzt organisiert dann die Sachen von irgendeinem Apotheker und redet dir ein bisschen die Sorgen weg. Und dein Teammanager ist auch glücklich, dass du es machst, weil es für ihn ja auch eine Art von Versicherung ist, dass du die Leistung bringst."

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Einzeltäter-Theorie greift zu kurz

Hätte Jaksche "Nein" sagen können? Natürlich. Aber die Konsequenzen wären im System Radsport ebenso klar gewesen: keine (gedopten) Spitzenleistungen, keine neuen Verträge, keine Möglichkeit, von seinem Sport zu leben. Die von vielen Seiten gerne bemühte Einzeltäter-Theorie greift hier viel zu kurz.

"Dieses System ist so aufgebaut, dass es zum Doping kommen muss", sagt Jaksche. "Die Teams haben keine langfristigen Verträge mit Sponsoren, die sportlichen Leiter kommen selbst aus dem Sport, die Ärzte begleiten das über Jahrzehnte und der Internationale Radsport-Verband ist auf einer persönlichen Ebene mit diesen Teams verbandelt, will nicht unbedingt einen dopingfreien, sondern einen skandalfreien Sport haben."

Konnten Kraft und Jaksche nur verlieren?

Athleten wie Kraft und Jaksche können anscheinend nur verlieren, egal, wie sie sich verhalten: Geben sie das Doping zu, werden sie bestraft, aber nicht die Hintermänner. Packen sie gegen die Hintermänner aus, werden sie für das Doping und vom System selbst bestraft.

Im Fall Kraft wurde berichtet, dass nicht die Triathletin allein das Doping zu verantworten hat. Ihr damaliger Freund und Trainer Martin Malleier soll die treibende Kraft hinter der Epo-Kur gewesen sein. Malleier hat sich dazu nie öffentlich geäußert.

System Spitzensport vs. moralischer Kompass

Nur zwei Beispiele, die zeigen, dass Menschen im geschlossenen System Spitzensport recht schnell ihren moralischen Kompass verlieren können. Befreit sie das von der Schuld, betrogen zu haben? Nein. Haben sie deswegen keine zweite Chance verdient? Doch, ist man mit Blick auf die Fälle Kraft und Jaksche geneigt zu sagen.

Der unglaubliche Fall Johannes Dürr

Gleichzeitig kommt einem dabei aber vielleicht der Name Johannes Dürr in den Sinn. Der österreichische Skilangläufer wurde bei den Olympischen Winterspielen von Sotschi 2014 positiv auf Epo getestet. Dürr gab sich anschließend vor laufender ARD-Kamera geläutert, schrieb ein Buch über seine Doping-Geschichte und sammelte sogar Spenden für seinen Versuch ein, sauber in die Weltspitze zurückzukehren.

Seine Beichte löste allerdings weitere Ermittlungen aus, in deren Zuge auch wieder der Österreicher in den Fokus der Fahnder geriet. Letztlich musste Dürr eingestehen, nie mit dem Dopen aufgehört zu haben und versuchte wiederum, sein unbegreifliches Handeln zu erklären:

"Da kämpfen der Mensch Johannes und der Leistungssportler Johannes in mir. Der eine sagt: Das ist nicht richtig. Der andere sagt: Doch, das muss so sein." Ex-Skilangläufer Johannes Dürr

Systemzwang? Sicherlich auch. Unter dem Strich sind es aber Fälle wie Dürrs', die es Publikum, Medien und dem Sport selbst so schwer machen mit der "zweiten Chance" bei Dopingsündern.

UMFRAGE
Mögliche Antworten

Haben Dopingsünder eine zweite Chance verdient?

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 10.01.2021 | 23:35 Uhr

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