Stand: 12.05.2017 14:00 Uhr

"Ich habe mir heimlich einen Bart aufgemalt"

"Genau genommen kam ich schon als Junge zur Welt, aber ich war gefangen in einem Mädchenkörper", sagt Transmann Marino. Er hat sich dazu entschieden, mithilfe einer Hormontherapie und Operationen äußerlich ein Mann zu werden.

Marino, wann hast du gemerkt, dass du im falschen Körper zur Welt kamst?

Ein Foto von einem jungen Mädchen in einem Bilderrahmen. © NDR Foto: Ina Kast
"Ich war ein Junge, der in einem Mädchenkörper gefangen war", sagt Marino über seine Kindheit und Jugend.

Marino: Dass mit mir etwas nicht stimmte, war mir schon ganz früh klar, eigentlich seit ich denken kann. Ich wusste aber einfach nicht, was genau mit mir los war. Ich habe gemerkt, dass ich mit Jungs total gut klar kam und mit den Jungs gerne andere Mädchen geärgert habe. Ich habe auch am liebsten Jungenklamotten getragen, weil ich mich wie ein Junge gefühlt habe. Meine Mutter hat dann aber oft gesagt: "Du weißt doch, dass du ein Mädchen bist, du kannst kein Junge sein." Das war natürlich nicht toll, aber ich habe es akzeptiert, weil es ja schließlich meine Mutter gesagt hat. Aber es fühlte sich nicht richtig an. Ich habe mich einfach nicht wie ein Mädchen gefühlt, und wenn ich gesehen habe, was die anderen Mädchen teilweise getragen haben: Das hätte ich nie angezogen!

Wann ist dir klar geworden, dass du etwas an deiner Situation ändern kannst?

Marino: Das war relativ spät, da war ich so 18 oder 19 Jahre alt. Da habe ich das erste Mal eine Reportage gesehen, wo eine Frau zum Mann geworden ist. Und ich dachte: Wow, das ist ja cool, das will ich auch haben. Es war für mich aber ein Traum, bei dem ich überhaupt nicht wusste, wie ich da rankomme. Ich habe mich dann auch nicht groß bemüht, weil ich dachte, das ist unerreichbar und dass es irre viel Geld kosten muss.

Wann bist du dann doch aktiv geworden?

Transmann Marino im Fitnessstudio. © NDR Foto: Ina Kast
Marino ist froh, dass er sich getraut hat, mit Familie und Freunden über seinen Wunsch zu sprechen, ein Mann werden zu wollen.

Marino: Vor einem Jahr (2016, d.Red.) habe ich dann noch mal eine Reportage gesehen und habe das Ganze mal im Internet recherchiert. Dabei habe ich herausgefunden, dass es mich im Prinzip gar nicht so viel kostet, weil mit entsprechenden Gutachten die Krankenkassen einen Großteil der Kosten übernehmen. Aber mir ist auch klar geworden, dass es ein langer Weg ist, der mit viel Arbeit und Geduld verbunden ist. Dann habe ich den Mut gefasst, mit Freunden und der Familie darüber zu reden und die haben alle gesagt: Leg los, mach es, wenn es dich glücklich macht! Daraufhin habe ich mich meinem Hausarzt anvertraut, der mich dann wiederum an einen Sexualtherapeuten überwiesen hat.

Du hast einen älteren Bruder, warst du in deiner Kindheit neidisch auf ihn?

Marino: Ich war auf ihn unglaublich neidisch. Wir haben uns auch oft gestritten. Wenn er mit einer Freundin nach Hause kam, darum habe ich ihn echt beneidet.

Wie hast du deine Pubertät erlebt?

Marino: Das war eine ganz schwierige Zeit. Mit zwölf Jahren wurde ich in der Schule sehr gemobbt, weil ich mich sehr männlich angezogen habe. Dann habe ich mich gezwungen, wie ein Mädchen rumzulaufen. Wenn ich aber zu Hause war, habe ich meine langen Haare unter dem Baseball-Cap versteckt und weite Hosen angezogen. Ab und an habe ich mir heimlich einen Bart aufgemalt, weil ich das einfach cool fand.

Bereust du es, dass du dich wegen deiner Mitschüler so verbogen hast?

Marino: Ja, ich wünschte, ich hätte damals mehr Selbstvertrauen gehabt. Es hätte vieles einfacher gemacht. Ich war nie sonderlich beliebt in der Klasse, aber wenn ich wenigstens ich selbst hätte sein können und mich geoutet hätte, hätten mich die anderen vielleicht besser verstehen können. Aber ich war ja selbst noch nicht so weit, zu begreifen, was mein Problem ist.

Das Interview führten NDR Info Reporterin Ina Kast und Anne Strauch vom NDR Fernsehen.

Weitere Informationen
Marino (l.) und Fabian im Oktober 2018 © NDR

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 15.03.2020 | 23:35 Uhr

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