Stand: 26.04.2019 11:00 Uhr

Composer in Residence: Unsuk Chin

Sie gehört zu den gefragtesten Komponistinnen unserer Zeit: Unsuk Chin.

Unsuk Chin ist in der Saison 2019/2020 Composer in Residence beim NDR Elbphilharmonie Orchester. Mit insgesamt sieben Konzerten stellt der NDR das facettenreiche OEuvre der mehrfach ausgezeichneten Komponistin vor.

Hamburg als erste musikalische Station in Europa

Uraufführung

Zum Nachhören: Opening Night mit Alan Gilbert

06.09.2019 19:00 Uhr und weitere Termine
Elbphilharmonie

Mit Werken von Brahms bis Chin eröffnete der neue Chefdirigent Alan Gilbert die Saison 2019/2020 in der Elbphilharmonie. Sie können das Konzert im ARTE Concert Video noch einmal erleben. mehr

Als sie 1985 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdiensts nach Europa kam, war Hamburg ihre erste musikalische Station. An der Hochschule für Musik und Theater schrieb sie sich in György Ligetis Kompositionsklasse ein. Sie kam mit Hochschulabschluss und als Preisträgerin. An der Universität Seoul hatte sie vor ihrem Examen unter anderem zwei Jahre bei Sukhi Kang studiert, der seinerseits einen Teil seiner Ausbildung bei Boris Blacher an der (West-)Berliner Musikhochschule erhalten und sich in Netzwerken und Initiativen Neuer Musik engagiert hatte, ehe er 1982 nach Südkorea zurückkehrte. Er schärfte Unsuk Chins Sensibilität für eine Moderne, die ihren Eurozentrismus relativierte und sich außereuropäischen Kulturen öffnete. Den Weitblick, der Unsuk Chin auszeichnet, förderte Kang entscheidend.

Ausgezeichnet

Die 24-Jährige hatte den Gaudeamus-Preis gewonnen, den die gleichnamige niederländische Stiftung seit 1957 vergab - damals neben dem Rostrum of Composers, einer Institution der UNICEF, ein wichtiger Türöffner für junge Komponisten. In der Regel bedeutete eine derartige Auszeichnung den ersten Schritt zur professionellen Karriere.

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Unsuk Chin aber begann noch einmal zu studieren. Sie hatte noch nicht den Eindruck, ihre Musik gefunden zu haben. Sie verstand zu komponieren, aber wo lag ihr ureigener Weg?

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Er war ein strenger, aber wichtiger Begleiter auf Unsuk Chins Suche nach ihrem künstlerischen Weg: György Ligeti.

Auf der Suche nach ihm war György Ligeti ein wichtiger, strenger, oft harter Lehrer. Aber Situationen, in denen sie sich zugleich finden und behaupten musste, kannte sie, seit sie als Kind im Klavierspiel ohne einen richtigen Lehrer weiterkommen musste, seit sie in der Mittelschule aus Scheu, Gratisunterricht anzunehmen, eine methodisch angeleitete Ausbildung durch die Intensität des Hörens ersetzte und stundenlang Aufnahmen klassischer europäischer Musik auf sich wirken ließ, und seit sie in Unkenntnis akademischer Aufnahmepraktiken an der Universität Seoul erst einmal abgelehnt wurde.

Per aspera ad astra

Solch deprimierende Erfahrungen hätten sie entmutigen können, Unsuk Chin aber wandelte sie in Energie um, durch die sie schließlich ihr Ziel erreichte: Komponistin zu werden, Künstlerin, bei der jedes Werk ihre unverwechselbare Signatur trägt. 1988 tat sie den nächsten entscheidenden Schritt: Sie zog nach Berlin, arbeitete dort am Elektronischen Studio der Technischen Universität. Bis heute lebt sie in der Hauptstadt.

Erste Erfolge fern der Heimat

Doch ihre Erfolge erzielte sie zunächst außerhalb: "Akrostichon-Wortspiel", das Auftragswerk, das aus dem Gaudeamus-Preis folgte, sieben musikalische "Situationen bzw. Gefühlsebenen, von heiter bis grotesk, wie sie in Märchen beschrieben sind", wurde 1991 in Amsterdam, die revidierte Fassung 1993 in London uraufgeführt. Es dauerte mehr als ein Dutzend Jahre, ehe sie und ihre Kompositionen in Berlin eine breitere Öffentlichkeit fanden.

Die Konzerte

Composer in Residence Unsuk Chin im Konzert

In insgesamt sieben Konzerten stellen das NDR Elbphilharmonie Orchester und die Reihe NDR das neue werk das facettenreiche Schaffen der Residenzkomponistin Unsuk Chin in den Mittelpunkt. mehr

Erste Residenzen und weitere Auszeichnungen

2001/2002 war sie Composer in Residence beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Gemeinsam mit Deutschlandradio und dem Arnold Schönberg Center Wien vergab das DSO damals den Schönberg-Preis, der mit einer Residenz und einem Kompositionsauftrag verbunden war. George Benjamin, der erste Preisträger, konnte seine Residenz nicht antreten und schlug gemeinsam mit Kent Nagano, dem damaligen DSO-Chef, Unsuk Chin vor.

Ihre Residenz gestaltete sich sehr intensiv. Orchesterwerke wie "Miroirs des temps" wurden in erhellenden Programmkonstellationen vorgestellt. Kammerkonzerte und Gesprächskonzerte, in denen sie ihre künstlerische Arbeit erläuterte, ergänzten das Bild. Als Auftragswerk entstand ihr Violinkonzert, das Viviane Hagner am 20. Januar 2002 mit dem DSO uraufführte, inzwischen eines der meistgespielten neuen Werke seines Genres. Die Komponistin wurde dafür 2004 mit dem Grawemeyer Award ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich in fünf Kategorien für richtungweisende Leistungen vergeben.

Chin befand sich in illustrer Gesellschaft: 2001 ging der Award an Pierre Boulez, 2003 an Kaija Saariaho, 2006 an György Kurtág, um nur die zeitlich benachbarten Preisträger zu nennen. Die Facetten von Unsuk Chins Kunst- und Künstlerverständnis traten bei dieser Residenz deutlich hervor.