Stand: 16.05.2019 17:47 Uhr

Welt voller Geschwätz und Wunder

von Ulrich Kühn

Es ist schön zu leben, es ist herrlich zu reden. Manchmal verführt uns die Lust am Quatschen allerdings dazu, unbedacht daher zu plappern, Geschwätz zu produzieren. Gab es da jüngst etwa Beispiele? Kolumnist Ulrich Kühn hat nachgedacht.

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NachDenker Ulrich Kühn hat sich diesmal dem Thema Realität beschäftigt.

Die Welt ist voller Wunder und auch voller Geschwätz. Dies im Wissen darum gesagt, dass Sie natürlich entscheiden, wohin diese Kolumne sortiert werden muss. Vermutlich zum Geschwätz. Falls Sie aber finden, es handle sich, immerhin, um wundersames Geschwätz, bin ich hoch zufrieden.

Oft wird ja eher pur geschwätzt, reiner Unfug gequatscht, Unsinn, Mumpitz, Bullshit. Denken Sie an den monströsen Geschwätz-Haufen, der sich Tag für Tag in den sozialen Netzwerken bis zum Mars türmt. Oder an die "Bahlsen-Erbin", die in diesen Tagen so viel Aufmerksamkeit genoss. Ihr Unternehmen, hatte die junge Erbin erklärt, habe während des Zweiten Weltkriegs "die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt".

Also: Für minderwertig gehaltene Menschen, die aus im deutschen Angriffskrieg von Deutschen besetzten Gebieten ins Großdeutsche Kernreich verschleppt wurden, auf dass die Großdeutsche Kriegsindustrie den totalen Großdeutschen Krieg maximal verlängern könne - diese armen Menschen sind, indem sie Notverpflegung backen mussten, gut behandelt worden? Interessanter Gedanke, vielmehr: trauriger Nonsens, auch dann, wenn es den Verschleppten bei Bahlsen tatsächlich besser ergangen sein sollte als in anderen "kriegswichtigen Betrieben".

Noch alle Kekse beisammen?

Hier und dort begann nun eine Debatte rund um die Frage, ob deutsche Millionen-Erben noch alle Kekse beisammen haben oder einen Kursus in historisch informierter Realitätskunde bräuchten. Und irgendwann erkannte Verena Bahlsen, oder ließ sich sagen, ihre Einlassung sei nicht ideal gewesen, weshalb sie zwar nicht um Pardon bat, aber sich doch selbst entschuldigte. Das sei unbedacht gewesen, sie wolle sich nun intensiver mit der Bahlsen-Geschichte befassen.

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Man will sie fairerweise beim Wort nehmen, auch wenn es auf Anhieb ein bisschen schwer fällt, wenn man zugleich bedenkt, dass sie sich in einem Vortrag als Weltverbesserin geoutet und verkündet hatte, sie "scheiße", so wörtlich, "auf Wirtschaft, wenn Wirtschaft nicht ein Vehikel ist, um uns als Gesellschaft nach vorn zu bringen". Dieses in einwandfreiem Phrasendeutsch 4.0 vorgetragene Bekenntnis werfen wir beherzt in die Kiste mit den Geschwätz-Keksen: Wenn es eine Art von Geplapper gibt, die schwer zu ertragen ist, dann die, bei der die plappernde Person mitteilt, sie sei zwar reich und global unterwegs, aber nur zu dem Zweck, "die Welt zu einem besseren Ort zu machen". Mein Gott! Wie fad Geschwätz tönen kann.

Unser Qualitäts-Feuilleton muss Weltkulturerbe sein

Oder wie rührend schlaumeierisch. Ich würde bis zum letzten Arguments-Tropfen den Nebensatz verteidigen und auf jede Barrikade steigen, um für das Recht zu demonstrieren, einen verzwickten Gedanken nicht in reine Hauptsätze pressen zu müssen. Hauptsätze sind schön. Aber sie werden schöner, wenn sie im Wechselspiel mit biegungsreicheren Satzgebilden auftreten.

Dies gesagt und hinzugefügt, dass unser Qualitäts-Feuilleton Weltkulturerbe sein müsste, räume ich gern ein: Wie auf manchen Kulturseiten über das neue Album der Band "Rammstein" geschrieben wurde, war ebenfalls geschwätzpreisverdächtig. Hier mein liebster Satz: "Rammstein sind ein Rülps Germanias, und zugleich so was wie die Medizin: weil man im Gewand ihres Karnevals die ganzen destruktiven Reflexe rauslassen kann, ohne sich unmöglich zu machen." Leuchtet das nicht ein? Oder sollte es - Geschwätz sein?

Gelassen das bisschen Geschwätz auf der Welt ertragen

Herr Kühn, höre ich rufen, und wo bleiben die Wunder? Hier sind welche: Dass wir leben! Dass wir lachen! Dass wir hoffentlich halbwegs gesund sind! Und dass wir Sorgen haben dürfen wie die, von einer Keks-Erbin zu lesen, die in Geschichte gepennt hat, oder den Nöten von Feuilletonisten beizuwohnen, die aus halbseidenem Garn waschechten Feinsinn weben wollen. Wenn das keine Wunder sind! Da erträgt man doch ganz gelassen das bisschen Geschwätz auf der Welt.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Welt voller Geschwätz und Wunder

NDR Kultur - NachGedacht -

Manchmal verführt uns die Lust am Quatschen dazu, unbedacht daher zu plappern, Geschwätz zu produzieren. Gab es da jüngst etwa Beispiele? Kolumnist Ulrich Kühn hat nachgedacht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 17.05.2019 | 10:40 Uhr