Stand: 14.03.2019 18:15 Uhr

Im Paradies des Wohlverhaltens

von Ulrich Kühn

Moral ist eine feine und nötige Sache. Ohne sie geht es nicht im Zusammenleben. Aber ist es möglich, jeden Winkel der Gesellschaft moralisch wetterfest zu machen, bis wir im Paradies des Wohlverhaltens leben? Kann man’s vielleicht auch übertreiben?

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NachDenker Ulrich Kühn hat sich diesmal dem Thema Moral in der Gesellschaft gewidmet.

Na hoppla, das ist doch mal wirklich prima! In den USA, darüber berichtet die "Süddeutsche Zeitung", findet sich jetzt in Verträgen mancher Verlage mit ihren Autorinnen oder Publizisten eine "Moralklausel". Sie besagt, dass Menschen, denen die Gnade widerfährt, einen solchen Vertrag zu bekommen, sich "im Einklang mit der öffentlichen Moral" zu verhalten haben.

Gute Sache, denke ich mir, wo früher Gerichte umständlich Recht sprechen mussten, urteilt statt ihrer die öffentliche Moral im Schnellverfahren per Facebook, Urteilsvollstreckung durch den Arbeitgeber. Digitale Ära, keine Umstände, bitte!

Elite-Uni-Platz gegen Knete

Nun passiert das zufällig in demselben Land, in dem reiche Leute und Hollywood-Promis "betrügen, bestechen und lügen", um dem Nachwuchs Studienplätze an Elite-Unis zu erschleichen. Da fließen angeblich schon mal 15.000 Dollar oder noch viel mehr.

Der Gedanke, der diese Leute antreibt, leuchtet absolut ein: Selbstverständlich verdient es mein Sprössling, der Gesellschaft den Ton vorzugeben, ich meine, hallo - das ist mein Kind! Das sagt man natürlich nicht öffentlich, da gibt man sich tugendfest. Man ist gleich doppelt Moralist.

Dies wäre nun der Moment, voller Empörung auszurufen: Guck, die USA mal wieder, Hüter der Weltliberalität und dabei so verlogen! Kann man machen, ist bestimmt nicht ganz falsch, aber etwas öde und nicht per se ergiebig, wenn es darum geht, was im eigenen Land so läuft. Und da wäre nun der Vorschlag, behutsam die Frage zu stellen:

Könnte es sein, dass das Unter-Verdacht-Stellen, das Auf-Die-Finger-Gucken, das Nach-Dem-Hörensagen-Beurteilen von Individuen, um öffentlich Urteile sprechen zu können - dass all das auch hier im Aufwind ist? Und könnte es weiter sein, dass sich mit diesem Aufwind manche gern selbst erheben?

Wer bestimmt übers Wohlverhalten?

Es stärkt ja das Selbstwertgefühl, auf dem Richtstuhl zu sitzen und Haltungsnoten zu verteilen. Damit man das tun kann, braucht man Deutungshoheit, und die gewinnt man zurzeit ganz gut, wenn man den Takt vorgeben kann in Sachen öffentlicher Moral. Klar, diese Denkungsart kann dazu dienen, Minderheiten zu schützen und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen. Sie kann aber auch, wenn es falsch läuft, Symptom eines Rückfalls werden. Die Gesellschaft mit ungeschriebenen Regeln vollstellen, Menschen nach Gruppen sondern, einander misstrauisch beäugen, auf Verdacht hin tätig werden - ja, wäre das kein Rückfall in Sachen Kultur und Zivilgesellschaft?

Natürlich ist es toll, wenn diese unvollkommene Welt zum Paradies mutiert - des permanenten Wohlverhaltens. Man möchte nur schon gern fragen, worin dies Wohlverhalten besteht und wer darüber bestimmt. Mein Misstrauen gegenüber euch, liebe Staaten, Firmen, Ideologien, ist hinreichend ausgeprägt, um mich vermuten zu lassen: Die Deutungshoheit, die ihr beansprucht, sie gebührt euch nicht. Die Gesellschaft aus Freien und Gleichen mit ihren Institutionen kann schon immer neu selbst aushandeln, was ethisch gutes Verhalten sei. Sie kann ganz gut ertragen, dass es Menschen gibt, die gegen den moralischen Kodex verstoßen. Sie braucht dafür gute Gesetze, und sie braucht gute Gerichte, die strafrechtlich Relevantes ahnden.

Moralintervallfasten oder Moralin-Detoxen als Alternativen?

Okay, das klingt nicht wahnsinnig schick in einer moralisch verzückten Ära. Vielleicht lässt sich aber der Wunsch, was richtig Schickes zu tun, alternativ erfüllen, indem man einen Tangokurs macht oder, Achtung, es wird hip, Moralintervallfasten praktiziert. Nur mal so, um auszuprobieren, wie sich das anfühlt - temporäres Moralin-Detoxen in der paradiesischen Wüste unseres unvollkommenen Lebens.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Im Paradies des Wohlverhaltens

NDR Kultur - NachGedacht -

Moral ist eine feine und nötige Sache. Aber ist es möglich, jeden Winkel der Gesellschaft moralisch wetterfest zu machen? Darüber hat unser Kolumnist Ulrich Kühn nachgedacht.

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NachGedacht | 15.03.2019 | 10:20 Uhr