Stand: 29.05.2019 17:03 Uhr

Radfahrer Europas, vereinigt euch!

von Stephanie Pieper

Unsere Kolumnistin Stephanie Pieper konnte sich in dieser Woche nicht so recht entscheiden - sollte und wollte sie nun lieber über Europa nach der Wahl nachdenken oder lieber über das Radfahren? Zum Glück spielte ihr der Zufall in die Hände.

Stephanie Pieper leitet bei NDR Kultur die Hauptredaktion "Kulturelles Wort" in Hannover.

Ein paar Tage nach der Europa-Wahl, in einem Bus in Hamburg: Zwei Mädchen - geschätzt 16 oder 17 Jahre alt - unterhalten sich über das Wahlergebnis. "Dass die Grünen vor der SPD landen, hätte ich aber auch nicht gedacht", sagt die eine zur anderen. Ein Satz, vielleicht der einzige dieser Tage, der Andrea Nahles in Berlin Mut machen kann: Immerhin wissen diese beiden Teenager noch, dass es eine Partei namens SPD gibt! Keine Selbstverständlichkeit anno 2019. Ein Satz, an dem sich die Noch-Partei- und Noch-Fraktionsvorsitzende laben kann. Anders als am Ergebnis des jüngsten Urnengangs: Haben bei der Abstimmung doch weniger als 16 Prozent der Wählerinnen und Wähler die Sozialdemokratische Partei Deutschlands noch für würdig erachtet, Vertrauen zu verdienen. Die Partei Willy Brandts, Helmut Schmidts, Gerhard Schröders. Und sogar in Bremen verliert die SPD ihren vermeintlich natürlichen Anspruch auf das Rathaus. Die Sozis als Volkspartei - vergangene Zeiten?

"Überall mit dem Fahrrad hinzufahren, ist auch keine Lösung!"

Keine Ahnung, ob die Mädchen in dem Hamburger Bus das Video des YouTubers Rezo angeklickt und angesehen haben, in dem dieser stänkert, dass die Bundesregierung aus Union und SPD zu wenig für den Klimaschutz tut. Keine Ahnung, ob die beiden schon mal auf einer "FridaysForFuture"-Demo gewesen sind, mutmaßlich ja - jedenfalls scheint ihnen unsere Umwelt nicht schnuppe zu sein. "Die Hälfte der Menschheit ist ja gegen den Klimawandel!", meint die eine - worauf die andere entgegnet: "Aber überall mit dem Fahrrad hinzufahren, ist auch keine Lösung!"

Verweichlichte Frühjahrsradler

Warum eigentlich nicht? Es gibt diese Spezies der sogenannten Ganzjahresradler - das sind die Menschen, die auch im Herbst und im Winter, bei Wind und Wetter, aufs Rad steigen. Ich bin auch so eine - gehöre also nicht zu diesen verweichlichten Frühjahrs- oder, schlimmer noch, Sommerradlern, die frühestens bei 20 Grad und Sonnenschein ihren Drahtesel aus dem Keller holen - und die dann durch gemütliches Vor-sich-hin-Radeln die Radwege für Schnellfahrer mit Helm wie mich blockieren und mir meine Fahrradparkplätze wegnehmen - verboten gehört das!

Das beste Fortbewegungsmittel

Aber im Ernst: In der Stadt ist das Fahrrad, allen Widrigkeiten zum Trotz, das beste Fortbewegungsmittel - man kommt schnell von A nach B, muss keinen Parkplatz suchen, verpestet die Luft nicht mit CO2 und Feinstaub und tut nebenbei noch was für seine Gesundheit. Leider haben Verkehrspolitiker hierzulande - anders als die in den Niederlanden oder in Dänemark - viel zu spät erkannt, aufs Fahrrad zu setzen, um den drohenden Verkehrskollaps zu bekämpfen. Viel zu lange hieß es im Land von BMW, Mercedes und Volkswagen: Freie Fahrt für freie Bürger, die im Auto sitzen. Erst seit kurzer Zeit tut sich etwas, vor allem auf Druck der Radfahrer-Lobby - und plötzlich scheint selbst der Bundesverkehrsminister von der CSU aufgewacht zu sein; er will nun die Straßenverkehrsordnung ändern, um den Radverkehr zu fördern.

Mehr Sicherheit ist nötig

Es gäbe so viel zu tun: Längere Grünphasen für Radfahrer, mehr und bessere Fahrradständer, mehr Parkgaragen an Bahnhöfen, neue, breitere und baulich abgetrennte Radwege, übersichtlichere Kreuzungen. Cycle Superhighways, Fahrrad-Autobahnen: immer her damit! Bitter nötig ist vor allem mehr Sicherheit: 418 Radfahrer sind im vergangenen Jahr auf Deutschlands Straßen gestorben, fast 14 Prozent mehr als im Vorjahr, darunter viele Kinder. Nur wenn Radfahren sicherer wird, werden sich mehr Menschen trauen, sich auf den Sattel zu schwingen. Aber wann kontrolliert die Polizei schon mal an Kreuzungen, wie oft rechtsabbiegende Lkw und Pkw Radfahrern die Vorfahrt nehmen? Wann hält unser Freund und Helfer Autofahrer an, die viel zu dicht überholen? Wann interessiert sich das Ordnungsamt dafür, wenn Autos auf Fahrradstreifen oder Fahrradwegen parken? Wie würden wohl umgekehrt die Autofahrer meckern, wenn ich mein Rad mitten auf der Fahrbahn abstellen würde, um mal schnell was zu erledigen? Sie merken, ich rede mich in Rage - Schluss damit. Dennoch: Radfahrer Europas, hört die Signale - und vereinigt euch! Vielleicht kriegen ja auch die Sozialdemokraten davon Wind, dass hier Wählerstimmen winken.

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Radfahrer Europas, vereinigt euch!

NDR Kultur - NachGedacht -

In der Stadt ist das Fahrrad das beste Fortbewegungsmittel - das findet unsere Kolumnistin Stephanie Pieper, die zu der Spezies der sogenannten Ganzjahresradler gehört.

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 31.05.2019 | 10:20 Uhr