Stand: 23.04.2020 17:59 Uhr

Politische Verwirrung in Corona-Zeiten

von Claudia Christophersen

Corona bringt uns immer noch alle durcheinander. Die einen sagen so, die anderen bestimmen anders. Jeder hat seine Sorgen mit dem Virus. Trotzdem sollten wir den Verstand weiterhin im "on"-Modus halten.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann
Claudia Christophersen hat nachgedacht.

Können wir es doch mal wieder besser als die anderen? Deutschland war früh dran mit seinem Shutdown und jetzt mit den ersten, vorsichtigen Lockerungen. Spanien, Italien, Frankreich halten Disziplin. Deutschland, ein Land der Perfektionisten, der Regel- und Gesetzestreuen, kann erste Erfolge vorzeigen: Die Reproduktionszahl des Virus unterschreitet die 1, ein Grund zum Feiern, waren wir jüngst doch noch bei 3. Und schwups, werden wir lässig lockerer.

Der Alltag erwacht im Zeitlupentempo

Kaum war die Botschaft raus, sind Fußgängerzonen und Shoppingmalls wieder voll, stehen Menschen Schlange vor Eisbuden an sonnigen Seepromenaden und sowieso sind Straßen wieder ganz schön gestaut in diesen Tagen. Ja, klar kann man sagen: endlich! Endlich wieder das zaghaft befreiende Gefühl von angedeuteter Normalität, erst recht bei diesem gut gelaunten Frühlingswetter. Der Alltag erwacht im Zeitlupentempo. Ein anderer Alltag als vor Corona, versteht sich. 800 Quadratmeter heißt die magische Zauberzahl. Wer drüber liegt, muss erfinderisch sein oder juristisch gut beraten.

Aus der Not wird fortlaufend eine Tugend nach der anderen. Wer die dollsten Ideen hat, kann am Ende womöglich noch gewinnen. Die Frage ist: was? Geredet wird ohne Ende. Besserwisser haben allerorten eine genaue Vorstellung davon, wie der Fahrplan zu laufen hat, und wie eben nicht. Zu viele davon sind gerade am Werk und machen alles noch deutlich komplizierter und unübersichtlicher, als es ohnehin schon ist. Wem kann man erklären, dass die einen Abi schreiben dürfen, die anderen nicht. Die einen morgens um 9 Uhr von ihrem Mathelehrer angerufen werden, die anderen nicht. Die einen Heizung und Brandschutz an ihrem Zweitwohnsitz kontrollieren dürfen, die anderen nicht. Viele Beispiele ließen sich hier gegeneinanderstellen, aber eben nicht aufheben. Die Verwirrung ist komplett.

Erste Lockerungen und eitle Selbstdarstellungspirouetten

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Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Angela Merkel, wir kennen sie tiefenentspannt, als "die Ruhe in Person", als Meisterin der großen Krisen. Ihr platzte dann auch der Kragen, und sie bemühte ein Wort, das bislang kein Duden kennt: "Öffnungsdiskussionsorgien". Nochmal: Öffnungs-diskussions-ORGIEN? Corona schafft viel, auch Neologismen und kreative Komposita.

Gerade noch das Loblied auf den Föderalismus gesungen, unsere freie Demokratie und Leistungskraft bejubelt, gerührt und stolz gewesen über unser Zusammenhalten, da geht’s schon wieder los, das Gemoser - an vielen Fronten mit neidvollem Blick auf alle, die mehr dürfen oder wollen als andere.

Bayern ohne Wiesn? Eine schmerzliche Absage

Das Eis, auf dem die ersten Lockerungsschritte gegangen werden, ist dünn und zerbrechlich. Und mahnt zur Vorsicht. Andere wissen es zu nutzen: für eitle Selbstdarstellungspirouetten. Wer macht die bessere Politik, holt damit Wählerstimmen und empfiehlt sich womöglich für höhere Ämter? Da kämpft einer ganz uneigennützig, so sagt er zumindest, für die Menschen in seinem Bundesland, und scheint doch immer wieder den Kompass zu verlieren. In "Teilen sehr forsch, um nicht zu sagen zu forsch" - so auch das Empfinden der Kanzlerin zur unterschiedlichen Umsetzung gemeinsam gefasster Beschlüsse, gestern in ihrer Regierungserklärung.

Und wer nun die Bayern kennt, weiß, wie wirklich schmerzlich die Absage des weltweit größten Volksfestes ist. Wenn im September in München die Wiesn nicht stattfindet, ist das keine gute Verheißung für die kommenden Monate. Ein Mahnruf, der ernst zu nehmen ist und manch' hochgedrehter Besserwisserei den selbstgewissen Schwung nehmen sollte.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Politische Verwirrung in Corona-Zeiten (4 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 24.04.2020 | 10:20 Uhr

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