Stand: 15.10.2020 16:12 Uhr

Politik im Wirrwarr - wie uns das unsichtbare Virus in Atem hält

von Claudia Christophersen

In dieser Buchmessen-Woche ist alles anders als sonst üblich. Nicht nur in Frankfurt, in ganz Deutschland und weltweit gibt es Corona-bedingte Verstörungen, die manche, längst nicht alle auch zum Handeln zwingen.

Gedränge, Gestopfe, Geschubse, VIPs und weniger VIPs, Schriftsteller, Autorinnen, Verlagsleute, Redakteure, Journalistinnen, Ehrengäste, einfach Buch- und Literatur-Experten und -Interessierte. In jedem Fall: Menschen über Menschen. Und Bücher über Bücher - natürlich. Das alles macht sie aus, die hitzige, laute, trubelige Buchmessenatmosphäre.

Statt Partys und Champagner alles clean und virtuell

In diesem Corona-Jahr - alles anders. Still ist es in Frankfurt. Was auch ohne größeren Publikumsverkehr irgendwie noch möglich gewesen wäre, hätte stattfinden können und sollen, wurde spätestens am Montag dann doch abgesagt. Die "steigenden Infektionszahlen in Frankfurt und bundesweit" - hieß es - haben die Messe-Veranstalter zu diesem Schritt bewogen: kein unnötiges Publikum, nur die wesentlichen Akteure selbst dürfen die Hallen betreten für Interviews, Lesungen, Berichterstattung. Es ist der Versuch, aus dem Nichts doch noch ein Etwas zu machen. Wie das geht? Eben digital. Also findet das ausgelassene High Life der großen Bücherwelt ohne Partys und Champagner - trocken statt: virtuell, clean und hoffentlich nicht ansteckend.

Ein kaum durchschaubares Regelpotpourri

Derweil versucht die Politik, die neue Corona-Welle irgendwie in den Griff zu bekommen. Angela Merkel berief die Ministerpräsidenten zu sich, um auszuloten, was zu loten ist. Die Lage ist ernst. Um so wichtiger wäre es, den Überblick zu behalten. Das wiederum gestaltet sich kompliziert in diesem mehr oder weniger, eigentlich gar nicht mehr durchschaubaren Regelpotpourri. Maskenpflicht und Abstand, das ist leicht. Jeder sollte das befolgen, ohne Zucken, ohne Murren. Sperrstunde oder Alkoholverbot in Bars und Restaurants ab 22 oder 23 Uhr, das klingt schon strenger. Keine ausufernden Partys, keine Gruppenzusammenkünfte, auch klar. Lüften sowieso.

Verlängerung der Winterferien?

Schwieriger wird es beim sogenannten Beherbergungsverbot. Ein Zungenbrecher, vielleicht also auch schon wegen des Wortes so umstritten, wie unverständlich. Nicht überall gilt es, nicht überall ist es gewollt, schon längst nicht überall leuchtet es ein und hält nicht vor allen Gerichten stand. Ein Wirrwarr, aus dem auch die Bundesregierung in ihren Gesprächen mit den Bundesländern keinen Ausweg finden konnte. Also Entscheidung vertagt auf Anfang November. Der beste Knaller: Verlängerung der Winterferien, dafür Kürzung der Sommerferien. Eine Idee aus der Nachwuchsgeneration der Union, die nicht gerade von Erfolg gekrönt ist.

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Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Warum sollen ausgerechnet Schülerinnen und Schüler die Leidtragenden sein, fragen die Gegner dieses Vorschlags. Bildung ist existentiell. Und die Schule bietet sie, für jeden, nicht nur für die, die sich Homeschooling leisten können, mit Platz, technischem Equipment und Aufmerksamkeit. Die Süddeutsche Zeitung zitiert eine Studie des Bonner Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit, die belegt, dass "die Wiederöffnung der Schulen nach den Sommerferien das Pandemiegeschehen nicht beschleunigt" hat. Der Grund: die rigide eingehaltenen Hygienemaßnahmen. Eltern hätten sich zudem vernünftig verhalten, um eben keine Quarantäne zu riskieren.

Erste Saison-Absagen von Opernhäusern

Das Leben in Corona-Zeit ist ein schwieriger Drahtseilakt. Folgen rundherum längst nicht absehbar. Während die Kultur hierzulande wieder hochfährt, Theater, Opernhäuser und Konzertsäle mit ihrem neuen Spielplan vorsichtig starten, hat die New Yorker Metropolitan Opera, haben die New Yorker Philharmoniker am Lincoln Center ihre Saison strikt abgesagt. Ein Signal, das sicher nicht ohne Wirkung auch auf andere Häuser weltweit bleiben wird. New York hat Angst. Im Gegensatz zum überstarken Herrn mit der rot-blonden Frisur. Donald Trump mit hochkarätigem Pillen-Cocktail im Turbogang vom Virus genesen, macht wieder tüchtig Wahlkampf. Lieber ohne Maske. Von Abstand keine Spur. Der Präsident zeigt sich in Höchstform, ausgelassen, wild. Ja, am liebsten möchte er ins Publikum steigen und "dicke, fette Küsse" verteilen, so sagte er. Na, besten Dank.

Die Plastik "Der Denker" des Bildhauers Auguste Rodin.

AUDIO: Politik im Wirrwarr - wie uns das unsichtbare Virus in Atem hält (5 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 16.10.2020 | 10:20 Uhr

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