Stand: 07.06.2018 18:01 Uhr

NachGedacht: Tanzen oder tanken

von Alexander Solloch
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat sich neulich im ADAC-Magazin beklagt, beim Thema Diesel werde "wieder Panik" geschürt. Das kann ihm schon deshalb nicht recht sein, weil er wie alle Christsozialen daran interessiert ist, sämtliche verfügbare Panik in diesem Land aufs Thema Flüchtlinge zu konzentrieren. Da kann man Panik in der Verkehrspolitik gerade überhaupt nicht gebrauchen. Er jedenfalls sei gegen Fahrverbote, sagte Scheuer. Was, fragte der Minister, solle sich denn "eine alleinerziehende Mutter in München-Schwabing mit ihrem älteren Diesel-Fahrzeug" denken?

Tja, was soll sie denken? Vielleicht wird sie denken: 'Wie bin ich denn hierhin gekommen? Wohl ein akuter Nostalgieanfall, in wehmütigem Gedenken an die Zeit, als ich mir hier in Schwabing noch eine Wohnung leisten konnte; schnell zurück nach Fürstenfeldbrück. Mir bleibt ja immer noch das Auto.' Eine Wohnung braucht kein Mensch, aber das Auto bleibt Pflichtteil im Leben des verfassungstreuen Bürgers. Und ein Auto hat sie ja immerhin, die alleinerziehende Mutter in München-Schwabing. Nur keine Panik.

Alle zwei Jahre traut man sich was in Hannover

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Eine Straßensperre verhindert die Durchfahrt in Hannover am Autofreien-Sonntag.

Der vergangene Sonntag war autofrei in Hannover; also: in der Innenstadt von Hannover; für die Dauer von sechs Stunden; auf einem Gebiet von geschätzt einem Quadratkilometer. Ja, alle zwei Jahre traut man sich was in Hannover: Tief schaut man ins Milchglas und kommt auf die verrücktesten Ideen.

Verrückt, exzentrisch, wahnwitzig, nie dagewesen - suchen Sie sich ein Attribut aus, es passt in jedem Fall auf das, was letzten Sonntag in Hannover zu sehen war. Wo sonst verkarstete Großstadtgesichter Ermattung, Blässe und allgemeine Lustlosigkeit zur Schau stellen, war nun auf einmal nichts als Glück zu sehen, Glück in seiner reinsten, herrlichsten, kitschigsten Form! Wie die Kinder lachten die Menschen, als sie, zögerlich zuerst und dann doch wild entschlossen, die Straßen betraten, die an normalen Tagen von Geländewagen und anderem Kriegsgerät gemartert werden. Sie lachten und sie jubilierten, und manche tanzten auch. Tanzen oder tanken, es geht immer nur eins; und nur eins macht, wenn man's recht bedenkt, froh. Tanzen oder tanken?

Zehn Jahre "autofreier Sonntag" in Hannover

Impfstoff Glück hilft

Könnte es nicht sein, dass menschliches Glück möglich ist? Und ist es nicht denkbar, dass der Lärm auf den Straßen, die stinkende Luft und der Geschwindigkeitswahn den Menschen erst so richtig unglücklich machen, so unglücklich, wie er sich gegenwärtig zeigt, im Frühjahr 2018?

Die Sache ist klar, wir sind ja nicht blöd. Dass Hannover sich diese kleine harmlose Eskapade gönnte, war nichts als eine Konzession an die unangenehme Einsicht, dass man sich ansonsten vollends an die Auto-Industrie verkauft hat. Der dümmste Spruch des Jahrhunderts lautet, wenn der Autobauer in Wolfsburg huste, bekomme Niedersachsen die Grippe. Aus Angst vor der Grippe das schöne Leben aufzugeben, auf diesen Einfall muss man erst einmal kommen. Es gibt einen Impfstoff gegen diese von aggressiven Verzagtheits-Viren ausgelöste Grippe: es ist der Impfstoff Glück.

Die autofreie Stadt wird kommen

Aber die Arbeitsplätze, die Wirtschaft, das Wachstum! Na und? Arbeit ist immer genug da, wie wäre es denn mit solcher, die den Menschen glücklich macht? Seit Jahren schon wartet die mineralstoffreiche Käse-Sahnetorte, und zwar die, die sofort nach Einnahme die Fettreserven angreift, darauf, erfunden zu werden. Aber das durch die Stadt stotternde Auto ist doch nicht für den Menschen da. Umgekehrt: Der Mensch ist für das Auto da, doch Moment… das muss er ja gar nicht.

Wenn das hier noch was werden soll mit den Menschen und dem Planeten Erde und dem Streben nach dem Glück, wird die autofreie Stadt sowieso kommen. Vielleicht ein paar Jahre früher, vielleicht ein paar Jahre später, aber kommen wird sie, und niemand wird darunter leiden müssen. Auch die Unfallstatistiker nicht, das werden die Fahrradfahrer schon deichseln, keine Panik.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 08.06.2018 | 10:20 Uhr