Stand: 04.10.2018 18:12 Uhr

NachGedacht: Stille - und eine Welt voller Statements

von Ulrich Kühn

In dieser Welt wird permanent gequatscht, geredet, verkündet. Oft geht es um eine Botschaft, auch im Alltag. Selbst kleine Handlungen und Mitteilungen gewinnen Bekenntnischarakter. Dabei könnte, meint Ulrich Kühn, zur Abwechslung auch mal ein bisschen Stille wie ein Bekenntnis wirken. Wie er darauf kommt?

NachDenker Ulrich Kühn

Achtung, bitte alle mal herhören: Hier sind 3 Sekunden Stille - - - Im Radio eine Ewigkeit und allemal ein Statement. Das ist wichtig, denn was immer ein Mensch heute tut oder lässt, muss ein Statement sein. Ich stehe in der U-Bahn auf, weil ein älterer Mensch kommt? Ein Statement! Offenbar will ich zeigen, dass es besser wäre, wir nähmen im Alltag mehr Rücksicht, wo doch jetzt alles so rüpelt und röhrt. Oder ich will demonstrieren, dass ich Altersdiskriminierung für eine Pest der Neuzeit halte. Vielleicht auch soll die ganz spezielle Art, wie ich gelächelt habe, wie ich mein Angebot, auf den Sitzplatz zu verzichten, so einfühlsam vorgetragen habe - vielleicht soll das vermitteln, dass man stolz darauf sein kann, ein Mensch von guter Gesinnung zu sein; und dass dieser Stolz eine korrekte Sache ist. Vielleicht, wer weiß. Das Problem mit den Statements, die wir Menschen jetzt unablässig produzieren - das Problem ist, dass sie nicht immer eindeutig sind. Also erklären die Statementisten der Welt ohne Punkt und Komma, was sie eigentlich sagen wollen. Dabei zählt dann jedes Wort.

Sage mir, wie du sprichst, und ich sage dir, wer du bist

Denn machen wir uns nichts vor: Sage mir, wie du sprichst, und ich sage dir, wer du bist. So ist das jetzt. Einer sagt "meine Damen und Herren"? Da bekennt er sich wohl als konservativ und gendermäßig eher lax. Eine sagt "Moin, Moin" statt "guten Abend"? Ein Statement: der tollste Gruß der Welt. Oder jemand sagt "Grüß Gott" mitten in Norddeutschland: Ein trotzig-derbes Statement, dass er ein sturer bayerischer Hund wie zum Beispiel Horst Seeho...

Oh nein! Stopp! Nicht schon wieder!
Haben Sie das gerufen? Stopp? War das Ihr Statement?     
Sie sind damit nicht allein. Man hört das jetzt immer öfter, es kettet sich an Themen, die täglich wiederkehren, es verbindet sich mit Namen, die von den Zungen und Kehlen der Welt täglich geknetet und geknödelt werden. Aus Bayern entsandte Ministergestalt? Schräge US-Präsidentenfigur? "Ich kann es nicht mehr hören!" Wenn das kein Statement ist.

Phänomene muss man Phänomene nennen

Nun finde ich zwar, dass über Phänomene, über die zu sprechen ist, gesprochen werden sollte, auch wenn es ein bisschen zermürbt. Allerdings ist mir heute so gar nicht danach. Und wenn wir mehr Zeit hätten, würde ich einen Vorschlag machen, den ich leider nicht machen kann, weil: zu zeitaufwendig.

Ich würde vorschlagen, dass wir uns gemeinsam zwei Musikstücke anhören. Das erste bewirkt eine Sprachlosigkeit, die zum Schönsten gehört, das Menschen widerfahren kann. Ich hatte das Glück, am Sonntag in der Elbphilharmonie Bachs h-moll-Messe zu erleben, mit dem NDR Chor, seinem Chefdirigenten Klaas Stok, dem Ensemble Concerto Köln und tollen Solistinnen und Solisten (hier zum Nachhören). Es war so, dass man als humanes Wesen, das sich aus guten Gründen ein bisschen zurückhält mit Aussagen über jenes Etwas, das höher sein könnte als alle Vernunft... Es war so... Na ja, ich will andeuten, dass das, was der Philosophie nie gelungen ist, diese Sache mit dem Gottesbeweis... Ich meine – vielleicht ist Bachs Musik...? Aber nein. Ich meine und sage gar nichts.

So verlockend er sein mag, der Versuch, die Wirkung dieser Klänge in Worte zu fassen - mein Statement ist, es zu lassen. Die Zunge zu lassen von der unbegreiflichen h-moll-Messe, die wir zusammen hören würden, wenn wir die Zeit dazu hätten. Um uns danach John Cage vorzunehmen, sein Stück 4'33''. Da ertönt kein Ton. Da ist einfach Stille, gut viereinhalb Minuten lang. Auch diese Zeit haben wir nicht. Wir haben nur noch ein paar Sekunden. Für alles, was wir nicht hören wollen oder nicht hören können. Nur 3 Sekunden Stille - - - für eine Welt aus Nachdenklichkeit.

 

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Stille - und eine Welt voller Statements

NDR Kultur - NachGedacht -

In dieser Welt wird permanent gequatscht, geredet, verkündet. Dabei könnte, meint Ulrich Kühn, zur Abwechslung auch mal ein bisschen Stille wie ein Bekenntnis wirken. Wie kommt er darauf?

5 bei 12 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download
Übersicht

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 05.10.2018 | 10:20 Uhr