Stand: 09.01.2020 18:19 Uhr

NachGedacht: Glotzt nicht so nostalgisch!

von Ulrich Kühn

Je bedrängender die Gegenwart, desto stärker das Bedürfnis, sich an der Vergangenheit zu wärmen. Aber haut das hin? Muss man dafür nicht manches ausblenden? Und tut das wirklich gut? Ulrich Kühn hat nachgedacht.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
Ulrich Kühn ist Leiter der Literaturredaktion bei NDR Kultur

Trump-Iran-Kriegsangst statt - selige Zeit! - Obamas Intelligenz. Johnson-Lügen-Brexit statt - selige Zeit! - Einigkeit Europas. Rechtsradikale und Polarisierung statt – o du selige Zeit! – Bonner Republik. Dazu Digitalgerümpel statt der lieben Langspielplatte. Und gelesen wird viel, aber selten im Buch. Die Luft: Geschwängert von CO2 statt von feinem Kohle-Smog. Und Leute, erinnert euch, seufz: Die von Kultur fast berstenden, froh-fröstelnd wieder beschworenen, gruselig-goldigen Zwanziger! Wer würde da nicht nostalgisch!

Irgendwas ist faul an der Sache. Wer hat den Smog in die Liste geschmuggelt? Und wollen wir wirklich die Sechs-Tage-Woche zurück? Gut, die meisten arbeiten mehr, als im Tarifvertrag steht. Doch es lockt die Viertagewoche mit nur sechs Stunden Schuften täglich. Anfang dieser Woche sah es so aus, als verordne Finnlands Regierungschefin, 34 Jahre jung, ihrem Land diese Kur. Hat dann nicht richtig gestimmt. Das Joch der Gegenwart, es will getragen sein. Also doch wieder: Seufz! Wie ruhig wir einst getaktet waren! Wie heimelig war das Wohnen in bezahlbaren Räumen, wie herrlich funktionierten die Schulen und sogar die Eisenbahn! Und wie gebildet die Menschen waren!

Alles war richtig und stimmig

Ist an allem was dran. Und stimmt doch alles nicht ganz. Das Gefühl, das da pulst, nennt man: Nostalgie. Wem wäre es unbekannt?

Am Abend vor meinem zwölften Geburtstag stand ich am Fenster meines Kinderzimmers, durchdrungen vom Bewusstsein: So schön, wie es bisher war, wird es nicht wieder. Tränen, bis dahin vergossen, Demütigungen, Streitereien unter Freunden und Geschwistern - vergessen wie nie gewesen. Später dann Berlin, diese schmuddelige, zugige Großbaustelle, die im Winter nach Kohle stank. Ich versank in der Massenuni, die ihre partielle Verwahrlosung akademische Freiheit nannte. Auch sonst ging es mir nicht besonders. Und wieder half die Vergangenheit. Ich stand an einer potthässlichen Straße und sagte mir: Jetzt ist es nicht gut. Doch die Erinnerung an die Kindheit, an die Jahre bisher duldet keine Widerrede: Alles war richtig und stimmig so. Das zu empfinden tat gut.

Bei klarem Gefühlsverstand bleiben

Gedächtnisforscher wissen viel über die Tricks des autobiographischen Gedächtnisses. Es versorgt uns mit einer runden, Sinnfülle vorgaukelnden Lebensgeschichte. Mit leichter Hand überschreibt es Fragmente und frisiert sie zur schlüssigen Erzählung. Es macht das Leben zu einem Fluss im Bett. Das entlastet die Psyche. Dagegen ist nichts zu sagen und auch wenig zu tun. Das kollektive Gedächtnis aber ist ein anderes Ding. Es ist bedenklich, wenn sich ganze Gesellschaften der Nostalgie hingeben. Als gäbe es ein durch und durch gelungenes "Früher", in das man zurückgleiten könnte. Das ist, abgesehen von der schieren Unmöglichkeit, Mumpitz. Es bindet Kräfte am falschen Ort. Die Skrupellosen, Phrasentrunkenen packen sich dann die Gegenwart und machen eine Zukunft daraus, die man nicht wollen kann.

Bertolt Brecht hat die berühmten Zwanziger, wann immer man sie beginnen lässt, seinerzeit eingeläutet mit dem Stück "Trommeln in der Nacht". "Glotzt nicht so romantisch!" stand bei der Uraufführung auf einem Plakat. Kurz nach dem mörderischsten Krieg, der jener Gegenwart noch aus jeder Pore troff. So, nicht anders, war es damals. Und nicht viele Jahre später brach das noch größere Unheil los. Was also bringt das Vergleichs-Getue um die neuen Zwanziger? Ist es produktiv, wenn’s um den Nahen Osten geht, um die neue Arbeitswelt? Mag sein. Aber eben nur bei ungetrübtem Blick. Nostalgische Angstlust führt zu nichts Gutem, man muss bei klarem Gefühlsverstand bleiben. Deshalb lautet die Maxime für dieses und alle Jahre: Stellt euch Erinnerungen, wärmt euch an ihnen. Aber hütet euch vor Verklärung:

Glotzt nicht so nostalgisch!

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Glotzt nicht so nostalgisch! (4 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 10.01.2020 | 10:20 Uhr

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