Stand: 11.04.2019 17:58 Uhr

NachGedacht: Eine deutsche Legende

von Natascha Freundel
Natascha Freundel macht sich über Emil Nolde Gedanken.

Emil Nolde gilt als einer der besten Maler des Expressionismus. Nun hat sich die Bundeskanzlerin dafür entschieden, seine Werke aus ihrem Büro zu entfernen. Dazu hat sich Natascha Freundel einige Gedanken gemacht.

Der Mann hatte einen grünen Daumen. Ein sicheres Gespür für Grünes. Seinen Garten in Seebüll durchquerte er wie ein Kapitän, schnittigen Schritts bezwang er ein Meer von Sonnenblumen. Sprang ihm eine besonders ins Auge, malte er sie, nicht so irre flirrend wie einst Van Gogh. Nein, Emil Noldes Sonnenblumen sind prächtig, rund, satt, in dicke Farbschichten gebannt, bevor sich die Vergänglichkeit an ihnen vergehen könnte. Ein großer Meister deutscher Naturmalerei.

Große Geister erkennen einander, wie Hunde die Wegmarken ihrer Artgenossen erschnüffeln: "Ich habe den Glauben, dass unser großer deutscher Führer Adolf Hitler nur für das Recht und Wohl des deutschen Volkes lebt und wirkt", so Nolde 1938 in einem Brief, der wahrscheinlich an den Pressechef der Reichsregierung, SS-Gruppenführer Otto Dietrich, gerichtet war und erst vor sechs Jahren bekannt wurde. Auch gegenüber seinem Propagandaminister Goebbels betonte Nolde diensteifrig, er habe als "fast einzigster deutscher Künstler im offenen Kampf gegen die Überfremdung der deutschen Kunst, gegen das unsaubere Kunsthändlertum und gegen die Machenschaften der Liebermann- und Cassirerzeit gekämpft". Zu dumm, dass die großen Nazis das Genie des Nordens nicht erkannten und seine Bilder als "Entartete Kunst" ausstellten.

Weitere Informationen

Feature: Das Geheimnis der Sonnenblumen

27.11.2018 20:00 Uhr

Eine Kunst-Geschichte, so spannend wie ein Krimi: 1979 werden aus Büros des NDR zwei Emil-Nolde-Gemälde gestohlen. Fast 40 Jahre bleiben sie verschollen - jetzt ist eines wieder aufgetaucht. mehr mehr

Nolde war wieder salonfähig

Jedoch ließ sich dieser Irrtum nach '45 gewinnbringend ummünzen: Emil Nolde, der verfemte, ja verbotene Künstler war wieder da und groß im Geschäft. Siegfried Lenz imaginierte ihn in der "Deutschstunde" als Widerstandskämpfer - nicht gegen die "Überfremdung der Kunst", sondern gegen den braunen Reinheitswahn. Nolde war wieder salonfähig, mehr noch: Bundeskanzleramtszimmerfähig. Schon Helmut Schmidt wählte Noldes Meergemälde "Brecher" von 1936 für die Bonner Amtsstube aus. Angela Merkel machte "Brecher" und einen "Blumengarten" von 1915 zu den Kunstausblicken ihres Berliner Büros.

Sonnenselige Illusionen hinter sich lassen

Und nun? Abgehängt! Kurz vor der Eröffnung der kritischen Schau: "Emil Nolde - eine deutsche Legende" im Berliner Museum für Gegenwart Hamburger Bahnhof hat sich Angela Merkel von den Nolde-Werken verabschiedet. Erst hieß es, sie hätte lieber Bilder von Karl Schmidt-Rotluff, auch ein Brücke-Künstler, der wie Nolde Landschaften in dramatischen Farben malte. Und wie Nolde ein Judenproblem hatte. Nun bleiben die Kanzlerinnenamtswände erst einmal leer. Und der Kunstkenner Florian Illies schreibt in der Zeit, Merkel käme einer "neuen Sehnsucht nach einer besenreinen Kunst entgegen". Dabei spricht aus Noldes jahrzehntelang so erfolgreicher Legende vom geächteten Künstler die deutsche Nachkriegssehnsucht nach blumenwiesenseliger Kunst und Kultur. Von deren Bodensatz sich jetzt jede und jeder ein eigenes Bild im Museum Hamburger Bahnhof machen kann. Angela Merkel hat nun weiße Flecken vor Augen, die sie an die blinden Flecken der bundesrepublikanischen Kunstgeschichte erinnern können. Natur findet vor ihrem Fenster statt, und die hat nichts mit Seebüll'scher Idylle gemein. Es ist immer gut, sonnenselige Illusionen hinter sich zu lassen.

Natascha Freundel © NDR Foto: Christian Spielmann

Eine deutsche Legende

NDR Kultur - NachGedacht -

Eine Kolumne von Natascha Freundel

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download
Weitere Informationen

"Was sind die Elementarteile der Kunst?"

Mit einer großen Sammlungsschau feiert das Sprengel Museum Hannover ein Doppeljubiläum. Der Direktor Reinhard Spieler spricht über die Ausstellung und über den Künstler Emil Nolde. mehr

26:29

Emil Nolde: Ein Mythos wird entzaubert

Als NS-Opfer inszenierte sich der Maler, dabei war er Hitler-Verehrer und äußerte sich antisemitisch. Ulrich Krempel spricht über Noldes Leben, Werk - und die "Sonnenblumen". Audio (26:29 min)

29:48
Kulturjournal

Das Geheimnis der "Sonnenblumen" - Emil Nolde und der NDR

Kulturjournal

Das Gemälde "Sonnenblumen" von Emil Nolde wurde 1979 aus dem NDR gestohlen. Fast 40 Jahre blieb es verschollen. Bis jetzt. Die Rekonstruktion eines erstaunlichen Kunst-Fundes. Video (29:48 min)

Das Geheimnis der "Sonnenblumen": Nolde und der NDR

Eine Kunst-Geschichte wie ein Krimi: 1979 werden aus Büros des NDR zwei Emil-Nolde-Gemälde gestohlen. Fast 40 Jahre bleiben sie verschollen - jetzt ist eines wieder aufgetaucht. mehr

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 12.04.2019 | 10:20 Uhr