Stand: 09.08.2018 20:25 Uhr

NachGedacht: Der neue Süden

von Ulrich Kühn

Selten war der Sommer ein so hingebungsvoll besprochenes Thema wie in diesem Jahr. Es geht um die Hitze, es geht um die Dürre, es geht um drohende Unwetter. Unser Kolumnist Ulrich Kühn wiederum ist inmitten der südlichen Temperaturen auf einen anderen Gedanken gekommen...

Denkt beim Thema Sommer einmal nicht an den Klimawandel: NachDenker Ulrich Kühn.

Haben Sie Ihren Süden gefunden? Sie glücklicher, glücklicher Mensch! Wer seinen Süden kennt, kennt seinen Sehnsuchtsort. Wohin es uns insgeheim zieht, da ist Süden, es war bei den Deutschen immer so: "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,/ Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,/ Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,/ Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?“ Die Südens-Sehnsucht steckt in uns; Italien, manchmal Griechenland: "Dahin, dahin/ Möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter ziehn". So sind wir Goethe-Kinder.

Im Süden zuhause

Was über Nationen gesagt wird, ist zu Teilen immer Klischee. Aber ist nicht ein bisschen was dran? Dieser Sommer, der nicht einfach nach Rilke-Art "sehr groß" war, sondern ein Monstrum von Sommer wurde - er bringt das Innere nach außen. Was bedeutet es, fragen wir uns dann vielleicht, oder frage ich jedenfalls mich, dass wir jetzt im Süden zuhause sind? Dass der Norden, auf Zeit, ein neuer Süden geworden ist?

Es bedeutet, geschenkt, dass manche über die Hitze stöhnen, andere sich an ihr laben. Es bedeutet, wichtiger, dass der Klimawandel allgegenwärtiges Thema ist. Meines hier nicht, ich verstehe zu wenig davon. Ich denke über anderes nach.

Sehnsucht nach Siesta

Ist es nicht seltsam, wie die Zeit in der Hitze sich dehnt? Und in der Zeit alle Aktivitäten? Nur nichts überstürzen, wer will ohne Not schwitzen! Und diese Abende, die nie enden wollen; so zaubervoll, draußen zusammen zu sitzen, zu quatschen über Gott und die Welt und unsern lieben Nachbarn auch. Die Weinflasche steht schon da, und warum machen wir’s nicht wie die Griechen und stellen Essen in die Mitte, tausenderlei Speisen? Das Leben wird leicht, luftig, lässig, das haben wir verdient nach der Plackerei. Überhaupt, diese Unvernunft, tagsüber ohne Pause zu schuften, eine Siesta wäre gut, nicht ohne Grund haben sie im Süden... Na ja, manche haben die Siesta abgeschafft, der globalisierten Geschäftswelt zuliebe. Aber ob das so schlau war? In diesem Sommer wachsen die Zweifel. Denn siehe, wir haben hier den Süden gefunden. Und innen und außen sind plötzlich eins.

Ich plädiere nicht dafür, den Klimawandel zu vergessen. Ich plädiere nicht dafür, nur noch romantisch den Mond anzuglotzen. Ich plädiere dafür, ein Homo sapiens sapiens zu sein. Diese Doppelweisheit, die manche uns angeheftet haben, dies überstolze "sapiens, sapiens" - es hat ja was Doppel-Bödiges an sich. Die Klimakatastrophe fürchten, aber für 20 Euro in den Urlaub fliegen. Eben mal im SUV zum Bioladen rasen. Die liebens-tadelnswerte Alltagsverlogenheit. Aber da ist noch mehr, ein ungenutztes Potential.

Das Betrachten der Welt verändern

Der Homo sapiens sapiens ist das doppelt weise Wesen, das Perspektiven wechseln kann. Und warum diese Begabung nicht nutzen, jetzt? Wer den Süden zuhause hat, muss nicht mehr über die Südländer schimpfen. Wir sind ja nun selber welche, und zwar jede und jeder auf seine Weise, wie Menschen halt verschieden sind. Nicht alle Differenzen müssen vergehen. Der Neid auf das Mittelmeer, dies kostbarste, schönste und tragische Meer, durch dessen Fluten Zeus, der Verliebte, die schöne Europa nach Kreta trug - dieser alte Neid wird bleiben. Auch die Bewunderung für das unvergleichliche Blau, das den wahren Süden ins unendliche Licht taucht, dies Blau, für das die Griechen kein Wort hatten: Der Himmel war ihnen hell, dunkel nannten sie das Meer. Dieses Blau haben wir nicht. Und unsre Winde gehen anders. Aber doch! Zu spüren, wie man im Süden lebt, wenn Süden das Zuhause ist, nicht der ferne Sehnsuchtsort: Dies neue Wissen könnte das Betrachten der Welt verändern. Das wäre doch doppelt weise: Den Süden innen spüren, die Krämpfe und Kämpfe lösen. Und draußen dann alle gemeinsam den Klimawandel bekämpfen. Klar, eine hübsche Utopie. Aber gelänge es wider Erwarten: Dann wäre dieser unheimliche, weltumstülpende Sommer der schönste Beitrag zu Völkerverständigung. Und das wird man doch wohl noch träumen dürfen - in eines Sommers unfasslicher Hitze.           

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 10.08.2018 | 10:20 Uhr