Stand: 16.01.2020 18:05 Uhr

NachGedacht: Muss ich?

von Alexander Solloch

Dass es kein Unwort gibt, aber so manche Unart - schwänzelnden Opportunismus zum Beispiel - haben die Darmstädter Sprachwissenschaftler diese Woche wieder einmal anschaulich gemacht. Immerhin regt ihre gar nicht mal so wirkmächtige Entscheidung, "Klimahysterie" zum "Unwort des Jahres" zu erklären, die Phantasie an; bilden Sie mal ein Wort mit "Klima"…

Empörungskieksen in der Stimme

Klimastreber sind's, die Unwort-Unken, und wie einst der Klassenstreber durch seine peinliche Heranwanzerei an den Lehrer und durch seine Maximalfokussierung darauf, immer das punktgenau Angesagte zu tun, den Unterricht auf so beklemmende Weise gebremst hat, so dient auch die Klimahysterie-Hysterie der guten Sache nicht. Wenn man dem Streber dann mal sagte, "zappel doch nicht so mit deinem Zeigearm, bist ja ganz hysterisch", war er gleich beleidigt. "Frau Lehrerin, Frau Lehrerin", jammerte er. "So geht’s aber nicht, wir reden hier immerhin vom Klima", jammern die Sprachwissenschaftler, nur ist die Sache die, dass es eben doch geht, man nennt es Polemik, sie spendet dem Diskurs Würze und Geschmack. Man kann dann natürlich beleidigt sein, wenn die Suppe mal versalzen ist, nur sollte man wissen: Dieses Empörungskieksen in der Stimme geht nie wieder weg.

Geschichten vom Scheitern

"Püh", dachte ich also beleidigt, nachdem ich, mit der einen oder anderen Tasche behängt, doch sehr großzügig der Dame in der U-Bahn Raum gegeben hatte, sich an mir vorbeizuquetschen, woraufhin sie verdrossen gezischt hatte: "Müssen Sie hier in der Tür stehen?" "Also bitte", dachte ich noch, allzeit bereit, in der beleidigten Grundposition, in die sich der moderne Mensch immer so agil hinabschwingt, noch eine Weile zu verharren. Aber am interessantesten sind doch immer Geschichten vom Scheitern: Es gelang mir nicht, beleidigt zu bleiben, weil sich mir plötzlich die Schönheit dieses Satzes aufdrängte wie eine Süßkartoffel: Müssen Sie hier in der Tür stehen, was für eine wunderbar verwickelte Frage!

Totalinszenierung von Bedeutsamkeit

Sitzen war keine Option in der Bahn, deren Überfüllung meine Klimahysterie kurzzeitig dämpfte. Darum also stand ich - eher bei als in der Tür, nur war damit ja der Kern der Frage noch nicht berührt: Musste ich da stehen? Ich war ja nicht in der U-Bahn zur Welt gekommen, war nicht einmal am frühen Morgen dort aus unruhigen Träumen erwacht. Ich hatte mich aus freien Stücken dorthin begeben, aber beruht nicht alles Unglück darauf, dass Menschen sich irgendwohin begeben? Sie könnten ja auch zu Hause bleiben mit sich und dem Buch, das gerade auf dem Nachttisch Staub fängt. Entfallen würde dann diese Totalinszenierung von Bedeutsamkeit; all diese Meetings und Konferenzen und Cometogethers, in denen im Wesentlichen die Legitimierung der Tatsache, dass man nicht zu Hause geblieben ist, verhandelt wird, kurz: Entfallen würde dieses höchst artifizielle Konstrukt namens Arbeit. Insofern: Nein, ich musste eigentlich nicht da in der Tür stehen. Ich werde vielleicht öfter in den Wald gehen und Ruhe geben.

"Nichtmüssenmüssen"

"Nichtmüssenmüssen": Sie haben das Wort der Woche geschöpft, liebe verehrte Dame, das hätte ich Ihnen gern noch hinterhergerufen, aber statt mich bloß mal drei Minuten sinnstiftend nachdenken zu lassen, mussten Sie ja unbedingt zornig davonstapfen, Sie olle U-Bahn-Hysterikerin, Sie!

Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

Muss ich?

NDR Kultur - NachGedacht -

Gelegentlichen Verzicht auf Hysterie hat sich Alexander Solloch vorgenommen, aber ganz ohne geht's auch nicht. Gedanken über Sprache, Streber und Herumsteher.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 17.01.2020 | 10:20 Uhr

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