Stand: 07.11.2019 19:01 Uhr

Meinungsfreiheit gestern und heute

von Natascha Freundel

Schlecht steht es um unsere Meinungsfreiheit, so legen aktuelle Umfragen nahe. Dabei wurde eben diese Meinungsfreiheit genau vor 30 Jahren beispielhaft gelebt. Als es echten Mut bedeutete, das Wort zu ergreifen.

Natascha Freundel hat nachgedacht.

Anfang der Woche gedachte man im Berliner Abgeordnetenhaus der großen Protestdemo auf dem Alexanderplatz vor 30 Jahren. Marianne Birthler war da, die ehemalige Beauftragte der Stasi-Unterlagen-Behörde, der Schauspieler Tobias Langhoff und Ronald Freytag, der auf dem Alex für die Studenten der Humboldt-Uni gesprochen hatte und heute Kanzler einer Berliner Hochschule ist. Alle drei sahen vor 30 Jahren irre verwegen, entschlossen und dabei ganz zart aus in ihrer Jugendlichkeit. Man kann sich diese Reden vom 4. November 89 auf Youtube anschauen, es lohnt sich ( Youtube Tobias Langhoff am 4.11.1989, Youtube Ronald Freytag am 4.11.1989).

Einführung in den demokratischen Diskurs, Einsteigerseminar. Ronald Freytag erzählte, wie er seine Worte erst vor Ort auf einen Zettel kritzelte, als er sah, dass Christa Wolf oder Stefan Heym noch an ihren Reden feilten; Tobias Langhoff beschrieb, wie er in der schlaflosen Nacht davor um jedes Wort kämpfte; Marianne Birthler bemängelte, die vielen Leute mit ihren Plakaten und auch die Redner selbst seien doch sehr brav geblieben, so lieb, beinah harmlos. Eine Forderung auf einem der Plakate: "Die Mauer beidseitig bemalen."

Meinungsfreiheit wieder aktuelles Thema

Nach dem gescheiterten Versuch, den Leipziger Protest am 7. Oktober gewaltsam aufzuhalten, seien alle Demos friedlich verlaufen. Auf dem Alex habe keiner mehr Angst haben müssen, meinte Frau Birthler. "Ich hatte Angst", bekannte Tobias Langhoff. Sein Großvater Wolfgang war bis zu einem Schauprozess 1963 Intendant des Deutschen Theaters gewesen. Der junge Schauspieler hatte auf dem Alex wie viele andere Presse- und Meinungsfreiheit gefordert sowie "Wiedergutmachung an den Opfern politischer Prozesse". Dass er das trotz seiner Angst ausgesprochen hatte, dass es diesen Tag gelebter Meinungsfreiheit gegeben hatte, darüber freue er sich wie damals, sagte Langhoff.

Nun ist wieder dauernd von Meinungsfreiheit die Rede. Der "Spiegel" hat daraus ein cleveres Titelbild gemacht, in dem das Wort "Unfrei" hervorsticht. Im Bundestag gab es eine Aktuelle Stunde zum Thema: Die einen delektierten sich an der grässlichen Wortschöpfung "Gesinnungstotalitaristen", die anderen hätten die, "die mit ihrem Geschrei und wüstem Gepöbel unsere Debatten hier im Haus prägen", wohl am liebsten des Hauses verwiesen. Hoffentlich misst Frau Birthler die damaligen Reden auf dem Alex nicht an den heutigen Diskursformen des Wutbürgertums.

Debattieren ist megaanstrengend

Natascha Freundel © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Dann red‘ doch!

NDR Kultur - NachGedacht -

Schlecht steht es um unsere Meinungsfreiheit, so legen aktuelle Umfragen nahe. Dabei wurde eben diese Meinungsfreiheit genau vor 30 Jahren beispielhaft gelebt.

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Diesen Herbst fanden schon mehrere Schaukämpfe um die Meinungshoheit statt. Mit ohrenbetäubendem Trillerpfeifen, dramatischen Bombeneinspielungen und begrenzter Rhetorik - "Scheiß Regierungs-Propaganda" oder "Nie wieder Deutschland!" - neulich am Göttinger Alten Rathaus, als Ex-Innen- und Ex-Verteidigungsminister Thomas de Maizière sein sehr pragmatisches Buch übers Regieren vorstellen wollte. Da die Lesung, die ich moderieren sollte, nicht stattfinden konnte, beobachtete ich, wie sich junge verwegene Gesichter hinter schwarzen Tüchern versteckten und wer immer das Skandieren fortsetzte, auf den Gruppenchor wartete. Es war ein kühler Abend. Brüllen in der Menge wärmt; Zuhören, Debattieren ist megaanstrengend.

Mitleid mit den alten Knaben

Dann lerne ich eben bei Sophie Passmann etwas über den jungen deutschen Feminismus, sagte ich mir. Tausend Leute in der Göttinger Lokhalle, die bei jedem noch so billigen Witz über "alte weiße Männer" in hysterisches Lachen ausbrachen, so dass sogar die Autorin irritiert in den Saal schaute. Es wurde so stickig in der großen Halle, man war sich so breit grinsend einig gegen die zu Bäuchlein, Haarausfall und Machtinstinkt neigenden Herren, dass ich, bevor mich Mitleid mit den alten Knaben übermannte, die Veranstaltung verließ.

Stasi war gestern

"Heutzutage muss man sehr aufpassen, zu welchen Themen man sich wie äußert. Es gibt viele ungeschriebene Gesetze, welche Meinungen akzeptabel und zulässig sind und welche eher tabu." Da möchte man doch gleich nicken, oder? 63 Prozent von 1.283 Befragten sagten im Mai zu diesen Suggestivsätzen des Allensbach-Instituts: "Sehe ich auch so". Ein trauriger Befund. Ich sehe einen unterdrückten Chor von Opfern der Meinungsunfreiheit vor mir. Man spricht heute eifriger denn je darüber, wie schwierig es geworden sei, frei von der Leber oder aus dem Bäuchlein zu reden; wie gut man gelernt habe, seinen Mund zu halten - auf der Arbeit, sogar zu Hause, unter sogenannten Freunden.

Mensch, dann red' doch, möchte ich jeder und jedem zurufen, die wieder verdruckst den Mund halten, wenn es drauf ankommt. Raus aus der Opfergruppe, trau dich, allein zu sprechen. Wie wär es mit wohl überlegten Argumenten, statt kollektivem Wegducken oder kollektivem Trillerpfeifen? Wie wär es mit der Freiheit der Andersdenkenden? Wie wär es mit offenen Gesichtern und Klarnamen, so von Mensch zu Mensch? Keine Angst, die Stasi war gestern, vor mehr als 30 Jahren.

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NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 08.11.2019 | 10:20 Uhr