Stand: 14.02.2019 17:04 Uhr

Künstliche Intelligenz - und der müde Mensch

von Ulrich Kühn

Der Mensch ist schon ein tolles Wesen. Die Krone der Schöpfung, einzigartig in der Kombination von Vernunft, Empfindsamkeit, Sprache. Inzwischen aber gibt es dauernd Berichte darüber, was "Künstliche Intelligenz" zustande bringt, die an keinen Körper gekoppelt ist. Ein Weckruf für den Menschen?

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NachDenker Ulrich Kühn

Kennen Sie die Momente, in denen alles zu viel wird? Jede Information, jeder Ton, jeder Gedanke, jeder Geruch, alles mehr als genug. Alles viel zu viel. Sie haben geschlafen, die Sonne lächelt Ihnen zu, Sie lächeln nicht zurück. Sie sind nicht am Leben verzweifelt, haben nicht die Neugier verloren, sind den Menschen nicht feind. Sind nur, im Augenblick, für das Viele zu müde.

Mails checken, Anrufe erwidern, dies erledigen, jenes bedenken, heute schon für morgen sorgen: Sie finden alles nötig und sinnvoll. Sind nur zu müde dafür. Wollen einfach nur - sein. Nichts schaffen, nichts optimieren. Ein bisschen weiterschlafen, vielleicht. Doch Sie schlafen nicht ein. Sind selbst zum Schlafen zu müde.

Menschliche Augenblicke

Sehr menschliche Augenblicke sind das. Wie jene anderen Momente, die Momente der blitzenden Augen, der Wissensgier, des Tatendursts. Könnte man Wissen und Taten schlürfen, wir tränken sie jetzt aus großen Krügen, kein Krug wäre groß genug. Wie menschlich auch dies! Planen, Gelingen, Misslingen, Wissenslust, Liebe, Mattigkeit, alles war exklusiv unser. Wir spürten es, dachten darüber nach, handelten, ließen uns verstören. Eines galt in allem: Die Sprache, in der wir erzählten, notierten, uns austauschten - es war die unsere allein. Die einzigartige Sprache der menschlichen Intelligenz.

Es könnte künftig vorbei damit sein. Kein Tag, an dem Sie nicht neue Meldungen finden über Künstliche Intelligenz (KI). Darüber, was sie können wird und schon kann. Sie spielt besser Schach als die besten von uns, versucht sich daran, Schuberts "Unvollendete" zu vollenden. Sie schreibt nicht mehr nur Sportberichte, sie liest tausendmal schneller Bücher als wir, lernt dabei, selbst Bücher zu schreiben und schreibt tatsächlich: Romane!

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Gemeinschaft der Unzulänglichen

Fast hätte ein von einer KI verfasster Roman einen japanischen Literaturpreis gewonnen. Das Werk trug zum Hohn den Titel: "Der Tag, an dem ein Computer einen Roman schreibt". Davon berichtet in dem Buch "Die kreative Macht der Maschinen" der Autor Holger Volland, ein Mensch von hoher, wenn auch naturgemäß beschränkter Menschenintelligenz. Der Mensch denkt nach, umgeben von KI, die das auch zu können scheint und tausendmal mehr weiß und tausendmal schneller ist und niemals müde wird: Das, in etwa, ist vielleicht bald die Lage. Wir Natur-Intelligenzen, eine Gemeinschaft der Unzulänglichen! Klar, irgendwie war es immer so, doch oberhalb gab es allenfalls Gott, und das ließ sich ganz gut ertragen.

KI spült Milliarden auf die Konten im Silicon Valley

Nein, hier spricht kein Fortschrittsfeind. Schwer abzustreiten, dass Künstliche Intelligenz segensreich wirken könnte, etwa in der Medizin. Vielleicht verschafft sie uns ein viel gesünderes, längeres Leben, das wir, ohne zu leiden, friedlich beenden können. Leider hilft sie auch dem Militär, effektiver zu töten. Andererseits erleichtert sie den Alltag. Und macht uns, abermals andererseits, gläsern, transparent. Die Ambivalenz des Worts "Transparenz", auf privates Leben bezogen, kann man nicht intensiv genug schmecken. Erleichterung, Linderung, Heilung, Erfassung, Normierung, Kontrolle, Manipulation - und dabei ist von den Milliarden, die KI auf die Konten spült, im Silicon Valley und anderswo, noch mit keiner Silbe gesprochen.

Das unangetastet Humane

Es schwebt über alledem die Möglichkeit einer Kränkung - der Kränkung des Ungenügens im Angesicht smarter Maschinen, die irgendwann keine Fehler machen. Ja, es kann uns tiefe Müdigkeit befallen angesichts der Überfülle dessen, was die Algorithmen uns um die Köpfe spülen. Es erschöpft den ewig strebenden, eines Tages final überflügelten Geist. Wir, der entthronte Faust! Das schmerzt. Es sei denn, vielleicht, wir entdeckten, was inmitten brillantester KI das unangetastet Humane bliebe. So etwas wie "die Seele" vielleicht? Es wird jetzt so viel gestritten über Identitätspolitik. Aber die identitätspolitische Mammut-Aufgabe der neuen menschlichen Selbstbeschreibung, die ist noch gar nicht recht im Blick. Daran müsste man arbeiten. Jetzt. Wenn man nur nicht so müde wäre ...

 

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Künstliche Intelligenz - und der müde Mensch

NDR Kultur - NachGedacht -

Der Mensch ist einzigartig in der Kombination von Vernunft, Empfindsamkeit, Sprache. "Künstliche Intelligenz" ist dagegen an keinen Körper gekoppelt. Ein Weckruf unseres Kolumnisten Ulrich Kühn.

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Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

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NachGedacht | 15.02.2019 | 10:20 Uhr