Stand: 13.06.2019 17:19 Uhr

Keine Pudelnummer mit Raubtieren

von Natascha Freundel

War das ein Theater! Zuweilen schien es, als hinge von der Zukunft der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz die ganze Zukunft der Hauptstadtkultur oder des ganzen deutschsprachigen Theaters ab. Nun wurde, nach der 25jährigen Ära Frank Castorf und dem kurzen Aufschlag Chris Dercons ein neuer Intendant für die Volksbühne benannt: der Autor und Regisseur René Pollesch.

Natascha Freundel ist Kolumnistin in der Reihe "NachGedacht".

Pollesch? Och nö! Das ist doch der mit dem Wortsalat, diesem endlosen Gerede übers Ich und Du, über Kunst und Konsum, über Gender und Gentrifizierung, und dabei rauchen die Schauspieler! Und kreischen und kichern und werfen sich diesen Philosophiequatsch um die Ohren, ziehen ihn auch noch in den Dreck: "Scheiß Deleuze!", Foucault, Adorno. Pollesch trickst doch mit Texten, die die eigene Unfähigkeit im Theater zur Schau stellen, die eigene Ratlosigkeit. Oder was bitte sollen solche Titel bedeuten: "Schändet eure neoliberalen Biographien!" oder "Wann kann ich endlich in einen Supermarkt gehen und kaufen was ich brauche allein mit meinem guten Aussehen?" oder "Schmeiß Dein Ego weg!" oder "Eure ganz großen Themen sind weg" oder einfach "Ich kann nicht mehr".

Hyperaktive Schnellsprechschreiber für Flaggschiff?

Durchgedrehtes Diskurstheater ist das, post-dramatisch nennt es sich, weil die Kinder am angeblichen Ende der Geschichte glaubten, alles sei nur ein nachgespieltes Spiel, post-factum. Die Bedeutung der Wörter, die Bedeutung der Dinge, der Identität, der Politik. Heute, hallo!, geht's ja wohl wieder um was. Um alles, meinen manche. Um die Zukunft der Demokratie, des Klimas, des ganzen Lebens auf der Erde. Und da soll dieser hyperaktive Schnellsprechschreiber und -regisseur aus dem Castorf-Chaos der richtige Leader für dieses Flaggschiff, - ja, Flaggschiff sagen manche! - für dieses große Berliner Theaterhaus sein?

Pollesch: Kult unter Castorf

Aber ja! "Ohne Paradoxie kommen wir nicht weiter", würde ich mit René Pollesch sagen. Mehr Frauen braucht das Theater? Nun, Pollesch versteht sich als schwuler Feminist, und so viel Gendertrouble sollte unsere auf saubere Quoten fixierte Gegenwart schon vertragen. Die Volksbühne braucht Castorf'sche Freiheit? Na eben, Pollesch wurde Kult unter Castorf, zumal als jahrelanger Leiter der Prater-Bühne am Haus, aber auch als Überraschungsgast in Hamburg und Stuttgart, in Wien und Zürich. Castorfs ausgedehnte Theaterorgien auf dem Friedhof des Weltliteraturkanons ließen zuletzt, anno 2017, auch treueste Volksbühnen-Fans nach frischer Luft gähnen?

Zentrales Thema: Liebe und ihrem Scheitern

Pollesch kann Theaterwunder schon in einer, maximal zwei Stunden zaubern; mit wohldosierten Versatzstücken aus Literatur und Theorie, mit lebendigen - laufend am offenen Herzen operierten - Sprachschüben: "Man will ja immer geliebt werden, aber dann stellt man fest, dass die anderen um einen herum gar nicht lieben können! Und man selbst ja auch nicht!" - Womit wir bei einem zentralen Thema des Theatermanns wären: der Liebe und ihrem Scheitern. Vor allem der Liebe zum Theater, zu Text und Körper auf der Bühne, zu Schein und Sein in Rollen- und Machtspielen. Dafür lieben ihn die eigenwilligen Volksbühnen-Schauspieler wie Sophie Rois, Kathrin Angerer oder Martin Wuttke: dass er mit ihnen die Schizophrenien der Gegenwart durchdekliniert und sie dabei immer wieder zur Seite treten, aus dem Konzept geraten können.

Raubtiertruppe übernimmt Volksbühne?

Pollesch lässt seine Mitstreiter so wunderbar aus der Rolle tanzen. Vor allem deshalb ist er der richtige Mann für die Volksbühne. Weil er sich und anderen, hoffentlich, die Freiheit verschafft, sich nicht festzulegen; den Markt der Harmonien genauso zu meiden wie die Tribüne der einfachen Losungen. Mit Raubtieren lässt sich keine Pudelnummer machen, erklärte René Pollesch diese Woche. Vielleicht übernimmt mit ihm eine wortwitz-versierte Raubtiertruppe die Volksbühne, eine Clown-Raubtiertruppe. Aber Vorsicht: "Bitte lachen Sie nicht zu laut, die Welt ist sehr alt und könnte davon einen Sprung kriegen."

 

Natascha Freundel © NDR Foto: Christian Spielmann

Keine Pudelnummer mit Raubtieren

NDR Kultur - NachGedacht -

René Pollesch wird ab 2021 neuer Intendant der Berliner Volksbühne. Ist er der Richtige für dieses große Theater und die drängenden Fragen unserer Zeit? Natascha Freundel hat darüber nachgedacht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 14.06.2019 | 10:40 Uhr