Stand: 08.08.2019 17:55 Uhr

Jungmannes Wut aufs "überholte Modell Mensch"

von Ulrich Kühn
Ulrich Kühn hat über das "überholte Modell Mensch" nachgedacht.

Über die Zukunft nachzudenken ist wichtig. Vieles ist so neu, wird so anders. Aber eine ganze Generation zum "überholten Modell Mensch" erklären? Ulrich Kühn ist nicht überzeugt.

In unserem Job wird man dermaßen zugeschüttet mit Sensationen, dass man sich abends erst freischaufeln muss, wenn man sich den gröbsten Unsinn von den Kleidern klopfen will. Die Bücher zum Beispiel, die demnächst erscheinen - ausnahmslos sensationell. Klar, Verlage müssen verkaufen. Manchmal nervt es aber doch.

Verheißung einer denkerischen Weltsensation

"Die Alten müssen weg!" Mit diesem holzofenbrotdummen Marketingschrei wird für Oktober das Werk eines 25 Jahre alten Unternehmers und Schüler-Lobbyisten angekündigt. Es ist die Verheißung einer denkerischen Weltsensation. Dafür bürgt schon das in der Fridays-for-Future-Ära unantastbar machende Qualifizierungsmerkmal "Schüler-Lobbyist". Ebenso der Titel des Buchs, "Die Welt, die ihr nicht mehr versteht". Er kündet von maximaler Klugheit: Nur wer die Welt versteht, kann anderen sagen, dass sie’s nicht tun.

Nichts gegen junge Autoren. Zu den verehrungswürdigsten Schriftstellern deutscher Zunge gehört Georg Büchner, der mit 23 starb. Ein rebellischer Geist, und welch ein Werk! Aber wenn ein wildfremder 25-Jähriger um die Ecke böge und Ihnen zuriefe: "Wie alt bist du?“, und Sie antworteten: "40, 50, 70", worauf der Kommentar folgte: "Bring dich um, checkst eh nicht mehr, was jetzt so läuft": Was dächten Sie da? Verneigung, du besserer Mensch? Oder: Bürschchen, du ahnst ja nicht, wie schnell du altern wirst, und der Fortschritt mit dir?

Sehen den Auspuff des Fortschritts qualmen

Nun hat der junge Autor nicht einfach nur Lust, auf den Alten rumzuhacken, er hat eine Mission. Es geht, das steht da so, um "eine optimistische digitale Utopie". Eine putzige Werbe-Formel. Er kann vielleicht nichts dafür. Für die eigenen Sätze aber wird er was können, der "wütende junge Mann", wie sie ihn werbend taufen, weil ihn die trägen Alten so stören. Zitat, getreulich abgetippt: "Ihr erkennt die Welt, in der wir, die junge Generation, leben und bestehen müssen, nicht mehr ... ihr seid fast alle zu einem überholten Modell Mensch geworden, das der Zukunft mit seinen Ängsten, Fehleinschätzungen und Verhinderungsstrategien im Weg steht …" "Überholtes Modell Mensch"? Wir sehen den Auspuff des Fortschritts qualmen.

Sendung

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

"Jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einem, wenn man hinabsieht." Das hat Georg Büchner geschrieben. Man will ja nicht böswillig vergleichen und will auch keinem im Wege stehen, keinem jungen Wilden und erst recht nicht der Zukunft; die kommt sowieso immer durch, und wenn man mit dem Popo wackelt. Ich bin sperrangelweit offen für vieles. Aber bitte, "überholtes Modell Mensch"? Ich will es mal recht deutlich sagen: Wer Leute, die nun mal älter sind als er selbst, die umständehalber analog aufgewachsen sind und sich redlich mühen, es halbwegs okay auf die Reihe zu kriegen in der neuen digitalen Welt - wer all diese Menschen in den Sack steckt und draufschreibt: "überholtes Modell Mensch": Ja, wer so anti-human drauf ist, der soll anderen erst mal gar nichts erklären. Sondern die Klappe halten - damit "die Welt ein besserer Ort wird".

Wer wirklich auf dem Index steht

Denn so sagt ihr es doch gern, ihr allesbesserwissenden bildungsjungfräulichen paradox-hyperkorrekt-mentalitätsrigiden Posthumanitäts-Apostel, wenn ihr mit den Schlaumeier-Fingern fuchtelt und Menschen nach Gruppen sortiert und nach Identitäten, unentrinnbaren Merkmalen entlang wie Alter, Hautfarbe oder Geschlecht, als könnte das je zum Guten führen. "Die Welt zu einem besseren Ort machen"? Ich flüstere euch mal was: So wird das leider nichts. Ganz im Gegenteil.

Na, hoppla, da wär' ich doch selbst fast wütend geworden! Und hätte fast selbst pauschal auf eine Gruppe geschimpft! Es ist wohl noch viel Jugend in mir. Oder aber jener "wütende junge Mann" hat beim Denken zu wenig gedacht: Denn eigentlich sind es doch die wütenden Männer, die jetzt auf dem Index stehen.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Jungmannes Wut aufs ''überholte Modell Mensch''

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Über die Zukunft nachzudenken ist wichtig. Vieles ist so neu, wird so anders. Aber eine ganze Generation zum "überholten Modell Mensch" erklären? Ulrich Kühn ist nicht überzeugt.

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