Stand: 22.11.2019 16:51 Uhr

Herbst des fortgeschrittenen Missvergnügens

von Alexander Solloch

Was hat uns diese Woche Erhellendes gelehrt? Vor allem dies, meint Alexander Solloch: das sind trübe Tage im November, mit den üblichen Zutaten Blut und Dummheit.

Alexander Solloch mit seinen Gedanken zur vergangenen Woche.

Die Verfeinerung des Menschen schreitet unaufhaltsam voran. Das ergibt dann spektakuläre Geschichten, man möchte nur nicht darin vorkommen. Was ist Fortschritt, mit menschlichen Augen betrachtet? Fortschritt ist, wenn man immer beklopptere Begründungen dafür findet, Böses zu tun. In der Steinzeit erschlug man den Nahrungskonkurrenten. Heute sind wir so satt, da müssen wir uns anderes einfallen lassen zur Rechtfertigung unserer Blutgier.

Der Mann, der den Berliner Arzt Fritz von Weizsäcker erstach, gibt offenbar an, er habe sich an dessen Vater Richard von Weizsäcker für irgendetwas rächen wollen. Aber da man einen Toten nicht töten kann, musste eben der Sohn sterben. Man möchte dem Messerstecher für seine Dummheit und Feigheit und Verworfenheit eine scheuern, aber das wäre archaisch. Stattdessen gibt's die Psychiatrie.

Die Hoffnung ist eine Schnecke

Fortschritt ist, die Ausbildung eigener Geisteskapazitäten durchaus immer für möglich zu halten. Jeder Tag auf dieser schönen Erde macht uns klüger, von diesem Umstand hat nun auch die Polizeidirektion Hannover profitiert. Am Wochenende wollen Rechtsradikale demonstrierend durch die Stadt ziehen, um einen Nazi-Kriegsverbrecher zu feiern und Journalisten zu bedrohen. Das ist ihnen zunächst einmal genehmigt worden, klar, die Demokratie muss das aushalten können usw. Aber schon nach einer Woche fortgeschrittenen Verdrusses unter den ja doch recht verbreitet existierenden Freunden von Frieden und Freiheit erklärte die Polizeidirektion, man habe "aktuelle Erkenntnisse"!

Welche mochten das denn sein? Die Erkenntnis etwa, dass Rechtsradikale keine übermäßig verfassungs- und gesetzestreuen Gesellen sind? Und dass sie ein gar nicht mal so kritisches Verhältnis zur Gewalt pflegen – sollte sich das etwa auch schon bis zu unserer Polizei herumgesprochen haben?

Die Hoffnung ist eine Schnecke, aber sie kriecht, immerhin. Kriech, Schnecke, kriech! Ach nein, zu langsam, wieder mal zu langsam. Nachdem die Polizeidirektion Hannover sich endlich zum Verbot der Demonstration durchgerungen hatte, hat wiederum das Verwaltungsgericht dieser schönen, ziemlich nazifreien Stadt das Verbot wieder zurückgenommen. Es ist also - einstweilen - erlaubt, öffentlich gegen Journalisten zu hetzen.

Titel ohne Inhalt?

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Fortschritt ist, wenn jeder mal sagen kann, was ihn am großen Chef so stört und was er gegen ihn vorzubringen hat. Das bleibt zwar total folgenlos, fühlt sich aber doch irgendwie ganz gut an, und "Spiegel online" kann täglich wie seit drei Jahren schon berichten, dass nun aber das Ende des amerikanischen Präsidenten wirklich sehr nah sei. Das entsprechende Verfahren, das gerade in Washington unter den nachlassend neugierigen Augen der Weltöffentlichkeit vorbereitet wird, trägt zwar die "Amtsenthebung" im Titel, aber auch der "Weihnachtsmarkt" verbreitet ja lediglich das Versprechen von Weihnachten.

Die Partei des Präsidenten, von ihm selbst verachtet, aber zur Zeit benötigt, steht treu zu ihm - also, keine Gefahr. Man könnte nun sagen, die Republikaner hätten mit diesem Gebaren ihre Ehre für lange Zeit verspielt. Das ist nur leider völlig unerheblich, weil der Wähler nicht dort, wo er viel Ehre vermutet, sein Kreuz macht, sondern bei den Parteien und Personen, von denen er erwarten darf, sie würden ihm am großzügigsten erlauben, den inneren Schweinehund randalieren zu lassen.

Fortschritt ist, wenn der Mensch Dinge erfindet, die zwar keiner will und keiner braucht, aber jetzt sind sie nun einmal da, und dann müssen sie auch benutzt werden. Stinkend und nervenzerrüttend lärmen sich die Laubbläser durch diesen Herbst des Missvergnügens.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

Herbst des Missvergnügens

NDR Kultur - NachGedacht -

Was hat uns diese Woche Erhellendes gelehrt? Vor allem dies, meint Alexander Solloch: das sind trübe Tage im November, mit den üblichen Zutaten menschlichen Gebarens.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 22.11.2019 | 10:20 Uhr