Stand: 16.07.2020 12:24 Uhr

Ein echt deutscher Unfall

von Alexander Solloch

Alexander Solloch ist Literaturredakteur. Deshalb liest er zu viel, die Buchstaben tanzen vor seinen Augen Samba, oder nein: "einen südländisch klingenden Rhythmus". Aktuelle Lektüreeindrücke.

Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Die Gelegenheit ist günstig. Jetzt, wo der verehrte Mitdenker Kühn verreist ist - weit weg von dieser Kolumne - und also kaum Gefahr besteht, dass er etwa sich gemeint fühlt, kann man’s ja mal aussprechen: Hier wird nicht ausnahmslos Quatsch geredet. Sollte etwa vor ein paar Wochen an dieser Stelle jemand intuitiv vermutet haben, der Verdacht, die Corona-Krise habe die Gleichberechtigung der Frau um Jahrzehnte zurückgeworfen, sei vielleicht nicht die ganze Wahrheit, so hat er jetzt mehr als intuitiv Recht bekommen.

Das sehr brillante Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung - an mein Herz, wunderbares, unvergleichliches, schönes, liebes Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung! - hat eine Studie vorgestellt, wonach sich Männer in der Phase des Lockdowns stärker als zuvor an der Familienarbeit beteiligt hätten. Die Empirie, so das vorzügliche und auch sehr brillante Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, widerspreche klar der These einer Retraditionalisierung der Geschlechterverhältnisse. Kann man jetzt alles auf der Seite des fabelhaften, formidablen, feinen Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung nachlesen. Lesen, Götter, welch ein Glück!

Die Suche nach ausländischen Verdächtigen

Aber - und damit weiter, immer weiter auf dem dornigen Weg zu Wissen und Weisheit - lesen kann ja leider jeder Dödel. Zum Beispiel die Damen und Herren, die in dieser Republik fürs Rechtsradikale zuständig sind: Sie verfügen zwar über keinerlei Herzensbildung. Aber lesen können sie doch. Sie lesen sogar exzessiv - natürlich nicht aus Neigung oder gar Freude. Kein Erkenntnisinteresse will befriedigt werden und keine Lust. Es ist ein rein taktisches Lesen.

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Morgen für Morgen, jeden Mittag wie auch zum deutschen Abendbrot und dann nochmal kurz vor der deutschen Heia gehen sie die aktuellen Meldungen durch, durchforsten sie nach Signalwörtern: "Straftat" und "südländisches Aussehen" und "afghanischer Staatsbürger", so eine Würze braucht die deutsche Hetze.

Ein echt deutscher Unfall

Das ist ja soweit ganz lächerlich und bedeutungslos. Dass aber wir (Wer sind wir? Sagen wir kurz und oberflächlich: die 70 Millionen in dieser Republik, deren Selbstwertgefühl nicht derart verkommen ist, dass sie andere für ihr Sosein verachten müssen), dass aber wir diesen Wahn füttern - dadurch wird’s überhaupt erst schlimm. Neulich meldete die Polizeiinspektion Güstrow einen Verkehrsunfall mit Blechschaden und leichten Verletzungen. Wörtlich hieß es im Polizeibericht: "Ersten Erkenntnissen nach hatte der 39-jährige deutsche Autofahrer an der Ampel rot und ist dennoch in den Kreuzungsbereich hineingefahren. Hier kam es zum Zusammenstoß mit dem PKW der 62-jährigen deutschen Fahrerin." Ein echt deutscher Unfall also, wobei allerdings die Vogelschiss-Ortsgruppe Güstrow noch dem ungeheuerlichen Verdacht nachgeht, der Verursacher könnte etwa dunkelhaarig und nicht ganz blass gewesen sein.

Wir sind wieder ein bisschen neurotischer geworden

Was soll nur dieser Blödsinn? Wo fing er an und wann? In deutschen Redaktionsstuben rund um die Jahre 2015/2016, "Flüchtlingskrise" ff. Journalisten ließen sich von "Fake-News"-Brüllern vor sich hertreiben. Sie wollten ihnen beweisen, dass sie keine naiven "Gutmenschen" seien, die "Ausländerkriminalität" bewusst unter den Teppich kehrten. Der Deutsche Presserat änderte seinen Kodex und entschärfte das Gebot, nur in absoluten Ausnahmefällen die Nationalität mutmaßlicher Straftäter zu benennen; die Pressestellen der Polizeidirektionen zogen nach. Und was ist das Ergebnis? Die Rechtsradikalen suchen den Polizeibericht über die Vergewaltigung im Park sabbernd nach Hinweisen auf ausländische Verdächtige ab, während die Nichtradikalen bei der Lektüre inständig hoffen, es möge ein Deutscher gewesen sein, was nicht nur verrückt ist, sondern auch sinnlos, denn "deutsch", geifert da der Radikale, bedeute ja nicht zwangsläufig "biodeutsch"... und das Opfer leidet so oder so. Unterdessen sind wir alle wieder ein kleines bisschen neurotischer geworden.

Nicht dafür haben wir doch Lesen gelernt, sondern für Ringelnatz:

Ob du Artist, ob du Franz Liszt,
Ein Christ, ein Mist, ein sonst was bist, -
Bezweifle es. Und dir zum Heil
Bezweifle auch das Gegenteil.

Nur natürlich nicht die Berichte des himmlischen Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung!

Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

Ein echt deutscher Unfall

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Alexander Solloch ist Literaturredakteur. Deshalb liest er zu viel, die Buchstaben tanzen vor seinen Augen Samba, oder nein: "einen südländisch klingenden Rhythmus". Aktuelle Lektüreeindrücke.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 17.07.2020 | 10:20 Uhr