Stand: 17.10.2019 18:36 Uhr

Ein Hoch auf das Buch

von Stephanie Pieper
Stephanie Pieper leitet bei NDR Kultur die Hauptredaktion "Kulturelles Wort" in Hannover.

Bücher, Bücher, Bücher: Auf der Frankfurter Buchmesse tummeln sich all jene, die das Lesen und die Literatur lieben - die Fachleute (auch die von NDR Kultur natürlich) ebenso wie das breite Publikum. Unsere Kolumnistin Stephanie Pieper denkt deshalb über den Sinn des Buchs nach.

"Die Nachricht von meinem Tod ist stark übertrieben": Mit diesem Satz kommentierte einst der Schriftsteller Mark Twain die Falschmeldung von seinem Ableben - vermutlich einer der frühen registrierten Fälle von Fake News. Auch Beileidsbekundungen für das Buch sind vollkommen verfrüht, wie sich auf der Frankfurter Buchmesse dieser Tage einmal mehr erweist. Schließlich sind gedruckte Bücher, wie kürzlich ein Autor im "New Yorker" konstatierte, überaus nützliche Erfindungen: Sie dienen dazu, den Diaprojektor - erinnern Sie sich noch an diese oft streikenden Geräte? - auf der richtigen Höhe zu platzieren. Sie eignen sich hervorragend als Untersetzer für Kaffeebecher, um den Glastisch nicht zu beschädigen. Sie sind hilfreich, um Möbel auf unebenen Fußböden zu stabilisieren. Und sie können als Mordwerkzeug dienen, damit die beim Lesen störende summende Fliege endlich Ruhe gibt. (Randnotiz: Es wurden keine Tiere beim Verfassen dieser Kolumne gequält oder gar getötet.)

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NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Text is back

Klar, man kann Bücher natürlich auch einfach lesen. Die Zahlen zum Buchmarkt sind, allen Unkenrufen zum Trotz, gar nicht so schlecht: Bis Ende August ist der Umsatz um knapp drei Prozent gestiegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum - und die Branche bleibt optimistisch für den Rest des Jahres. Unabhängige Buchläden schaffen es mit Leidenschaft und kreativen Ideen, sich gegen die Ketten zu behaupten. Gleichwohl: Die Geschäfte, ob groß oder klein, könnten noch mehr tun, um Kunden zu gewinnen - wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels selbstkritisch anmerkt. Derweil bleiben Büchereien Orte der Entdeckerfreude auch für diejenigen, die sich den Kauf von Büchern schlicht nicht leisten können, gerade für Kinder und Jugendliche.

Wir lesen heutzutage vielleicht so viel wie noch nie - auf dem eBook-Reader, auf Smartphones und Tablets -, und das eigentlich überall. Text is back. Eine prall gefüllte Bücherwand gilt in bestimmten Schichten immer noch als Ausweis, einigermaßen gebildet zu sein. Womöglich lesen wir einfach anders als früher. Mehr Häppchen, weniger dicke Wälzer. Mehr Querlesen, weniger Tiefgang. Mehr Meinung, weniger Fakten. Aber wir lesen. Und wer hat sich nicht schon dabei ertappt, bei der Lektüre eines Romans oder eines Sachbuchs dieses oder jenes noch mal eben schnell bei Google oder Wikipedia zu recherchieren: Wie war das noch mal? Wer war das noch mal? Wo war das noch mal? So verbinden sich alte und neue Medien, Gedrucktes und Digitales, die eine Welt mit der anderen.

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Wieder einmal streiten wir

Auch die in den vergangenen Tagen vergebenen Literaturpreise tragen dazu bei, herausragende Bücher in den Mittelpunkt zu rücken: Gleich zwei Autorinnen haben den renommierten Booker Prize gewonnen - Margaret Atwood und Bernardine Evaristo. Atwood warnt literarisch vor den Gefahren für die Demokratie, indem sie eine dystopische Zukunft skizziert - während Evaristo uns näherbringt, wie sich das Leben als Schwarze im "Melting Pot" London anfühlt. Damit sind wir bei dem, was Autorinnen und Autoren, was Bücher auslösen und befördern können: dass wir uns vergegenwärtigen, wie vielfältig unsere Perspektive auf diese Welt sein sollte. Auch deshalb wird weiter heftig diskutiert über die Schriften von Peter Handke, dem diesjährigen Literaturnobelpreisträger - spätestens seit dem kritischen Einwurf vom frischgebackenen Träger des Deutschen Buchpreises, Saša Stanišić, der für sein Buch "Herkunft" ausgezeichnet wurde. Wieder einmal streiten wir (auch bei NDR Kultur) über die Trennung von Autor und Werk, über Recht und Unrecht, über historische Wahrheit und literarische Freiheit - eine Debatte, die uns mindestens bis zur Preisverleihung in Stockholm im Dezember begleiten wird. Gut so. Literatur belebt im besten Fall den Austausch über Vergangenheit und Gegenwart. Und Literaturdebatten beleben nebenbei das Geschäft.

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Ein Hoch auf das Buch

NDR Kultur - NachGedacht -

Auf der Frankfurter Buchmesse tummeln sich all jene, die das Lesen und die Literatur lieben. Unsere Kolumnistin Stephanie Pieper denkt deshalb über den Sinn des Buchs nach.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 18.10.2019 | 10:20 Uhr