Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Die Ehe zu dritt

Stand: 19.11.2020 19:16 Uhr

"Unsichtbare Frauen": Das ist ein Gewinnertitel beim NDR Kultur Sachbuchpreis. Unsere Kolumnistin Stephanie Pieper hat deshalb über sichtbare Frauen nachgedacht.

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von Stephanie Pieper

Wer mich kennt, der weiß, dass Geduld nicht meine größte Stärke ist - aber ich versuche, mich zu gedulden. Bereits am 15. November ist die vierte Staffel von "The Crown" erschienen - aber ich hebe mir dieses Schmankerl für das letzte November-Wochenende auf, für meinen persönlichen Start in die Adventszeit. Spoiler-Alert ist gar nicht nötig: Dass diesmal - neben der Queen natürlich - zwei weitere Frauen im Vordergrund stehen, ist hinreichend bekannt. Die eine: Diana, Princess of Wales. Die andere: Margaret Thatcher, die erste britische Premierministerin.

Dass beide Frauen nicht die besten Freundinnen von Elisabeth II. waren, ist kein großes Geheimnis. Die königliche Familie sei ein Haifischbecken, "in dem selbst ein harter Knochen wie Margaret Thatcher sauber abgenagt wieder ausgespuckt wird": Für so einen Teaser auf die neue "Crown"-Staffel muss man die Kollegen von Spiegel Online dann doch wieder lieben.

Diana, Charles und die Frau im Schatten

Aber, ach, Diana - wer erinnert sich nicht an jene Traumhochzeit im Jahr 1981: die junge, hübsche Kindergärtnerin an der Seite ihres Prinzen. Als kleines Mädchen war ich damals völlig fasziniert von diesem raumgreifenden Kleid, in dem Diana beinahe zu verschwinden schien. Neben den Olympischen Spielen ist dies das erste Fernsehereignis, an das ich mich erinnere. Da ahnten wir noch nicht, was aus dieser königlichen Ehe einmal werden würde.

Auch schon 25 Jahre ist es her, dass Diana in einem der berühmtesten royalen TV-Interviews in das BBC-Mikro hauchte: "Well, there were three of us in this marriage, so it was a bit crowded". Gemünzt war das natürlich darauf, dass ihr Göttergatte Charles sich nicht nur mit seiner Ehefrau vergnügte, sondern weiter auch mit einer gewissen Camilla. Was ist seitdem nicht alles passiert: die Scheidung, der Unfalltod von Diana, "the people's princess", ein weiteres globales Medienereignis.

Sie wird in unserer Erinnerung ewig jung bleiben, während die ergraute Camilla längst die neue Angetraute von Charles ist. Irgendwie passend, dass die beiden ausgerechnet an jenem Tag, als die neue "Crown"-Staffel veröffentlicht wurde, im Bundestag saßen und in einer Charme-Offensive vor den nächsten Brexit-Turbulenzen die deutsch-britische Freundschaft beschworen.

Abwechslung tut gut

Dass drei einer zu viel sind in einer Ehe, musste vor einigen Tagen - wenige hundert Meter vom Buckingham Palace entfernt, in 10 Downing Street - auch Dominic Cummings erfahren. Er ist der Erfinder genialer und erfolgreicher politischer Drei-Wort-Slogans: "Take back control" und "Get Brexit done" - sechs Wörter, mit denen er seinem bisherigen Boss Boris Johnson erst den EU-Ausstieg und dann das Premierministeramt bescherte.

Wer verstehen will, wie es dazu kommen konnte, der schaue sich Cummings' Verkörperung durch Benedict Cumberbatch im Film "Brexit - The Uncivil War" an. Nun ist der Mann weg - angeblich, weil BoJos Verlobte ihn nicht mehr als zweiten Mann in ihrer Beziehung haben wollte. Man muss nicht trauern um diesen Brexit-Hardliner, der jetzt seinen persönlichen Exit vollzieht - im Gegenteil: Ein wie auch immer gearteter Deal zwischen London und Brüssel rechtzeitig vor der Deadline am Jahresende ist damit wahrscheinlicher geworden.

Geht es Ihnen auch so? Man freut sich ja dieser Tage fast, wenn man sich zwischen all dem Corona-Kram zur Abwechslung mal wieder gedanklich mit der US-Wahl oder dem Brexit befassen darf.

Royaler Flimmerabend mit Tweed-Decken und Chips?

Doch zurück zu "The Crown". Wann immer ich diese Serie gucke, frage ich mich: Sitzen wohl auch Lizzy und Philip und Kate und Wills gerade vor dem Fernseher - auf zerschlissenen Brokatsofas, eingemummelt in Tweed-Decken, die Salt & Vinegar Chips in der Schüssel - und schauen sich dieses royale Spektakel an? Und wenn ja: Wie muss es wohl sein, das eigene Leben oder das der eigenen Eltern und Großeltern auf dem Bildschirm ausgebreitet zu sehen?

Naja, sollte "The Crown" jemals im 21. Jahrhundert ankommen, könnte Meghan Markle - sorry, die Herzogin von Sussex natürlich - sich praktischerweise gleich selbst spielen. Hollywood meets Pinewood. Oder: Make America Great Britain again.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 20.11.2020 | 10:20 Uhr

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