Stand: 19.03.2020 16:40 Uhr

Corona: Eine kleine Beunruhigung

von Alexander Solloch

In rasendem Tempo müssen wir alle unsere Lebensgewohnheiten radikal ändern. Hoffentlich, meint Nachdenker Alexander Solloch, gewöhnen wir uns nicht zu schnell ans Umgewöhnen.

Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Tiefkühltorten gibt es noch reichlich im Supermarkt um die Ecke, und auch die Schokoladenvorräte hamstert keiner weg. In der Stunde der Not entwickelt der Mensch ganz eigene Vorlieben. Alle Witze darüber sind gemacht, aber nachdem der Mensch sich kurz weggelacht hat von seiner Not, kehrt die Beklommenheit zurück: Es hat sich ein grauer Fatalismus übers Land gelegt. Wie werden wir denn weiterleben, nachdem das Gröbste überstanden ist?

Wir sind keine Viren-Fachleute

Wir sind keine Fachleute für Viren und Exponentialrechnung und werden es auch nicht mehr werden. Da beißen wir uns also lieber einmal zu oft auf die Zunge, als unsachgemäß und verantwortungslos Politik und Wissenschaft zu schelten, wo Schelte keinen Sinn ergibt. Allerdings verstehen wir etwas von Kultur und Rhetorik - das genügt, um von den Geschehnissen der vergangenen Tage noch beunruhigter zu sein als vom Treiben der Viren. Sagt da jemand, in diesen Zeiten müsse man vertrauen?

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Es ist aber nicht leicht, zum Beispiel jemandem zu vertrauen, der noch vor zwei Jahren die Bosheit aufbrachte, Menschen auf der Flucht das Wort vom "Asyltourismus" hinterherzurufen. Damals tat er das, um eine Landtagswahl zu gewinnen. Jetzt schwingt er sich dazu auf, oberster Katastrophenkanzler zu werden. Dem zu vertrauen, das fällt schwer, und schwer fällt es, denen zu vertrauen, die mindestens leichtfertig mit Begriffen wie Katastrophe und Krieg um sich werfen. Es ist ja gar kein Krieg. Kriege kann man nicht gewinnen; wohl aber den Kampf gegen ein Virus. Und, hoffentlich, den Kampf um unser freies Leben.

Am wichtigsten: Kritik und Skepsis

Wenn die Demokratie an den Beatmungsgeräten hängt, muss alles für die Aufrechterhaltung ihrer wesentlichen Vitalfunktionen getan werden, und die wichtigsten sind: Kritik und Skepsis. Unabhängig von der Frage, wie unabdingbar notwendig all die behördlichen Anordnungen der letzten Tage waren, bleibt jedenfalls erstaunlich und beängstigend, wie schnell das ging: Wie schnell das, was unsere Gesellschaft überhaupt erst erhaltenswert und schön macht, und das, was den blassen Traum vom einigen Europa irgendwie noch knapp am Leben hielt - wie schnell das alles erledigt ist. Zum Inventar der bisherigen Bundesrepublik, die Mitte März 2020 einstweilen zu bestehen aufhörte, gehörte die Sonntagsrede von der Lebensnotwendigkeit der Kultur.

"Kultur ist, was uns definiert, Kultur ist, was uns ausmacht", heißt es in einer wahllos herausgegriffenen, gleichwohl prä-coronatischen Rede von Staatsministerin Monika Grütters, und weiter: "Kulturgüter sind existenziell als Spiegel unserer Geschichte und unserer Identität". So existenziell sind sie nun aber auch wieder nicht, dass man nicht kurzerhand den kleinen Buchladen um die Ecke - da, schräg gegenüber vom Friseursalon, in dem alles so weitergeht wie immer - schließen könnte.

Vielleicht darf man hoffen auf die Kreativität der Händler, darauf, dass sie sich schon irgendwie durchschlagen werden. Wenn aber der "Bücherwurm", in dem sich auf ungefähr 100 Quadratmetern eigentlich nie mehr als drei Menschen gleichzeitig aufhalten, durch diese Zwangsmaßnahmen zerstört würde, dann bliebe auf Jahre hinaus nur fassungsloses Entsetzen. Und so wird jeder seinen persönlichen Buchladen, Musikalienladen, Künstlerbedarfsladen nennen können, der nicht untergehen darf, weil er die freie kritische unbeugsame Republik begründet. Naja, worauf ich eigentlich hinauswollte: Es gibt da in Hannover-Vahrenwald, kurz vor der Auffahrt zur A7 Richtung Hamburg, eine Tankstelle, die noch Toilettenpapier führt, das praktische Zweierpack für nur 2,79 Euro. Gebt’s zu, das war es doch, was ihr eigentlich lesen wolltet.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

Corona: Eine kleine Beunruhigung

NDR Kultur - NachGedacht -

In rasendem Tempo müssen wir alle unsere Lebensgewohnheiten radikal ändern. Hoffentlich, meint Nachdenker Alexander Solloch, gewöhnen wir uns nicht zu schnell ans Umgewöhnen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 20.03.2020 | 10:20 Uhr