Stand: 20.06.2019 17:56 Uhr

Bin ich eine schlechte Feministin?

von Stephanie Pieper

Die Frauen beherrschen derzeit die Schlagzeilen: In Frankreich kicken sie bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft, in der Schweiz protestieren sie gegen Diskriminierung, und in den Niederlanden will eine Uni vorerst nur noch Frauen für die Wissenschaft einstellen. Unsere Kolumnistin Stephanie Pieper denkt deshalb über den Feminismus nach.

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Stephanie Pieper leitet bei NDR Kultur die Hauptredaktion "Kulturelles Wort" in Hannover.

Bin ich eine schlechte Feministin? Diese Frage beschäftigt mich dieser Tage. Schuld ist die Fußball-WM der Frauen. Die Ursache für mein schlechtes Gewissen, für meine Zweifel an meinem Selbstverständnis als Feministin: dass mich das Turnier in Frankreich null interessiert. Ich könnte Ihnen ohne Google- oder Wikipedia-Hilfe weder sagen, wie die Nationaltrainerin noch wie die Kapitänin heißt. Gut, selbst ich habe mitbekommen, dass unsere Elf die Vorrunde überstanden und das Achtelfinale erreicht hat. Aber dann hört es auch schon auf. Anders war es bei der WM der Männer vor einem Jahr, als ich jedes Spiel unseres Teams verfolgt habe - dank des miserablen Auftritts "unserer Jungs" waren es ja auch nur drei. Bin ich also deshalb eine schlechte Feministin - weil ich die traditionelle Bundesliga-Schlusskonferenz im Radio liebe, aber die deutschen Meisterinnen nicht benennen könnte? Vielleicht stellen sich aber auch generell mehr Frauen als Männer überhaupt die Frage, ob sie in etwas gut oder schlecht sind - sei es nun der Feminismus oder was anderes.

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Unterschiedlich hohe Prämien - ist das nicht gemein und ungerecht?

Zu lesen war, dass die kickenden Frauen - im Fall des Titelgewinns - vom DFB eine Siegprämie in Höhe von 75.000 Euro bekommen. Jeder männliche Nationalspieler hat für die Trophäe 2014 dagegen 300.000 Euro kassiert. Ist das nicht gemein und ungerecht, werden die Frauen hier nicht diskriminiert? Oder ist es einfach so, dass der Fußball der Männer immer noch viel mehr Zuschauerinnen und Zuschauer anzieht, dass der Marktwert der Spieler und der Vereine damit viel größer ist, dass die unterschiedlich hohen Prämien also schlicht die kommerzielle Realität abbilden? Natürlich bin ich dafür, dass Frauen im gleichen Job ebenso viel verdienen wie Männer, dass sie nicht benachteiligt werden wegen ihres Geschlechts, dass sie dieselben Aufstiegschancen haben – aber ob das Streben nach Gleichberechtigung marktwirtschaftliche Mechanismen vollständig aushebeln kann, erscheint mir fraglich.

Frauenquote an der Technischen Universität Eindhoven

Anders als beim Fußball läuft es indes beim Tennisturnier in Wimbledon, das bald beginnt: Hier erhalten Frauen und Männer seit 2007 für einen Sieg dieselbe Summe als Preisgeld - in diesem Jahr werden es mehr als 2,3 Millionen britische Pfund sein. Obwohl die Frauen nur auf zwei Gewinnsätze, die Männer dagegen auf drei Gewinnsätze spielen müssen. Womöglich finden das manche männliche Tennisspieler ungerecht, dass ihre Kolleginnen am Ende trotzdem gleich viel verdienen. Ähnlich geht es vielleicht jenen Männern, die auf einen Job an der Technischen Universität Eindhoven in den Niederlanden spekuliert hatten. Daraus wird wohl erst mal nix - denn die Uni will bis Ende nächsten Jahres auf ihren 150 frei werdenden wissenschaftlichen Stellen ausschließlich Frauen platzieren; um endlich die mickrige Frauenquote aufzupeppen, sollen nur noch Professorinnen und Dozentinnen zum Zuge kommen. Nur bei herausragend talentierten männlichen Forschern soll es Ausnahmen geben. Ich schwanke noch, ob ich das eigentlich richtig oder falsch finde. Und ist das überhaupt zulässig, werden damit nicht Männer diskriminiert?

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Es gibt unzählige Spielarten im Feminismus

Gar nicht so leicht zu beantworten; gar nicht so einfach, die Gleichstellung hinzukriegen. Das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" hat kürzlich Margarete Stokowski porträtiert, die - so der Autor - "lauteste Stimme des deutschen Feminismus". Sie ist 33 Jahre, schreibt eine Kolumne für Spiegel Online, ist auf Twitter mit vielen Followern aktiv - und ist vor allem dann mit deutlichen Worten zu vernehmen, wenn es um Frauen und ihre Stellung in der Gesellschaft geht. Insbesondere viele junge Frauen fühlen sich von ihr angesprochen, schwärmen geradezu von ihr. Manche - ja: ältere, ja: weiße, ja: Männer -, stören sich hingegen an Stokowski. Aus den vermeintlich sozialen Medien schlägt ihr viel Hass entgegen, bis hin zu Drohungen. Aber auch Feministinnen wie die Schriftstellerin Thea Dorn, die Philosophin Svenja Flaßpöhler oder die Grande Dame des deutschen Feminismus, Alice Schwarzer, liegen mit ihr teils über Kreuz – weil sie ein jeweils anderes Verständnis von Feminismus haben als Stokowski. Es gibt unzählige Spielarten, und vielleicht bin ich schlicht zu bequem, mir darüber Gedanken zu machen, welcher ich zuneige. Aber: Ich bin Feministin. Punkt.

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Bin ich eine schlechte Feministin?

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Frauen vor! Fußballerinnen in Frankreich, Protestierende in der Schweiz, Wissenschaftlerinnen in den Niederlanden. Stephanie Pieper denkt über den Feminismus nach.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 21.06.2019 | 10:20 Uhr