Stand: 01.08.2019 16:44 Uhr

Abgabe einer Erholungserklärung

von Alexander Solloch
Alexander Solloch mit seinen Gedanken zur vergangenen Woche.

Nicht nur, dass es schon wieder losgeht mit dieser Imitation dienstlicher Vorgänge oder wie immer man das seltsame Geschehen im sogenannten Arbeitsleben beschreiben möchte; jetzt verlangen sie auch noch, dass man im Urlaub seine Hausaufgaben gemacht hat, und fragen einen ab.

Dies sind die drei Prüfungsfragen, auf die man im Kontext gesitteten bundesrepublikanischen Zusammenlebens gefasst sein sollte: "Du hier?" - wenn du hier bist. "Alles gut?" - wenn man sich seit der Mittagspause nicht mehr gesehen hat. Und neuerdings, wenn man gerade erst aus dem Urlaub zurückgekehrt ist und noch gar nichts Arges wöhnt, die hinterhältige Frage: "Gut erholt?" Wer ehrlich antwortet, fällt durch: Nein, natürlich habe ich mich nicht erholt, weder gut noch schlecht. Wie denn auch?

Urlaub als Projekt

Wäre der Urlaub zum Erholen da, dann verbrächte man ihn allein in seinem Bett und läse alte Fußballzeitschriften. Fälle solchen Urlaubsverhaltens sind menschheitsgeschichtlich nicht bekannt. Urlaub ist ein Projekt, an dessen Erfolg sich der moderne Mensch messen lässt. Man müht sich redlich, den Urlaub so, wie man ihn vor Monaten geplant hat, befriedigend umzusetzen, nein, sagen wir ruhig einmal: durchzuführen. Der Urlaub wird durchgeführt, indem der Mensch

  • sich als Statist für das Gelingen von Staus, Zugausfällen und Lufthansastreiks zur Verfügung stellt.
  • anschließend im Hotel aufscheint, mit dem kaum einsichtigen Rezeptionisten ums reservierte Zimmer kämpft und sich auf steinharter Matratze in den Schlaf quält.
  • eine wütende Hotelbewertung mit maximal 3,5 von 10 Punkten ins Netz schleudert und sie dann korrigiert auf 5,5 Punkte, weil der Rezeptionist heute früh schon so verleumdungsklägerisch guckt.
  • im Gewimmel aus sieben Millionen anderen Deutschen die gesammelten Kulturstätten am Urlaubsort begutachtet, denn schließlich ist es ja die Kultur, auf die es ja schließlich ankommt!
  • im Gewimmel aus acht Millionen anderen Deutschen an den örtlichen Flussufern, Wäldern und Hinkelsteinen mal so richtig die Seele baumeln lässt, denn schließlich ist es ja die Natur, auf die es ja schließlich ankommt!
  • Postkarten kauft, die er niemals schreiben wird.
  • dem Rezeptionisten sagt: "Je veux check out" und "oui, oui, tutto bene" und weiterreist und noch schnell für Oma und Opa ortsübliche Pralinen kauft, damit die Hitzewelle was hat, was sie zum Schmelzen bringen kann, und dann zu Hause ankommt und die Koffer in den Flur plumpsen lässt und seufzt: "Das war aber schön." Und das war es ja auch.

Von der harten Matratze zurück ins Hamsterrad

Sendung

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Kurz und gut: Kühe legen keine Eier, Urlaub erholt keinen Urlauber. Das wäre auch nicht weiter schlimm, könnte man den Urlaub als Teil normalen Lebens betrachten, nicht als therapeutische Maßnahme. "Gut erholt?", das heißt doch übersetzt: "Na, wieder voll funktionsfähig? Lässt du dich jetzt bitte wieder klaglos als Zahnrad ins Getriebe einsetzen? Wurde auch Zeit." Wer sich "erholt", holt sich mal kurz etwas zurück, was ihm im sonstigen Leben genommen worden ist. Versucht er etwa (was ihm bei allem Kummer ja immerhin zu wünschen ist), dieser Erholungspflicht in Frankreich nachzukommen, so gibt er sich der "récréation" hin: Er erschafft sich neu, nachdem er gründlich abgeschafft worden ist.

Nein, ich habe mich nicht erholt. Ich habe auf harten Matratzen gelegen und wohl auch auf weichen, habe Möwen beim Speiseeisdiebstahl beobachtet, im Stau gestanden und mir den Mund an Schokolade verklebt. So was soll alle Tage vorkommen! Ich bitte jedenfalls darum.

Das Leben ist Urlaub. Die Erholung kommt später, wenn alles vorbei ist: im Bett, mit alten Fußballzeitschriften.

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Abgabe einer Erholungserklärung

NDR Kultur - NachGedacht -

Ein paar läppische Wochen war Alexander Solloch verreist; kaum zurückgekehrt, sieht er sich einer bohrenden Frage ausgesetzt. Diese Prüfung kann man nicht bestehen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 02.08.2019 | 10:20 Uhr