Stand: 19.12.2019 19:01 Uhr

Miriam Rürup: "Wir sind Teil dieser Gesellschaft"

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat in der "Jüdischen Allgemeinen" geschrieben, dass man auch nach dem Anschlag von Halle und allen anderen antisemitischen An- und Übergriffen der vergangenen Monate und Jahre das schon vor langem festgelegte Motto des diesjährigen jüdischen Gemeindetags nicht mit Fragezeichen versehen werde. Es lautet: "In Deutschland zu Hause" - ohne Fragezeichen. Ein Gespräch mit Miriam Rürup, Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden an der Uni Hamburg.

Frau Rürup, würden Sie das Motto nach den Ereignissen der vergangenen Monate und Jahre nicht vielleicht doch lieber mit einem Fragezeichen versehen, also "In Deutschland zu Hause?"

Miriam Rürup: Nein, auf keinen Fall. Mit diesem Motto des Gemeindetages setzt man ein deutliches Zeichen: Anfeindungen hin oder her - einerseits zeigen wir jetzt erst recht, dass wir hier zu Hause sind. Und wer uns nicht dabeihaben möchte, kriegt vorgeführt, dass wir aber da sind und auch vorhaben, da zu bleiben. Dass man sich also gerade jetzt nach außen als eine selbstbewusste Gemeinschaft präsentiert, die sich als selbstverständlicher Teil dieses Landes und dieser Gesellschaft sieht.

Nach den jüngsten Ereignissen fragen sich tatsächlich sehr viele Jüdinnen und Juden, ob nicht doch jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, das Land endgültig zu verlassen. Können Sie diese Sorge teilen?

Rürup: Ich persönlich kann die Sorge nicht teilen. Dann müsste ich mich das auch fragen, wenn Frauen als Frauen angegriffen werden oder Linke als Linke. Da gibt es viele Ebenen, bei denen ich mich immer wieder selbst in meiner Existenz infrage stellen würde. Ich glaube aber, dass solche Momente letztlich so traumatisch sind, dass sie Ängste oder Sorgen bestärken, die ohnehin schon vorhanden waren. Diejenigen, die sich auch vor Halle nicht ganz sicher waren, ob Deutschland das Land ist, in dem sie leben wollen, könnten sich jetzt verstärkt fragen, ob es wirklich das richtige Land ist. Diejenigen, die sich vorher selbstbewusster als Juden zeigen wollten, könnten sich als Reaktion auf Halle vielleicht diesem Selbstbewusstsein mehr entgegenbewegen.

Während des Nationalsozialismus war Deutschland kein Zuhause für die Juden. Viele Opfer von damals haben gesagt, dass es das auch nie wieder werden wird. Sie wollten ihre alte Heimat, die sie verlassen hatten, nie wieder betreten. Irgendwann gab es aber den Punkt, wo Menschen doch zurückgekehrt und im Land der Täter wieder heimisch geworden sind. Kann man sagen, ab wann sich das allmählich zu ändern begann?

Rürup: Das hat ziemlich lange gedauert. In der unmittelbaren Nachkriegszeit ist festzustellen, dass jüdisches Leben wieder entsteht. In Hamburg beispielsweise ist relativ schnell nach Kriegsende wieder eine jüdische Gemeinde gegründet worden, aber mit nur knapp 70 Mitgliedern, also überhaupt nicht vergleichbar mit der Größe der Vorkriegszeit. Was ganz stark war - und das ist das Symbol des Nachkriegsjudentums in West- als auch Ostdeutschland -, war dieser "gepackte Koffer", dass man hier auf "gepackten Koffern" lebte. Das war sehr präsent.

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Wir müssen uns aber auch klarmachen, dass viele der Juden, die in Nachkriegsdeutschland lebten, nicht unbedingt eine deutsche Herkunftsgeschichte hatten, sondern eine osteuropäische. Sie haben Deutschland ohnehin als fremd empfunden, und das zusätzlich mit der Bürde, im Täterland zu leben. Das führte dazu, dass viele aus dieser frühen jüdischen Nachkriegsgesellschaft mit einem staatenlosen Pass in der Bundesrepublik lebten, also nicht die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hatten.

Aber wir müssen zugleich unterscheiden: Es gibt diese frühe, noch vom Krieg geprägte Gesellschaft, die ohnehin migrationsbedingt zusammengesetzt war, und die heutige Gesellschaft, die nicht mehr kriegsgeschädigt ist, die aber als jüdische Gemeinschaft immer noch von Migration und Zuwanderung geprägt ist.

Das Wiederaufblühen jüdischen Lebens in Deutschland hat seit dem Fall des Eisernen Vorhangs viel mit dem Zuzug osteuropäischer Juden zu tun. Das sind häufig orthodoxe Juden gewesen, weshalb es in den Gemeinden zum Teil auch zu Reibereien kommt. Wie sieht es in den Communitys aus: Sind die hier angekommen? Sind die zu Hause?

Rürup: Das ist ein ganz neues Selbstverständnis, was mit dieser Zuwanderung zu uns gekommen ist. Diese Juden sagen: "Wir sind zukunftsgerichtet. Wir sind jung. Wir bringen ein neues Verständnis von Judentum mit. Wir wollen mit euch darüber auch gerne streiten und aushandeln, was das bedeuten könnte. Wir stellen uns dieser Diskussion." Das findet in solchen Studienwerken statt, wo es hauptsächlich sehr junge Menschen zwischen 20 und 30 sind; beim Gemeindetag ist das noch breiter aufgestellt.

Ich hoffe, dass man mit einem solchen Motto ein Signal an die nichtjüdische deutsche Gesellschaft sendet: "Wir sind Teil dieser Gesellschaft. Wir sind zwar vielleicht in einem Aspekt ein bisschen anders, aber ansonsten gehören wir wie selbstverständlich dazu." Ich hoffe auch, dass man zugleich ein Signal nach Israel sendet. Israel hatte ja viele Jahre lang selbst die Haltung, dass jüdisches Leben in Deutschland nicht zulässig ist. Aus jüdischer Sicht war es moralisch nicht vertretbar, im ehemaligen Täterland zu leben. Heute wird das Signal gesendet: "Wir können hier leben." Das ein sehr selbstbewusstes Signal.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Ein Stapel Kippas liegt in einem Souvenirshop. © Imago Images Foto: Vladimir Smirnov

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NDR Kultur - Journal Gespräch -

Zum Auftakt des diesjährigen jüdischen Gemeindetags betont die Historikerin Miriam Rürup, wie wichtig es ist, dass sich die jüdische Gemeinschaft als selbstverständlicher Teil dieses Landes sieht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.12.2019 | 19:00 Uhr