Stand: 18.07.2019 16:48 Uhr

"Wir brauchen Widerstand, der Demokratie sichert"

Vor 75 Jahren, am 20. Juli 1944, verübte der Wehrmachtsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg das Attentat auf Adolf Hitler. Der Jurist Hans von Dohnanyi hat früh zum Widerstand gehört, aus dem heraus versucht wurde, gegen die Nationalsozialisten vorzugehen und dann auch Hitler zu töten. Es waren schließlich geheime Aufzeichnungen, die entdeckt und als Beweismittel gegen Hans von Dohnanyi eingesetzt wurden. Er kam ins Konzentrationslager Sachsenhausen; dort wurde Hans von Dohnanyi am 9. April 1945 gehängt. Sein Sohn, Klaus von Dohnanyi, ist SPD-Politiker und ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg.

Herr von Dohnanyi, am 20. Juli 1944 waren sie 16 Jahre alt. Was ist von diesem Tag bei Ihnen im Gedächtnis geblieben?

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Klaus von Dohnanyi war von 1972 bis 1974 Bundesminister für Bildung und Wissenschaft.

Klaus von Dohnanyi: Ich war an diesem Tag, oder am Tag darauf, bei meinem Vater, der sich in einem Krankenhaus befand, weil er sich mithilfe meines Großvaters, der Mediziner war, selbst mit Diphtherie infiziert hatte, um unfähig für Vernehmungen zu werden. Ich habe dann am 21. Juli mit ihm durch das Fenster gesprochen; eine sehr nette Krankenschwester ließ mich das tun. Er bat mich noch, mit einem Mitglied des Widerstandes Kontakt aufzunehmen. Aber dafür war es dann zu spät. Der war auch schon verhaftet.

Hat Ihr Vater Ihnen gegenüber begründet oder darüber gesprochen, weshalb er sich dem Widerstand angeschlossen hat?

Von Dohnanyi: Das war eine klare Sache: Die Nazis waren ein furchtbares Regime, gewalttätig, antidemokratisch und auch auf den Krieg ausgerichtet. Mein Vater hat das schon sehr früh gesehen. Das Problem beim 20. Juli war, dass er natürlich viel zu spät kam. Mein Vater selber hatte schon mal 1943 versucht, mit einer Bombe, die er in Hitlers Flugzeug hatte schmuggeln lassen, ein solches Attentat möglich zu machen. Die Bombe ist dann nicht explodiert, weil das Flugzeug in Smolensk bei Minus 30 Grad startete und es im Kofferraum zu kalt für den Zünder war. In Wahrheit sollten wir uns nicht so viel mit dem 20. Juli beschäftigen, sondern vielmehr mit dem, was zuvor war: Warum ist es denn überhaupt zu den Nazis 1933 gekommen? Was ist denn in der Weimarer Republik passiert, dass die Nazis überhaupt so weit kommen konnten? Warum haben die Gewerkschaften 1933 nicht mit einem Generalstreik geantwortet, sondern sich stattdessen mit dem 1. Mai als "Tag der Arbeit" zufrieden gegeben? Das alles sind doch Dinge, die heute viel wichtiger sind. Wir sehen heute wieder, dass es so ein Gemurmel im rechtsradikalen Bereich gibt und Unsinn über die Demokratie geredet wird. Wir müssen wieder darauf achten, dass wir nicht am Ende in ganz Europa zu spät kommen.

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Was gehört heute für Sie, 75 Jahre nach dem 20. Juli, zum Kern dessen, was erinnert werden sollte? Gerade wenn Sie daran denken, dass es in Deutschland und vielen Teilen Europas ein Erstarken des Rechtspopulismus gibt?

Von Dohnanyi: Man muss sehen, dass die Tat von Stauffenberg eine mutige soldatische Tat war. Stauffenberg selber war ja bis Anfang der 1940er-Jahre kein Anhänger eines Widerstandes gegen Adolf Hitler. Er hat sich sogar von den Leuten distanziert, die das 1938 schon einmal versucht hatten, nämlich der Oberst Oster und der Chef des Generalstabs Beck. Von denen hatte sich, nach dem, was Peter Hoffmann darüber geschrieben hat, der der beste Biograf von Stauffenberg ist, wohl eher distanziert. Stauffenberg war ein Soldat, er war tapfer, er war mutig, er hat im letzten Augenblick etwas Mutiges getan, hat das mit dem Leben bezahlt und das müssen wir hoch achten. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass diese Tat viel zu spät kam. Sie kam viel zu spät, weil schon in der Weimarer Republik die Parteien versagt haben. Zum Beispiel, indem die SPD 1930 wegen eines Viertelprozentes Arbeitslosenversicherung ihren Kanzler Hermann Müller im Stich ließ und von da an dann die Katastrophe in Deutschland begann. Wir müssen über die Parteien nachdenken, über das Handeln in der Demokratie und heute darüber, wie wir uns mit denen mutig auseinandersetzen und mit Zivilcourage, die nötig ist, um sich in den verschiedenen Bereichen, in denen sich solche Gedanken wieder breit machen, auch einer solchen Entwicklung entgegenzustellen.

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Nun hat sich die Europäische Union gerade in dieser Woche ja auch neu aufgestellt. Ist das ein Hoffnungspotential für Sie?

Von Dohnanyi: Europa ist eine Notwendigkeit, aber das Hoffnungspotential muss vor Ort geleistet werden. Europa kann weder in Ungarn, noch in Polen, noch in Frankreich, noch in Deutschland, noch in Großbritannien die Dinge aufhalten, die sozusagen von rechts unter Druck vorangetrieben werden. Das kann nur vor Ort geschehen. Dazu brauchen wir in den einzelnen Staaten, und dort in den Gemeinden und in den Ländern, also in den dezentralen Bereichen, einen Widerstand, der die Demokratie sichert. Darauf kommt es heute an. Stauffenberg ist sehr wichtig als Erinnerung - aber eben als Erinnerung, dass es zu spät ist, wenn man den Soldaten braucht, um die Demokratie zu schützen.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.07.2019 | 19:00 Uhr