Stand: 14.03.2017 15:02 Uhr

"Trump ist ein Wrackteil der US-Demokratie"

Der Schriftsteller und Übersetzer Gregor Hens hat mehrere Jahre in den USA gelebt und gelehrt. Immer wieder pendelt er zwischen den Kontinenten und den Sprachen. Zuletzt hat er den Roman "Shark" von Will Self ins Deutsche übertragen und ist dafür nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung. Die Jury hat ihm "atemberaubenden Einfallsreichtum" attestiert. Der macht sich auch bemerkbar beim Nachdenken über Donald Trump.

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Gregor Hens sucht in seinen Gedanken zu Trump nach passenden Metaphern.

Donald Trump, Enkelsohn eines pfälzischen Flüchtlings, der sich - wie unzählige junge Eritreer heute - dem Militärdienst entziehen wollte, hat offenbar weder historisches Bewusstsein noch sonst irgendwelche Qualitäten, die es lohnend erscheinen lassen, sich mit ihm persönlich zu befassen. Wenn die Präsidenten-Biografie, die eines Tages geschrieben werden wird, lesenswert sein soll, muss sie die Umstände prüfen, die diesen Mann ins Weiße Haus gespült haben wie Strandgut. Trump ist ein Wrackteil der amerikanischen Demokratie. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob das Schiff ein Sklaventransporter war, oder der Flugzeugträger, auf dem George W. Bush seine Mission-Accomplished-Rede gehalten hat, oder ein Paddelboot aus einer kolonialistischen Reality-TV-Serie.

Im politischen Abgrund

Wir durchleben eine Zeitenwende, einen historischen Wandel, der so schockierend ist, dass uns - beinahe - die Worte dafür fehlen. Welche sprachlichen Mittel haben wir eigentlich, um das Unfassbare zu fassen?

Lange Zeit war es die Geologie, die uns die entsprechenden Metaphern geliefert hat: Druck baut sich auf, es brodelt, dann geschieht das politische Erdbeben. Der Erdrutschsieg gehört zu diesem sprachlichen Bild, und andere Vokabeln. Wir sind erschüttert. Die Welt bricht über uns zusammen.

Diese Grundmetapher genügt uns heute nicht mehr, denn wir sind längst in den politischen Abgrund gestürzt, der ein bisschen aussieht wie Dantes fünfter Höllengraben: Hier schwimmt sich's anders als im Serchio!

Böses Erwachen

Vielleicht kommen wir der Sache näher, wenn wir es einmal so versuchen: Wir sind aus tiefem Schlaf erwacht. Wir wurden aufgeschreckt, jetzt reiben wir uns die Augen. In unserem sprachlichen Bewusstsein ist es der Dornröschenschlaf, der diese Metapher prägt. Das Dornröschen schläft hundert Jahre, und mit ihm schläft der ganze Hofstaat, selbst die Fliege an der Wand rührt sich hundert Jahre nicht. Und dann geht alles seinen Gang, als wäre nichts gewesen. Am 9. November 1989 sind wir wachgeküsst worden - märchenhaft!

Sendetermine der Reihe

Katharina Hacker - 15. Februar
Ian Kershaw - 22. Februar
Susanne Schädlich - 1. März
Philipp Blom - 8. März
Gregor Hens - 15. März
Ilija Trojanow - 22. März
Marica Bodrožić - 29. März
Alan Gilbert - 5. April

Das amerikanische Pendant zum Dornröschen hat Washington Irving geschrieben, es liest sich ganz anders. Rip van Winkle, der Antiheld des Märchens, geht mit Flinte und Hund in den Wald, um zu jagen. Er setzt sich an einen Baum und schläft ein, und als er aufwacht, hat er einen langen Rauschebart, von seinem Hund ist nichts geblieben als das Skelett, die Flinte ist verrostet. Er kehrt zurück ins Dorf und stellt fest, dass die Welt nicht mehr dieselbe ist. Rip hat die amerikanische Revolution verschlafen. Ihr Grollen und Donnern aber hat er im Schlaf gehört. Er hielt es für einen Alptraum.

Wir wachen also auf und denken, die Welt hätte sich über Nacht verändert. Aber wir haben geschlafen - sehr lange geschlafen! Dann wurden wir aus dem Schlaf gerissen, und der Alptraum hat begonnen. Dass zwischen der amerikanischen Ostküste und Deutschland sechs Stunden Zeitverschiebung liegen, hat diesen Eindruck nur verschärft. Die amerikanische Präsidentenwahl war für uns ein böses, ein jähes Erwachen - an einem 9. November! Was wir verschlafen haben, war aber keine Revolution, nicht einmal ein Staatsstreich. Habt ihr nicht im Schlaf das Krachen gehört? Das waren die splitternden Planken eines Schiffs, das an der Mole vor Liberty Island zerschellt.

Kommentar
mit Audio

Gedanken zu Trump: Folge 1 - Katharina Hacker

15.02.2017 19:00 Uhr

"Was fällt Ihnen ein zu Donald Trump?" Das hat NDR Kultur Schriftstellerinnen und Schriftsteller gefragt. Katharina Hacker hat vor allem ein Bild vor Augen: Donald Trump im Oval Office. mehr

mit Audio

Gedanken zu Trump: Folge 2 - Ian Kershaw

NDR Kultur hat Schriftstellerinnen und Schriftsteller gefragt: "Was fällt Ihnen ein zu Donald Trump?" "Abscheulich und gefährlich", lautet die Antwort des Historikers Ian Kershaw. mehr

Gedanken zu Trump: Schutzwall der Demokratie

08.03.2017 10:20 Uhr

"Was fällt Ihnen ein zu Donald Trump?" Der Historiker Philip Blom meint: Trump ist ideale Autoritätsfigur einer Gesellschaft, die ihren Glauben an den politischen Prozess verloren hat. mehr

Gedanken zu Trump: Folge 3 - Susanne Schädlich

NDR Kultur hat Schriftstellerinnen und Schriftsteller gefragt: "Was fällt Ihnen ein zu Donald Trump?" Susanne Schädlich beschäftigt besonders eine Frage: "Ist Trump Amerika?" mehr

Gegen Trump: Sollen Literaten wachrütteln?

Paul Auster hat angekündigt, vehement gegen US-Präsident Trump kämpfen zu wollen. Das erinnert an Böll und Grass. Welchen Sinn aber hat literarisches Engagement in diesen Zeiten? mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.03.2017 | 11:20 Uhr