Stand: 15.07.2019 16:49 Uhr

"Die radikalste Form ist, sich selbst auszuliefern"

Mutige Texte sind es, die Carolin Emcke schreibt. "Gegen den Hass" - so etwa der Titel des Essays, für den die Journalistin und Publizistin 2016 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekam. Mit "Ja heißt ja und ..." ist ihr Bühnenprogramm zur #MeToo-Debatte überschrieben, das im letzten Dezember Premiere an der Berliner Schaubühne feierte. Inzwischen tourt Carolin Emcke mit der Performance an verschiedenen Theatern in Deutschland. Jetzt ist der Text auch als Buch im S. Fischer Verlag erschienen.

Frau Emcke, das Sexualstrafrecht wurde mit dem Grundsatz: "Nein heißt Nein" 2016 reformiert. Sie sagen: "Ja heißt ja und ..." Wie meinen Sie das?

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Carolin Emcke wurde 2016 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Carolin Emcke: Es ist keine Kritik an diesem Satz, der eben dazu diente, auch die Reform des Sexualstarfrechts zu erklären. Das "Nein heißt nein" gilt natürlich, und das ist auch ganz richtig so. Ich wollte der Diskussion nur hinzufügen, dass wir etwas mehr darüber sprechen, was selbstbestimmte Lust und Begehren bedeuten kann. Dafür steht das "Ja heißt ja und ...". Dieser Text, mit dem ich ans Theater gegangen bin, lebt davon, dass ich mich selber befrage, aber dann auch gesellschaftliche Vorstellungen befrage.

Sie treten mit Ihrer Performance auf die Theaterbühne. Eignet sich der performative Vortrag für dieses Thema? Und wie reagieren die Leute?

Emcke: Für mich ist das ein Experiment und Neuland. Insofern war es zunächst einmal auch mit Angst und Sorge verbunden. Das eignet sich besonders für dieses Themenfeld um die #MeToo-Fragen herum, weil es dabei immer um Körperlichkeit geht, um Verwundbarkeit, um Blicke, um jemanden anschauen und angeschaut werden. Eine Überlegung, warum ich unbedingt damit ans Theater gehen wollte, war: Dass ich mich selber aussetzen wollte. Ich sitze da auch als eine Person mit einer Verwundbarkeit, mit diesem Körper, der dann angeschaut wird. Mir schien das die radikalste Form zu sein: Einen Text und sich selbst auszuliefern. Für mich war das sehr berührend und beeindruckend. Anders als Autorin, die sonst ein Buch schreibt und im Moment des Lesens dieses Buches nicht dabei ist, so kann ich jetzt im Theater schon sehr direkt spüren, hören, mitbekommen, wie Menschen auf das, was ich erzähle, oder wozu ich mich äußere, reagieren. Es gibt zwei Momente: Einmal direkt bei der Performance, wo ich mitbekommen kann, wann Leute lachen oder wann es ganz, ganz still wird, weil man merkt, dass der Text Menschen auch bedrängt. Andererseits versuche ich nach der Vorführung noch ein bisschen im Theater zu bleiben, sodass mich Zuschauer*innen auch ansprechen können und von ihren eigenen Familiengeschichten und Lebenserfahrungen erzählen können.

Vielleicht können Sie auch beschreiben, wie es Ihnen geht, wenn Sie auf der Bühne stehen?

Emcke: Am Anfang, bei der Premiere, war ich nur aufgeregt, ob ich es hinkriege. Da konnte ich gar nicht über sehr viel nachdenken. Aber es ist schon ein Text, der aus eigenen Erfahrungen erzählt und damit liefert man sich natürlich auch ein bisschen aus. Dieses Performative ist eine Herausforderung, aber eben auch aufregend.

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Die #MeToo-Debatte kam vor anderthalb Jahren auf. Inzwischen, so ist mein Eindruck, hat sich einiges verändert: Männer überprüfen sich stärker, Frauen reagieren selbstbewußter. Wie hat sich die Debatte in Ihren Augen verändert?

Emcke: Das, was Sie wahrnehmen, nehme ich auch wahr. Ich glaube, das gibt es tatsächlich: Dass Frauen sich eher trauen, nicht immer nur unangemessen fühlen oder sich schämen und Angst haben. Da gibt es ein größeres Selbstbewusstsein, das ist sehr, sehr gut. Trotzdem würde ich sagen, ist es noch eine Diskussion. Die ist in bestimmten Branchen, in bestimmten Lebenswelten, wo es ein größeres Bewusstesein gibt, stark thematisiert worden. Und dann gibt es andere Bereiche, in denen ist das überhaupt nicht, oder zu wenig der Fall. Insofern gibt es da wirklich noch Nahcholbedarf: In der Landwirtschaft, im Pflegebereich, in der Dienstleistungsbranche. Außerdem gibt es immer noch einen großen Widerstand, Abwehr und eine große Aggression gegen feministische Perspektiven und Argumente. Insofern würde ich sagen: Es ist ein ambivanlentes Ergebnis.

Auf der einen Seite gibt es Gewalt und Gewaltverbrechen, auf der anderen Seite die alltäglichen Respektlosigkeiten. Ist im Reden darüber die Differenzierung überhaupt immer trennscharf?

Emcke: Es ist sehr vieles unsortiert. Das hat aber auch mit Beziehungen und Emotionen zu tun. Das ist ja auch gar nicht so einfach, das alles zu sortieren oder zu klären. Aber um es zu klären, muss man eben miteinander sprechen. Der für mich stärkste Eindruck ist, dass sehr viele Menschen - sogar eher aus der älteren Generation - kommen und anfangen, über das zu sprechen, was in den Familien beschwiegen wurde. Das hat mich sehr beeindruckt. Das zeigt mir, dass es wirklich großen Gesprächbedarf gibt. Oder einen großen Bedarf, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.07.2019 | 19:00 Uhr