Stand: 03.07.2019 17:19 Uhr

Bertelsmann-Studie: Was treibt unsere Kinder um?

Freitag für Freitag gehen Schülerinnen und Schüler auf die Straße und kämpfen für ein besseres Klima. Viel stärker als früher hat sich die junge Generation in letzter Zeit bemerkbar gemacht. Aber fühlen sich Kinder und Jugendliche tatsächlich ernst genommen? Und hört man ihnen zu? Fragen, die eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung stellt. Die Studie mitverantwortet hat Anette Stein, Expertin für Bildungs- und Familienpolitik bei der Bertelsmann Stiftung.

Frau Stein, Sie haben rund 3.500 Schülerinnen und Schüler im Alter von acht bis 14 Jahren befragt. Haben Jugendliche das Gefühl, dass ihnen nicht richtig zugehört wird?

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Anette Stein von der Bertelsmann-Stiftung hat die Studie mitverantwortet.

Anette Stein: Vor allem in der Schule und von der Politik fühlen sich viele Kinder und Jugendliche nicht ernst genommen. Sie beklagen, dass ihnen zu wenig zugehört wird und dass sie zu wenig mitgestalten können. Das Bild sieht in der Familie dagegen ganz anders aus, denn ihren Eltern stellen Kinder und Jugendliche überwiegend ein sehr gutes Zeugnis aus.

Die Studie ist aus dem Jahr 2017/18, als es noch keine "Fridays for Future"-Demos gab. Könnte das Ergebnis heute anders aussehen?

Stein: Ich befürchte, dass es zurzeit noch nicht anders aussehen würde. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen auf, wie eine Bewegung wie "Fridays for Future" zustandegekommen ist, dass nämlich viele Kinder und Jugendliche das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden - und deswegen auf die Straße gehen. Veränderungen im Sinne von ernstnehmen, zuhören und entsprechend der Interessen Politik machen - so weit sind wir noch nicht. Aber es gibt große Hoffnung, weil im Augenblick so viel in der Öffentlichkeit dazu passiert, dass sich tatsächlich etwas verändern kann. Doch noch sind viele Schritte zu gehen, sowohl in der Schule als auch in der Politik.

Ihre Studie belegt, dass viele Kinder ihre Rechte nicht kennen. Welche Rechte sind da gemeint?

Stein: Das sind im Grunde genommen alle Rechte, die in der UN-Vereinbarung seit 30 Jahren in Deutschland zugesichert sind. Zum Beispiel: aufwachsen in Unversehrtheit, also gesund, gut aufwachsen können. Oder: Zugang zu Bildung zu haben. Das heißt aber auch: informiert zu sein über die Rechte, die man selber hat. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass es hier sehr große Unsicherheiten gibt. Das ist ein eher ernüchterndes Bild nach 30 Jahren UN-Vereinbarung.

Sie haben auch das Verhältnis der Kinder untereinander untersucht. Beim Thema Sicherheit gibt es offenbar auch Probleme: Kinder fühlen sich von anderen gehänselt, gemobbt, nicht selbstsicher. Gibt es Ursachen dafür, dass dieses Sicherheitsgefühl fehlt?

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Stein: Bei den Jugendlichen wurde häufig thematisiert, dass sie keine oder nicht ausreichend Vertrauenspersonen in ihrer Schule finden. Je älter die Kinder sind, desto weniger scheinen ihnen die Möglichkeiten gegeben zu sein, sich jemandem anzuvertrauen oder Hilfe zu bekommen. Wir haben außerdem einen erschreckenden Befund, dass gerade Kinder aus Familien mit finanziellen Sorgen häufiger von Ausgrenzung und Gewalt betroffen sind als Gleichaltrige. Das heißt, dass das Thema Kinderarmut hier auch eine Rolle spielt: Man kann nicht teilhaben, man kann Freizeitaktivitäten, für die man auch mal Geld braucht, nicht mitmachen. Das führt dazu, dass diese Kinder häufiger durch Gewalt und Ausgrenzung schlechter gestellt sind.

Verstehe ich Sie richtig, dass es offenbar einen Zusammenhang gibt zwischen Gewalterfahrung und Ausgrenzung auf der einen Seite und finanziellen Sorgen in den Familien auf der anderen? Welche Erklärung haben Sie dafür?

Stein: Wir konnten in der Studie nicht genau erfragen, woran das liegt, aber in den Gruppendiskussionen haben die Kinder und Jugendlichen geschildert, was das für sie bedeutet, wenn sie nicht mithalten können, weil das Geld nicht da ist. Dass sie zum Beispiel nicht auch mal eine Woche in Urlaub fahren können wie andere. Das führt zu Rückzug - das führt aber auch dazu, dass sie sich schämen und dass häufiger Gewalterfahrungen gemacht werden.

Nun tritt am 1. August das reformierte Bildungs- und Teilhabepaket in Kraft. Verstehen Sie die Ergebnisse Ihrer Studie auch als Kritik an der Bundespolitik in Sachen Familienförderung?

Stein: Das, was jetzt neu auf den Weg gebracht worden ist, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, aber das reicht nicht aus. Wir werden keine gute Kinder- und Familienpolitik machen können, wenn wir nicht Kinder und Jugendliche danach fragen, was sie brauchen. Die Studie hat gezeigt, dass Kinder andere Dinge thematisieren, für die die Erwachsenen gar nicht den Blick haben und zu denen sie teilweise auch nichts sagen können. Wenn wir also eine wirksame Kinder- und Jugendpolitik machen wollen, müssen wir diese fragen. Und das heißt: ganz anders ansetzen. Wir haben überhaupt keine Grundlagen in Deutschland, nach denen wir sagen können, was Kinder brauchen. Jetzt die Sätze zu erhöhen, wird es nicht verändern, denn wir wissen gar nicht, was Kinder und Jugendliche brauchen, um gut aufwachsen zu können.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Anette Stein © Bertelsmann Stiftung

Bertelsmann-Studie: Was treibt unsere Kinder um?

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Fühlen sich Kinder und Jugendliche hierzulande ernst genommen? Das Ergebnis einer neuen Studie zeichnet ein "ernüchterndes Bild", sagt Anette Stein von der Bertelsmann Stiftung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.07.2019 | 19:00 Uhr