Stand: 01.03.2018 15:49 Uhr

Ein neuer Feiertag soll einen, nicht trennen!

Der Reformationstag soll neuer Feiertag im Norden werden. In Mecklenburg-Vorpommern ist er bereits ein gesetzlicher Festtag, nun stimmen nach und nach die Länderparlamente ab. Doch es gibt auch Kritik. Von den jüdischen Gemeinden etwa. Auch der muslimische Theologe Mouhanad Khorchide hält das nicht für sinnvoll. Er hat einen anderen Vorschlag.

Stimmen zum Thema

Ein Kommentar von Mouhanad Khorchide

Die Debatte um den Reformationstag als neuen Feiertag im Norden wird auch von Muslimen interessiert verfolgt -  manchmal durchaus mit einem gewissen Schmunzeln. Denn von Anfang an setzten sich auch zahlreiche Politiker für den neuen protestantischen Feiertag ein. Und oft wird ja sonst gerade Muslimen der Vorwurf gemacht, Politik und Religion nicht genug zu trennen.

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Sicherlich - wir leben in einer Gesellschaft mit einer vor allem christlich geprägten Feiertagskultur. Und es mag auch gute Gründe geben für den Reformationstag als neuen gemeinsamen Feiertag im Norden. Er kann zum Beispiel für gesellschaftlichen Aufbruch stehen, für Mut zur Veränderung. Auch Muslimen hat Martin Luther etwas zu sagen. Allein die Idee der Reformation: zu hinterfragen und zu reflektieren, selbstbestimmt den Glauben zu leben. Es gibt den Vorschlag, den Reformationstag zu einem gemeinsamen interreligiösen Feiertag zu erklären. Doch ich bezweifele, ob das so gut ankommt bei Vertretern der anderen Religionen und Weltanschauungen. Viele werden sich fragen: Warum sollen wir uns am Reformationstag orientieren?  

Die ethnische und weltanschauliche Vielfalt würdigen

Daher plädiere ich für einen neuen gemeinsamen weltlichen Feiertag. Vor allem weil ich es als muslimischer Theologe wichtig finde, die ethnische und weltanschauliche Vielfalt in unserer pluralistischen Gesellschaft zu würdigen. Jeder Mensch hat in unserer Gesellschaft das Recht darauf, anerkannt zu werden. Diese Vielfalt stellt jedoch auch eine Herausforderung für unser Zusammenleben dar. Das zeigt sich nun auch bei der Debatte um den neuen protestantischen Feiertag. Konsequenterweise müssten wir beispielsweise ebenfalls darüber nachdenken, einen muslimischen, jüdischen, buddhistischen, hinduistischen oder humanistischen Feiertag einzuführen oder einen Feiertag für alle. Denn nach welchem Kriterium sprechen wir der einen Glaubensgemeinschaft einen Feiertag zu, den anderen aber nicht? Schaffen wir hier nicht unnötige Spannungen in unserer Gesellschaft? Manche Muslime fordern, einen islamischen Feiertag einzuführen. Dem stehe ich genauso skeptisch gegenüber. Uns muss es um das Prinzip an sich gehen, und das lautet: Gleichberechtigung. 

Über den Autor

Mouhanad Khorchide, geboren 1971 im Libanon, ist Leiter des Zentrums für Islamische Theologie und Professor für Islamische Religionspädagogik an der Wilhelms-Universität Münster. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter eines zeitgenössischen, liberalen Islam im deutschsprachigen Raum.
Bekannt wurde er u.a. als Autor des Buches "Islam ist Barmherzigkeit: Grundzüge einer modernen Religion" (Herder 2012). Eine seiner letzten Veröffentlichungen: "Ist der Islam noch zu retten? Eine Streitschrift in 95 Thesen", Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide (Autoren), Droemer Knaur 2017

Ein weltlicher Feiertag, der von allen getragen wird

Die Würdigung von weltanschaulicher Vielfalt in einer Gesellschaft beinhaltet ja eine Gleichstellung und Gleichbehandlung eben dieser Vielfalt. Da es allerdings unmöglich ist, so viele Feiertage einzuführen, wie es weltanschauliche Gemeinschaften in Deutschland gibt, sehe ich die Notwendigkeit, einen symbolischen Feiertag einzuführen, der möglichst von allen getragen wird. Wobei jede weltanschauliche Gemeinschaft und jeder Mensch das Recht hat, diesen Feiertag im Sinne seiner jeweiligen Weltanschauung aufzufassen. Denn der neue Feiertag soll nicht trennen, sondern einen. Und er soll gemeinsam gefeiert werden.  

Ich spreche hier bewusst von Weltanschauung und nicht allein von Religion, um niemanden auszuschließen. Auch diejenigen nicht, für die der Glaube keine Bedeutung hat. Daher halte ich es auch nicht für sinnvoll, einen gemeinsamen interreligiösen Feiertag einzuführen. Eine überzeugende Alternative sehe ich vielmehr in dem Vorschlag, den Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember als gemeinsamen Feiertag für alle einzuführen. Denn der Mensch sollte der gemeinsame Nenner aller in einer pluralen Gesellschaft anerkannten Weltanschauungen sein. Um ihn geht es letztlich.

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Ein neuer Feiertag soll einen, nicht trennen!

02.03.2018 15:20 Uhr

Der Reformationstag - ein neuer gemeinsamer Feiertag im Norden? Mouhanad Khorchide hält das für keine gute Lösung. Und er hat auch einen Alternativvorschlag. Audio (03:35 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 02.03.2018 | 15:20 Uhr