Stand: 11.01.2018 16:49 Uhr

Iran-Proteste - Welche Rolle spielt die Religion?

Tagelang gingen Anfang des Jahres in Iran vor allem junge Menschen auf die Straße, um gegen die iranische Regierung zu protestieren. Warum genau es zu den landesweiten Demonstrationen kam, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur ist vergangene Woche im Iran gewesen und schildert ihre Sicht auf die Proteste.

Ein Kommentar von Katajun Amirpur

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Katajun Amirpur ist stellvertretende Direktorin der Akademie der Weltreligionen (AWR) der Universität Hamburg.

Geht es hier um Religion? Diese Frage kam schnell auf anlässlich der Proteste in Iran. Zwar waren der Auslöser der Proteste die gestiegenen Lebensmittelpreise. Dann aber wurden schnell Parolen gerufen, die das gesamte System infrage stellten. Und das in Maschhad, einem der beiden großen religiösen Zentren des Landes. Zudem ist das iranische System eines, das sich religiös legitimiert und sich als ein religiöses versteht. Insofern ist die Frage in der Tat nicht abwegig. Religion und Staat, Religion und Politik sind in Iran so stark verwoben, dass sich das eine nicht vom anderen trennen lässt. Wohlgemerkt: In der gesellschaftspolitischen Realität der Islamischen Republik Iran ist das so, nicht im Islam an sich.

Wo ist die Gerechtigkeit?

Die Granden der Islamischen Republik behaupten, den sogenannten reinen mohammedanischen Islam zu verwirklichen, "eslâm-e nâb-e mohammadi". Kein Wunder also, dass sie an diesem Anspruch gemessen werden. Die Revolution des Jahres 1978/79, die in diesen Tagen vor 40 Jahren begann und inzwischen Islamische Revolution genannt wird, hatte als eines ihrer Ziele die Beseitigung von Ungerechtigkeit formuliert. Von wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und sozialer Ungerechtigkeit. "Oh Mohammad, Du hast gesagt, ein Volk kann nicht ohne Gerechtigkeit sein" - das war eines der wichtigsten Lieder der Revolution. Gerechtigkeit sollte hergestellt werden, die Revolution wurde im Namen der sogenannten Entrechteten, der "mostazafun", angezettelt.

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Iran-Proteste - Welche Rolle spielt die Religion?

12.01.2018 15:20 Uhr

Warum genau es Anfang des Jahres zu den Demonstrationen in Iran kam, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur schildert ihre Sicht auf die Proteste. Audio (03:57 min)

Und heute? Wo ist die Gerechtigkeit für diese Ärmsten der Armen geblieben? 40 Prozent aller Iraner leben unterhalb der Armutsgrenze. In einigen Gegenden des Landes liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei über 60 Prozent. Auf der anderen Seite gibt es Gegenden in Teheran und außerhalb, in Lavasan, wo die Superreichen ihren Reichtum so protzig zur Schau stellen, dass einem schlecht wird. So sehr wie heute ging die Schere zwischen Arm und Reich noch nie auseinander. Und einige der Supersuperreichen sind Mullahs, also die, die sich von Amts wegen, aufgrund ihres religiösen Amtes eben, um das Wohl und Wehe ihrer Schäfchen sorgen sollten. Das tun sie nicht. Aber das ist nichts Neues. Das weiß man, das ist schon lange so.

Ganz früher war die Geistlichkeit "posht-o-panah-e mardom", Zuflucht und Rückhalt der Bevölkerung. Dafür bietet die iranische Geschichte viele schöne Beispiele. Aber damit ist es schon lange vorbei. Der Ruf der Geistlichkeit und mit ihr der Islam hat irreparablen Schaden genommen in der Islamischen Republik. Der iranische Philosoph Abdolkarim Soroush hat einmal treffend formuliert: Die islamische Religion war so tief verwurzelt im iranischen Volk, dass nur eine islamische Republik es schaffen konnte, diese Wurzeln auszureißen.

Korruption, Macht- und Amtsmissbrauch, Misswirtschaft

Insofern geht es natürlich um die Religion. Einerseits. Aber andererseits auch nicht. Die Meisten haben schon längst den Glauben an den religiösen Charakter der Islamischen Republik verloren. Für sie sind es ganz simpel Korruption, Macht- und Amtsmissbrauch sowie Misswirtschaft, die in Iran herrschen. Dass religiöse Herrscher oder im Namen der Religion Herrschende ebenso korrupt sind wie nicht-religiöse ist eine Lehre, die die Menschen in Iran schon lange verinnerlicht haben. Und dass dieses System kein religiöses ist, haben viele sehr religiöse Menschen inzwischen sogar schriftlich: Bereits nach der Niederschlagung der Unruhen des Jahres 2009 hat Groß-Ayatollah Hossein Ali Montazeri in einer Fatwa, einem Rechtsgutachten, erklärt, dieses System sei weder republikanisch, noch islamisch, sondern ungerecht. Schlimmer kann ein Vorwurf im schiitischen Islam nicht sein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 12.01.2018 | 15:20 Uhr