Stand: 27.12.2019 12:03 Uhr

Ein buntes Bild der islamischen Geldtheorie

von Thomas Klatt

Der Tübinger Theologe Abdelaali El Maghraoui fächert in seiner gerade erst erschienenen Doktorarbeit auf gut 360 Seiten ein buntes Bild der islamischen Geldtheorie und des muslimischen Marktgeschehens auf. Und siehe da: Unsere westlichen Banken und Volkswirtschaften könnten von den klassischen sunnitischen Rechtsschulen des Mittelalters heute noch etwas lernen.

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Abdelaali El Maghraoui hat über die Grundzüge der islamischen Geldtheorie seine Doktorarbeit veröffentlicht.

Jesus predigte, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht als ein Reicher ins Himmelreich. Und in der Apostelgeschichte wird die Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde hervorgehoben. Doch anders als im Neuen Testament findet sich im Koran grundsätzlich keine Kritik an Kapital und Besitz. Geld ist darin erst mal gut. Der Koran hat zwei Quellen: die Suren aus der Zeit Mohameds in Medina - die Stadt war agrarisch geprägt - und die Suren aus der späteren Zeit in Mekka. Diese Stadt war der wichtigste Handelsplatz auf der arabischen Halbinsel.

"Die beiden Quellen vertreten eine positive Position bezüglich des Vermögens und des Kapitals", sagt Abdelaali El Maghraoui. "Sie enthalten aber keine Zauberformel, wie man das Geld vermehren oder den Ertrag eines Ackers maximieren kann." Der Islam will vor allem einen fairen Handel und Wettbewerb auf dem Markt. Den Gütertausch verstand die klassische islamische Rechtsgelehrsamkeit als eine Art Friedensvertrag.

"Es ging immer schon um Realismus"

Ein Koran auf Koranständer und einem Gebetsteppich in einer Moschee. © NDR Foto: Julius Matuschik

Weniger riskante Bankgeschäfte im Islam

NDR Kultur

Was sagt der Koran zu Geldgeschäften? Damit hat sich Abdelaali El Maghraoui beschäftigt. Die Hartherzigkeit des Menschen soll z. B. eingeschränkt werden, meint er.

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"Was im Koran tatsächlich verboten ist, ist der Riba, eine Handelspraxis, die einen ausbeuterischen Charakter hat, dass man die Schuldsumme nach einem Jahr oder bei Fälligkeit verdoppelt", so El Maghraoui. Der Zinzwucher also ist verboten - aber längst nicht alle Arten, Zins zu nehmen, sagt El Maghraoui. Denn "Riba", der Wucher, treibt den unterlegenen Handelspartner in den Ruin oder sogar in die Sklaverei. "Man sagt in der klassisch islamischen Tradition, dass das Zinsverbot auch als Spekulationsverbot zu verstehen ist", sagt El Maghraoui. "Dabei geht es um Grundnahrungsmittel. Das Riba-Verbot versucht auch die Spekulation von solchen Gütern zu vermeiden."

Kein Wunder also, dass während der großen Bankenkrise, das Islamic Banking weltweit weniger betroffen war. Denn das war und ist viel weniger spekulativ. Islamic Banking ist stattdessen an der Realwirtschaft orientiert. Hochriskante Spekulations- und Derrivatgeschäfte sind weniger denkbar. Es ging immer schon um Realismus, so El Maghraoui. Das islamische Recht wollte nicht den idealen Menschen beschreiben, sozusagen den "homo islamicus". Es ging ihm darum, die Hartherzigkeit des Menschen einzuschränken, ihn nicht zu jenem zügellosen "homo oeconomicus" werden zu lassen, der auch in ihm angelegt ist.

Eine sozialdemokratische Auffassung

"Handelt gerecht, das kommt der Gottesfurcht näher", heißt es an anderer Stelle im Koran. "Wenn ihr zumesst, haltet ein das Maß und wiegt mit rechter Waage!" Ein gerechtes Maß finden: Das gilt auch für Chefs und Beschäftigte. Oder für die "Sharika" - das arabische Wort steht heute für "Fabrik" oder "Firma". Ursprünglich verstanden die muslimischen Rechtsgelehrten aber etwas anderes unter "Sharika": eine Partnerschaft.

"Diese Partnerschaft kommt dadurch zustande, dass ein Partner Kapital beisteuert, während der andere Arbeit beisteuert", erklärt El Maghraoui. "Sie sind bei der Vertragsgestaltung gleichberechtigt. Wir haben es hier nicht mit einem Verhältnis Chef-Mitarbeiter zu tun, sondern mit Partnern. Der Gewinn wird gleichberechtigt verteilt."

Alle im Betrieb erarbeiten je nach Können und Ausbildung gemeinsam den Gewinn, der dann geteilt wird. Eine geradezu sozialdemokratische Auffassung. Sie stammt aber aus dem klassischen islamischen Recht. Ein Recht, das Geld und Zinsen keineswegs tabuisierte, das aber intensiv darüber nachdachte, wie sich bei aller menschlichen Gier Fairness und maßvolles wirtschaftliches Handeln in ein gutes Verhältnis bringen lassen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 27.12.2019 | 15:20 Uhr